Die jüngsten Äußerungen von Donald Trump zu Grönland sind kein isolierter Ausrutscher, sondern Teil eines politischen Gesamtbildes, das zunehmend beunruhigt. Lange konnte man Trumps Worte als Provokationen, als Flausen eines Präsidenten abtun, der Aufmerksamkeit sucht und rote Linien rhetorisch überschreitet. Doch spätestens mit dem Militäreinsatz in Venezuela hat Trump gezeigt, dass seinen Worten Taten folgen können. Er hat Fakten geschaffen – und damit die Maßstäbe verschoben.
Empfohlene Artikel
Die globale Signalwirkung
Trump betreibt eine Außenpolitik der Drohung und der vollendeten Tatsachen. Das ist klassische Kanonenboot-Politik. Militärische Macht ersetzt Diplomatie, Unsicherheit wird gezielt erzeugt, um Gegner wie Verbündete gleichermaßen unter Druck zu setzen. In diesem Kontext sind auch die Aussagen zu Grönland zu lesen: Zeitansagen, Sicherheitsargumente, das bewusste Offenlassen militärischer Optionen. Das ist keine Gedankenakrobatik, sondern Machtprojektion.
Gleichzeitig zerstört Trump damit die regelbasierte internationale Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde, um genau solche imperialen Ansprüche zu verhindern. Wenn die USA offen Völkerrecht brechen oder relativieren, liefern sie autoritären Herrschern weltweit eine Legitimation gleich mit. Despoten wie Wladimir Putin erhalten eine Steilvorlage: Wer Macht hat, setzt sich durch – Regeln gelten nur noch, wenn sie nützen.
Die vergessene menschliche Perspektive
Die Grönland-Frage macht diese Logik besonders greifbar. Sicherheitsinteressen, Rohstoffe und Geostrategie werden herangezogen, um die territoriale Integrität eines Verbündeten infrage zu stellen. Und hier stellt sich eine oft übersehene Frage: Wie fühlt sich eigentlich „Georg, der Grönländer“ – der entfernte Vetter von „Otto Normalverbraucher“? Wie fühlt es sich an, wenn über die eigene Heimat öffentlich gesprochen wird wie über ein strategisches Objekt, das man „braucht“ und sich notfalls nimmt? Für die Betroffenen ist das keine Geopolitik, sondern eine existentielle Verunsicherung.
Europas strategische Schwäche
Auch Europa muss sich selbstkritisch fragen, wie es so weit kommen konnte. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 hat sich die EU zu sehr auf die USA verlassen – militärisch, sicherheitspolitisch und strategisch. Noch immer scheint nicht überall verstanden zu sein, dass Europa sich lösen und auf eigene Beine stellen muss. Nicht nur wegen der Ukraine, sondern grundsätzlich in Fragen von Rüstung, Verteidigung und strategischer Autonomie.
Dabei fehlt es nicht an Substanz: Rund 451 Millionen Einwohner, ein Bruttoinlandsprodukt von etwa 19 Billionen Euro – wirtschaftlich ist Europa mit China vergleichbar. Was fehlt, ist politische Geschlossenheit. In einer Welt der Machtblöcke droht Europa zwischen den Polen USA, Russland und China zerrieben zu werden, wenn es strategisch uneins bleibt.
Das Bündnis auf dem Prüfstand
Besonders heikel ist dies für die Nato. Ein Bündnis ist politisch beschädigt, wenn ein Nato-Mitglied offen Drohungen gegen einen anderen Nato-Partner richtet. Sollte es tatsächlich zu einem Angriff auf Grönland kommen, wäre die Nato faktisch handlungsunfähig. Dann würde nicht mehr das transatlantische Bündnis greifen, sondern der europäische Beistandspakt – ein sicherheitspolitischer Offenbarungseid.
Die Schlussfolgerung ist unbequem, aber unausweichlich: Trumps Worte sind keine bloßen Flausen mehr. Mit Venezuela hat er gezeigt, dass er bereit ist, sie in Gewalt umzusetzen. Europa muss daraus Konsequenzen ziehen – politisch, militärisch und strategisch. Andernfalls wird es zum Zuschauer einer Weltordnung, in der Macht wieder über Recht steht.