Moskau reagiert auf scharfe internationale Kritik an der eigenen Kriegsführung. Bei der Verbreitung falscher Behauptungen kann die russische Regierung auch Ausländer zählen.

In sozialen Medien wird behauptet, die Ukraine greife mit Drohnen russische Kindergärten und Schulen an. Alle westlichen Vorwürfe gegen Russland, Kindergärten und Krankenhäuser in der Ukraine angegriffen zu haben, hätten sich hingegen als falsch erwiesen. Zudem habe sich herausgestellt, dass wohl auch die polnische Klage gegen das Eindringen russischer Drohnen unbegründet sei.

Bewertung

Diese Behauptungen sind entweder nachweislich falsch oder zumindest völlig unbewiesen.

Fakten

Ein Anfang 2026 in Luxemburg verbreiteter Facebook-Post teilt ein gut zwei Minuten langes Video mit der Überschrift «Merkt man was vom Konflikt in Russland?». Autor des Videos ist ein deutschsprechender Mann, der eigenen Angaben zufolge im Jahr 2022 nach Russland ausgewandert ist.

Der Autor berichtet über die Lage in der russischen Stadt Jaroslawl, knapp 300 Kilometer nordöstlich von Moskau an der Wolga gelegen. Von dort bekomme er «jeden Tag» Meldungen über ukrainische Angriffe (0:25). Im Bildhintergrund sind mehrere solcher Mitteilungen vom November 2025 zu sehen. Die Ukrainer versuchten, mit Drohnen die Ölraffinerie von Jaroslawl zu treffen. 

Dann behauptet er: «Und wenn es nicht gelingt und die merken, dass es keine Aussicht gibt, was machen die? Genau: Die fliegen auf Kindergärten, Schulen. Es ist scheißegal, was dort ist. Hauptsache Zivilisten.» (0:33) Die beste Freundin seiner Frau wohne in der Nähe der Raffinerie und wisse daher, «was dann schlussendlich getroffen wird». Das seien «natürlich Kindergärten, Schulen, medizinische Einrichtungen», sagt er (0:58).

Ukraine griff russische Raffinerie an

Zutreffend ist, dass sich im Südwesten der Stadt die nach Expertenschätzungen viertgrößte Ölraffinerie Russlands befindet, die für die Verarbeitung von 15 Millionen Tonnen Öl pro Jahr ausgelegt ist. Die Raffinerie wurde in den vergangenen Monaten immer wieder von ukrainischen Drohnen angegriffen.

Am 12. Dezember 2025 meldete der ukrainische Generalstab, man habe die Raffinerie getroffen und dort ein großes Feuer ausgelöst. Am 31. Dezember 2025 berichtete die Ukraine über die Zerstörung eines großen Tanklagers in der Region Jaroslawl. Die Behauptungen in dem Video haben mit diesen Angriffen nichts zu tun, weil das Video bereits am 9. November 2025 veröffentlicht wurde. Der Autor zeigt auch beispielhaft Mails vom 5. November.

Tatsächlich gibt es keinerlei russische Angaben über Angriffe auf Kindergärten, Schulen oder Krankenhäuser in der Region Jaroslawl.

TASS berichtete: «Es gibt keine Opfer»

Die russische Nachrichtenagentur TASS berichtete seit Ende September mehrfach über ukrainische Drohnenangriffe auch im Raum Jaroslawl. So heißt es in einer Meldung vom 28. September 2025, in der fraglichen Region seien drei Drohnen zerstört worden. Am 22. Oktober berichtete TASS, nach Drohnenangriffen in Jaroslawl sei der Verkehr am dortigen Flughafen vorübergehend eingestellt worden. Am 31. Oktober berichtete TASS, ein Drohnenangriff auf Jaroslawl sei abgewehrt worden: «Es gibt keine Opfer.» Allerdings stellten herumliegende Trümmerteile eine Gefahr dar.

Am 5. November erwähnte TASS erneut zeitweilige Einschränkungen am Flughafen von Jaroslawl. Zivile Opfer wurden erneut nicht vermeldet. In einer Meldung vom 10. November heißt es, die Rekrutierung von Reservisten zum Schutz der Ölraffinerie von Jaroslawl habe begonnen. Angesichts von «zunehmend häufigen» Angriffen auf die Raffinerie gehe es darum, diese vor Drohnen zu schützen.

Am 11. November 2025 schließlich berichtete TASS, die Ukraine habe in der vergangenen Woche täglich mehr als 500 «Projektile» auf «zivile Infrastruktur» in Regionen im Landesinneren Russlands abgefeuert. Auch die Region Jaroslawl wurde in diesem Zusammenhang genannt. In der Region Wolgograd seien dabei zwei Menschen verletzt worden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Russland die eigenen Raffinerien, Treibstofflager oder Umspannwerke als Teil der zivilen Infrastruktur betrachtet.

