Liebe Leserin, lieber Leser,

vor Jahren habe
ich dem damaligen Chef des Umweltbundesamts Jochen Flasbarth eine Wette
angeboten. Es ging um die deutschen Klimaziele für 2020; das Land werde sie
weit verfehlen, habe ich behauptet. Die Wette hätte ich verloren, hätte
Flasbarth sie angenommen, und das sollte mich in meinen Urteilen vorsichtiger
werden lassen. Offenbar neige ich dazu, die Folgen eines gemächlichen,
unspektakulären Fortschritts zu unterschätzen.

Um einen solchen
Fortschritt geht es gerade. Gestern hat der Senat eine Zwischenbilanz seiner
Klimapolitik vorgestellt. Der Hamburger Klimaplan sieht bis 2030 einen um 70
Prozent verringerten Treibhausgasausstoß vor, gemessen am Stand von 1990. Dem
neuen Bericht zufolge ist der Stadtstaat auf gutem Weg, dieses Ziel zu
erreichen. Probleme sähen sie am ehesten im Straßenverkehr, sagte das
Regierungsduo Tschentscher und Fegebank bei der Vorstellung des Papiers. Das
liege am schleppenden Fortschritt der Elektromobilisierung, mithin außerhalb
der eigenen Zuständigkeit.

Ich bin auch
diesmal skeptisch, aber, siehe oben.

Gegenüber 1990
stieß Hamburg 2023 ungefähr 43 Prozent weniger Treibhausgase aus. Das ist ein
bescheidener Rückgang, gemessen am bundesdeutschen Durchschnitt, was auch mit
dem hiesigen Bevölkerungswachstum und den vielen Industriebetrieben zu tun
haben dürfte. Aber es ist unbestreitbar ein erheblicher Fortschritt, der zudem
einem recht stetigen Trend folgt.

© ZON

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Allerdings liegen
Einwände nahe. Das fängt mit den veralteten Daten an: Zahlen von anno 2023,
vorgestellt Anfang 2026? Das Umweltbundesamt hat vor gut einem halben Jahr den
deutschen Treibhausgasausstoß von 2024 bekannt gegeben. Es bedurfte eines
Volksentscheids, damit Hamburg sich demnächst auf aktuellere Angaben stützen
kann. Im kommenden Sommer muss der Stadtstaat eine Schätzbilanz der
Treibhausgasentwicklung für das vergangene Jahr vorlegen, das haben die Bürger
durchgesetzt.

Ein weiteres
Problem ist der schleppende Fortschritt bei den privaten Heizungen. Hier tut
sich kaum mehr als im Straßenverkehr. Darauf angesprochen sagte der Erste
Bürgermeister Peter Tschentscher: „Da muss mal was passieren“, und dass der
technische Fortschritt bei der Entwicklung effizienter Wärmepumpen ihn
zuversichtlich stimme. Halten wir fest: Da muss mal was passieren.

Zudem, das sprach
Tschentscher selbst an: Ein deutlich überproportionaler Anteil der vermiedenen
Treibhausgase wurde in der Industrie eingespart. Das ist, jedenfalls teilweise,
kein Fortschritt, sondern Folge der Krise. Wenn sich die Produktion von Kupfer
oder Aluminium ins Ausland verlagert, nützt das dem Klima nicht.

Und schließlich
weiß man dank bundesweit ermittelter Daten bereits, wie sich der
Treibhausgasausstoß 2024 entwickelt hat. Tendenz: Das Tempo des Fortschritts
sinkt. In einigen Wochen werden die 2024er-Zahlen auch für Hamburg bekannt
gegeben, wir halten Sie auf dem Laufenden.

Haben Sie einen
schönen Tag!

Ihr Frank Drieschner

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen,
wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail
an hamburg@zeit.de.

WAS HEUTE WICHTIG IST

© Axel Heimken/​dpa

Umwelt- und Energiesenatorin Katharina
Fegebank (Grüne) sieht Hamburg besser als Berlin geschützt vor Anschlägen auf
die Energieinfrastruktur
. Das Netz von Deutschlands zweitgrößter Stadt sei
engmaschiger und habe nur einige wenige große Knotenpunkte, sagte Fegebank mit
Blick auf den Anschlag auf das Berliner Stromnetz. „Das heißt, im Ernstfall
haben wir verschiedene alternative Wege, schnell wieder den Stromkreislauf
herzustellen.“ In Berlin waren am Dienstag noch immer rund 25.000 Haushalte und
1.200 Geschäfte ohne Strom.

