Milchprodukte enthalten Kalzium, Eiweiss, weitere Mineralstoffe sowie verschiedene Vitamine. Wieso ihr dennoch ein negativer Ruf anhaftet und was die Wissenschaft über ihre Wirkung weiss.

Kathrin Burger07.01.2026, 05.30 Uhr

Illustration Simon Tanner / NZZ

Leserfrage: Calcium ist wichtig für die Knochen. Manche Fachleute sagen aber, dass Milch und Milchprodukte nicht sehr gesund seien. Ist an dieser Abwertung etwas dran? Immerhin vertragen viele Asiaten keine Milchprodukte. Mir ist nicht bekannt, dass sie vermehrt Osteoporose hätten.

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Vertreter der Spezies Homo sapiens konsumieren bereits seit rund 8000 Jahren Milch und Milchprodukte. In Industrienationen kommt meist Kuhmilch auf den Tisch. Kuhmilch und daraus hergestellte Produkte sind mit die besten Kalziumlieferanten, die wir haben. Aber auch Eiweiss ist ein wichtiger Bestandteil der Milch. Auch andere wichtige Nährstoffe kommen darin vor, etwa Vitamin B2 und Jod, wenngleich in geringen Mengen. Täglich etwa 2 Portionen Milchprodukte zu konsumieren, ist darum eine der Ernährungsempfehlungen in der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz). Es stimmt also nicht, dass «Fachleute» Milch als ungesund ansehen.

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In der Rubrik «Wohl & Sein antwortet» greifen wir Fragen aus der Leserschaft rund um Gesundheit und Ernährung auf. Schreiben Sie uns an [email protected].

«Das schlechte Image der Milch stammt aus Falschinformationen in den sozialen Netzwerken», sagt Martin Smollich, Ernährungswissenschafter an der Universität Lübeck. Milch wird hier für etliche Volksleiden verantwortlich gemacht, darunter Krebs, Herzkrankheiten, Übergewicht und Wechseljahrsbeschwerden. «Abgesehen von Unverträglichkeitsreaktionen wie Laktoseintoleranz und Milcheiweissallergie gibt es aus ernährungsmedizinischer Sicht aber keinen Grund dafür, auf verzehrübliche Mengen von Kuhmilch und Milchprodukten zu verzichten», sagt Smollich. Wer eine Intoleranz hat, kann meist kleine Mengen an fermentierten Milchprodukten vertragen, da die Milchsäurebakterien Laktose abbauen. Milchallergiker müssen hingegen Milch und daraus hergestellte Produkte strikt meiden.

Die Empfehlungen für den Konsum von Milch und Milchprodukten stammen hauptsächlich aus Berechnungen zum Kalziumbedarf des Menschen. Vor allem für die Knochen ist der Mineralstoff eine wichtige Stützsubstanz. Ein Marker für eine gute Knochengesundheit und ein niedriges Osteoporose-Risiko ist die Knochendichte. Die Knochendichte erreicht bis etwa Anfang bis Mitte 20 ihren Höhepunkt, man spricht von der «Peak Bone Mass», danach sinkt sie allmählich wieder. Wer im Kindes- und Jugendalter ausreichend Milchprodukte konsumiert, hat erwiesenermassen eine höhere Knochendichte mit Ende 20, was einen gewissen Schutz auch im Erwachsenenalter gewährleistet. Umgekehrt scheint eine vegane Ernährung in jungen Jahren die Knochen zu schwächen. Für diese Altersgruppe sind mit Kalzium angereicherte Sojadrinks empfehlenswert.

Was die Knochendichte beeinflusst

Widersprüchlich sind die Studien jedoch hinsichtlich Knochengesundheit und Milchkonsum im Erwachsenenalter. Manche belegen, dass Kalzium und Milcheiweiss den Knochenabbau verlangsamen, andere können dies nicht zeigen. So haben etwa Menschen mit einer Laktoseintoleranz kein höheres Risiko für Knochenbrüche im Alter.

«Eine hohe Kalziumzufuhr verhindert Osteoporose nicht automatisch», sagt Smollich. Dennoch scheint laut einer kanadischen Übersichtsstudie aus dem Jahr 2025 ein moderat schützender Effekt auf das Knochenbruchrisiko im Alter durch Milchkonsum zu bestehen. Umgekehrt muss bei Milchverzicht im Erwachsenenalter das Risiko für Knochenschwund nicht erhöht sein. Schliesslich steckt Kalzium auch in Grüngemüse, Nüssen, Tofu und Algen.

Auch eine eiweissreiche Ernährung stärkt die Knochen. Dies erklärt zum Teil, warum in Ländern wie China die Osteoporose-Raten trotz marginalem Milchkonsum gering sind. Die Knochenstabilität ist aber nicht nur abhängig von der Ernährung, viele weitere Faktoren wie Genetik und Umweltfaktoren, darunter Bewegung, Vitamin D (Sonne) aber auch Rauchen oder Alkoholkonsum beeinflussen Knochendichte sowie Osteoporose- und Frakturrisiko.

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Wie sieht es nun mit anderen Krankheiten aus? Sorgen Milch- und Milchprodukte für ein langes und gesundes Leben? Zumindest haben Milch-Liebhaber ein geringeres Risiko für Darmkrebs. Einen eindeutigen Zusammenhang mit anderen Krebsarten gibt es nicht. Ausnahme: Wenn Männer einen Liter oder mehr Kuhmilch pro Tag trinken, steigt das Risiko für Prostatakrebs leicht an. Laut der kanadischen Übersichtsstudie beugen Milch und Milchprodukte – in den empfohlenen Mengen verzehrt – Herzinfarkt oder Schlaganfall vor. Fermentierte Milchprodukte wie Joghurt und Käse schneiden in Studien meist besser ab. Sie enthalten neben Eiweiss und Kalzium auch gesundheitsförderliche Mikroben (Probiotika) und bioaktive Peptide. Peptide entstehen, wenn Eiweisse aufgespalten werden. Bioaktiv nennt man sie, wenn sie eine direkte Wirkung entfalten, zum Beispiel den Blutdruck senken.

Der Homo sapiens konsumiert seit Tausenden von Jahren Milch. Und er kann damit ruhig weitermachen.