Am 18. November 2025 berichtete TASS über den Abschuss von 31 ukrainischen Drohnen über russischen Regionen, davon drei in der Region Jaroslawl. Am 11. Dezember berichtet die Agentur über 287 Drohnen, die in 12 russischen Regionen zerstört worden seien. Davon seien 11 in der Region Jaroslawl abgeschossen worden. In der Region Tula etwa 200 Kilometer südlich von Moskau seien die Gebäude einer Schule und einer Tankstelle von herabfallenden Trümmern beschädigt worden. In der Region Twer etwa 170 Kilometer nordwestlich von Moskau seien sieben Menschen, darunter ein Kind, als Folge eines «Drohnenangriffs auf ein Haus» verletzt worden.

Es gibt also im letzten Quartal des Jahres 2025 durchaus russische Berichte über ukrainische Drohnenangriffe. Es gibt aber – unter anderem im Zeitraum bis zur Veröffentlichung des fraglichen Facebook-Posts am 9. November – keine TASS-Meldung über ukrainische Drohnenangriffe auf Kindergärten, Schulen oder Krankenhäuser. Auch andere offizielle russische Stellen behaupteten das nicht.

Bei russischen Angriffen sterben viele Ukrainer

Ganz anders bei russischen Angriffen in der Ukraine: Die Organisation Human Rights Watch erklärte im Mai 2025, dabei seien seit Januar 2025 mehr Zivilisten getötet worden als im gleichen Zeitraum 2024. Es handele sich gemäß internationalem Recht um Kriegsverbrechen. Bei vier russischen Angriffen in den ersten vier Monaten des Jahres seien mindestens 47 Zivilisten getötet und mehr als 180 verletzt worden.

Dabei gehe es beispielsweise um einen Raketenangriff auf ein Wohnhaus in Poltava 240 Kilometer von der Frontlinie entfernt vom 1. Februar. Am 4. Februar 2025 hätten russische Streitkräfte das Rathaus der Stadt Izium 42 Kilometer von der Front entfernt beschossen. Das nächste militärische Ziel – ein Rekrutierungsbüro – sei einen Kilometer entfernt gewesen. Am 5. März sei das Zentralhotel von Kryvyi Rih beschossen worden. Am 4. April sei ein Geschoss über einem Spielpatz in der selben Stadt explodiert, wobei mindestens 20 Menschen, darunter 9 Kinder, getötet worden seien. 

In dem fraglichen Video wird auch behauptet, alle in Deutschland verbreiteten Nachrichten über russische Angriffe auf Kindergärten und Hospitäler hätten sich «am Ende als falsch dargestellt» (01:15). Davon kann keine Rede sein. Tatsächlich haben russische Drohnen und Raketen immer wieder erhebliche Schäden an Schulen, Wohn- und Krankenhäusern in der Ukraine angerichtet.

«Die Sache» in Polen wurde aufgeklärt

Der Autor des Videos spricht auch betont ungenau über «die Sache, die in Polen passiert ist» (01:25). «Habt ihr das eigentlich mitbekommen? Dass Polen jetzt festgestellt hat, dass es keine russischen Drohnen waren?», fragt der Sprecher. Und gibt selbst die Antwort: «Wahrscheinlich nicht. Weil es wird groß geschrien „Russland“ – und wenn dann doch rauskommt, es war gar nicht Russland, dann schreiben die das im Teletext auf Seite 999, dass das keiner mehr lesen kann.»

Mit dieser Behauptung wird die gängige Verschwörungserzählung wiederholt, die westlichen Medien verschwiegen absichtlich die Wahrheit. Diese Behauptung ist aber auch in diesem Fall falsch.

Der Autor bezieht sich offenbar auf einen Vorfall vom 10. September 2025. Damals war eine große Zahl russischer Drohnen in den Luftraum Polens geflogen. Die polnische Luftwaffe und NATO-Verbündete in Polen schossen erstmals einige russische Drohnen ab. Das russische Außenministerium bestritt eine absichtliche Verletzung des polnischen Luftraums. Polens Regierungschef Donald Tusk erklärte hingegen, er habe an einer absichtlichen Provokation keinen Zweifel.

Jedenfalls teilte Polen am 18. September mit, Untersuchungen hätten ergeben, dass ein nach dem Eindringen der russischen Drohnen beschädigtes Haus nicht von diesen Drohnen, sondern vielmehr von einer Rakete eines westlichen Kampfjets getroffen worden sei. Das Steuersystem dieser Rakete, die zum Abschuss der russischen Drohnen eingesetzt wurde, sei defekt gewesen. Tusk sagte dazu, die Verantwortung für die Schäden an dem Haus lägen «bei den Urhebern der Drohnenprovokation, also bei Russland». Im Gegensatz zur Behauptung in dem Video wurde über diese polnische Erklärung in allen großen westlichen Medien berichtet, beispielsweise hier.

(Stand 6.1.2026)