Um die Gründerszene an
Hamburgs Hochschulen zu stärken, fordert die CDU-Bürgerschaftsfraktion die
Einrichtung eines hochschulübergreifenden Instituts als „Start-up-Motor“.
„Zwischen 2020 und 2024 entstanden an allen staatlichen Hochschulen zusammen
nur 121 Start-ups. Für einen Wissenschafts- und Innovationsstandort ist das ein
alarmierendes Signal“, sagte die Wissenschaftsexpertin der Fraktion, Anna von
Treuenfels-Frowein. Das Hamburg Institute for Venture & Entrepreneurship
(HIVE) soll mit einem oder mehreren Lehrstühlen unternehmerische Kompetenzen
stärken und den Wissenstransfer aus der Forschung in die Praxis fördern, heißt
es in einem Antrag für die Bürgerschaftssitzung in der kommenden Woche.

Nachricht des Tages

© Marcus Brandt/​picture alliance/​dpa

Die Stadt Hamburg und die
Schweizer Reederei MSC machen den nächsten Schritt, um bei der Hamburger Hafen
und Logistik AG (HHLA) das alleinige Sagen zu erhalten. Am Montagabend teilten
sie mit, dass sie die verbliebenen Kleinaktionäre aus dem Unternehmen drängen
und abfinden wollen. Dieses „Squeeze-out“ wollen sie bei der Hauptversammlung
der HHLA am 11. Juni beschließen. Rechtlich ist das Herausdrängen der Akionäre
möglich, weil Stadt und MSC jetzt mehr als 95 Prozent der Anteile halten. Dabei
legt ein externer Gutachter den Wert der Barabfindung fest, Aktionäre müssen
diese annehmen. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Eigner die HHLA danach von
der Börse nehmen, doch das Ganze könnte noch dauern. Einzelne Aktionäre haben
angekündigt, sich gegen das Herausdrängen per Klage zu wehren. Die HHLA ist
Deutschlands größter Hafenkonzern, sie betreibt drei der vier
Containerterminals in Hamburg und eine europaweite Güterbahn-Tochter namens
Metrans.

Der rot-grüne Senat hatte
2023 angekündigt, knapp die Hälfte der HHLA an die Reederei MSC aus der Schweiz
zu verkaufen, um den lange vor sich hin dümpelnden Hafen zu beleben. Künftig
will Hamburg 51 Prozent der Anteile halten und MSC 49 Prozent. MSC ist die
größte Reederei der Welt, und gegen den Einstieg gab es Widerstand aus der
Belegschaft, von der Gewerkschaft ver.di und aus den Fraktionen von CDU und
Linken in der Hamburgischen Bürgerschaft. Die CDU hatte die HHLA einst selbst
an die Börse gebracht. Beim Börsengang Ende 2007 kostete die Aktie 53 Euro,
nach einem kurzen Aufstieg fiel der Kurs dauerhaft weit unter den Wert. Am
Montagabend kostete die Aktie 21,30 Euro.

Kristina Läsker

In aller Kürze

Angesichts der
heftigen Schneefälle hat die Verkehrsbehörde das Verbot von Streusalz auf
Gehwegen und Nebenflächen bis zum 21. Januar aufgehoben
. „Wir wollen, dass
alle sicher durch die Stadt kommen“, sagte Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne)
Die Einrichtungen des Winternotprogramms für Obdachlose sind
derzeit zu 90 Prozent ausgelastet
. Wegen der Minusgrade seien die
Öffnungszeiten der Übernachtungsstätten angepasst worden: von 15 Uhr am
Nachmittag bis 11 Uhr am folgenden Vormittag, teilte die Sozialbehörde mit

THEMA DES TAGES

© Tom Weller/​picture alliance/​dpa

Schnelle Nachbesetzung? Muss gar nicht sein

Stefan
Kuntz führte den HSV zurück in die Bundesliga. Nun hört er überraschend auf –
und der Klub reagiert erstaunlich gelassen. Was steckt dahinter? Das fragt
ZEIT-Autor Daniel Jovanov; lesen Sie hier einen Auszug aus seinem Artikel.

Man kann eine Nachricht
klein machen, indem man sie klein formuliert. Genau das tut der Hamburger SV
einen Tag nach Neujahr, als er den Abschied von Stefan Kuntz bekannt gibt. Ein paar nüchterne Sätze, ein
Dank, der Aufstieg wird erwähnt, fast beiläufig. Kein Pathos, keine große
Verabschiedung. Dabei geht mit Kuntz nicht irgendwer. Er ist der Mann, der den HSV zurück in die Bundesliga (Z+) geführt hat,
der nach fünf vergeblichen Anläufen unter dem früheren Sportvorstand Jonas
Boldt einen Neuanfang verkörperte. Warum also, das fragen sich gerade viele,
ist der Abschied dann so seltsam kühl?

Als Stefan Kuntz im Mai
2024 als Sportvorstand antrat, war das eine große Sache. Kuntz war lange selbst
Spieler, 1996 wurde er Europameister, er trainierte viele Jahre die
U21-Nationalmannschaft und war Vorstandsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern.
Er ist bekannt für seine freundliche, charismatische Art, fast immer hat er ein
Lächeln im Gesicht und ist sich für keinen Spaß zu schade. Der 63-Jährige
sollte dem HSV sportliche Kompetenz, Erfahrung und vor allem ein Gesicht geben.
Man setzte große Hoffnung in ihn. „Wenn ich irgendwann gehe, will ich im
Spiegel zu mir sagen können: Ich habe jeden Stein umgedreht“, wurde Kuntz in
der HSV-Doku Always
Hamburg
des ZDF zitiert.

Kuntz kam in einer Phase, in der der Verein
zunehmend zu zweifeln begann, ob die Rückkehr in die Bundesliga überhaupt noch
gelingen würde. Sein Auftrag war klar – und am Ende lieferte er das, woran
seine Vorgänger gescheitert waren: Im Mai 2025 stieg der HSV nach sieben Jahren
in der 2. Liga wieder in die Erste Fußballbundesliga auf. Das gelang, weil
Kuntz auf die richtigen Leute setzte. Allerdings nicht immer aus voller
Überzeugung: Nach der Freistellung von Trainer Steffen Baumgart im November
2024 hat Kuntz sich mal einige Absagen geholt – wie vom SC Paderborn, der
seinen Coach Lukas Kwasniok mitten in der Saison nicht für eine Million Euro
Ablöse gehen lassen wollte –, mal fand er im Aufsichtsrat keine Unterstützer,
wie bei seinem ehemaligen Mitspieler Bruno Labbadia, den er als Trainer
verpflichten wollte. Als dann der Interimstrainer und vormalige Co-Trainer
Merlin Polzin gute Ergebnisse holte und sich die Stimmung rund um den Klub
drehte, ging Kuntz mit dem damals 34-Jährigen ins volle Risiko. Und der Plan
ging auf.

Warum trotz der sofortigen Trennung wohl kein Zeitdruck
zur Nachbesetzung gesehen wird, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de.

DER SATZ

© Lawrence Krowdeed/​unsplash.com

„Mit diesem Text muss ich etwas loswerden, das gesundheitsethisch
sicherlich nicht korrekt ist, aber: Bitte, bitte, hört nicht alle auf zu
trinken! Sonst werden die nächsten Monate, die wettertechnisch eh nicht die
größte Freude versprechen, noch trister.“

Seit 42
Jahren trinkt ZEITmagazin-Chefredakteur Kilian Trotier keinen Alkohol. Warum er trotzdem skeptisch auf den Dry January blickt

DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN

In der Reihe „elbwärts“
steht am kommenden Samstag Georg Philipp Telemanns Burlesque auf dem Programm. Die Texte sind
doppelbödig, und auch wenn der Witz und Humor im 18. Jahrhundert anders war: Es
darf gelacht werden. Es musizieren: Sönke Tams-Freier (Bass), Simone Eckert
(Viola da gamba), Anke Dennert (Cembalo) und Ulrich Wedemeier (Laute).

„Burlesque“, 10.1., 19 Uhr; Lichtwarksaal,
Neanderstraße 22; Karten an der Abendkasse oder per Mail unter hamburger-ratsmusik@t-online.de

MEINE STADT

»Ein Euro für fünf Minuten…« – Winter in der Stadt der Kaufleute © Oskar Piegsa

HAMBURGER SCHNACK

Der Zugführer in
der S1 in Richtung Poppenbüttel: „Sie müssen nicht immer nur die ersten zwei
Türen benutzen. Der Zug hat viel mehr Türen, und die sind alle bezahlt.“

Gehört von
Barbara Bruss

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