Auf dem Vitra-Campus erweitert indische Spiritualität in gebauter Form eines begehbaren Schreins die Vielfalt internationaler Architektur.

Gabriele Detterer07.01.2026, 05.30 UhrEiner der in den Boden versenkten Zugangspfade zum Doshi Retreat auf dem Vitra-Campus.Einer der in den Boden versenkten Zugangspfade zum Doshi Retreat auf dem Vitra-Campus.

Julien Lanoo / Vitra

Doshi Retreat nennt sich das Bauwerk von Balkrishna Doshi. Bei dem Entwurf dieses frei zugänglichen Orts innerer Einkehr handelt es sich um das letzte Projekt des 2023 verstorbenen indischen Architekten. Ihm hatte er sich zuletzt zusammen mit seiner Enkelin, der Architektin Khushnu Panthaki Hoof, und dem deutschen Architekten Sönke Hoof gewidmet. Das Refugium auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein ist gleichzeitig das erste Projekt des Pritzkerpreisträgers, das ausserhalb von Indien realisiert wurde.

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Das Ein-Raum-Gehäuse ist eine charakteristische Ausformung von Doshis Baudenken. Er liess sich dafür von indischen Tempelstädten wie Fatehpur Sikri inspirieren, aber auch von Le Corbusier, Louis Kahn und der Architekturmoderne, die er selber an die Bedürfnisse der indischen Gesellschaft anpasste. Offene Räume zu gestalten, die Zugehörigkeit vermitteln, war eines der Ziele dieses bedeutenden indischen Architekten. Auch Doppeldeutigkeit und Gegensätze flossen in seine Formensprache ein, da Widersprüche, so Doshi, einen festen Bestandteil des Lebens bilden.

Schon auf dem Weg hin zum Ort der Kontemplation wird sichtbar, dass das Ziel, den Geist zu erhellen, nicht mit dem Motto «Vorwärts und geradeaus!» erreichbar ist. Denn Doshi entwarf zwei gewundene, sich kreuzende Zugangspfade, die bis zu zwei Meter tief in die Rasenfläche versenkt wurden und von Stahlplatten abgestützt werden.

Wie zwei ineinander verschlungene Schlangen: Doshis Wegführung zum Retreat.Wie zwei ineinander verschlungene Schlangen: Doshis Wegführung zum Retreat.

Julien Lanoo / Vitra

Wegführung als Sinnbild

Ein seltenes Gefühl von Geerdet-Sein stellt sich beim Gang durch die tiefergelegten Pfade ein. Diese Empfindung steht im Gegensatz zur Lebensweise in der «flüchtigen Moderne», die, so der polnisch-britische Philosoph Zygmunt Bauman, Bindungen auflöst und das Verwurzeltsein untergräbt.

Laut Doshi stellt die Wegführung zum Refugium das Sinnbild zweier ineinander verschlungener Schlangen dar, die im Hinduismus schöpferische Lebensenergie und Transformation bedeuten. Der Doppelpfad bezieht sich auf die Kundalini-Urkraft einer uralten indischen Meditationspraxis.

Leise Töne sind auf dem Pfad zu hören. Die Klänge verraten, dass der Architekt auch als Psychologe wirkte. Er durchdachte die Raumgestaltung stets sensomotorisch und setzte hierfür sinnliche Wahrnehmung von Licht, Farbe, Klang und Materialien als Gestaltungselementen ein.

Der indische Architekt Balkrishna Doshi setzte Licht, Farbe und Klang als Gestaltungselemente ein.Der indische Architekt Balkrishna Doshi setzte Licht, Farbe und Klang als Gestaltungselemente ein.

Julien Lanoo / Vitra

Gong und Mandala

Der Innenraum selbst verbirgt sich hinter der schalenförmigen Aussenhülle aus Stahl, hergestellt mit geringen CO2-Emissionen, und aus rezykliertem Stahlschrott. Geformt wurden die stählernen Elemente für die skulpturale Konstruktion durch das Unternehmen Ostseestaal in Stralsund.

Ein erster Blick durch den röhrenförmigen Eingang in das Refugium fällt auf die schimmernde Messingscheibe eines Gongs. Kunsthandwerker aus Ahmedabad schufen das Klanginstrument. Ebenso aus gehämmertem Messing besteht die Unterseite der kreisrunden Decke. Sie schützt den Innenraum nicht rundum, so dass ein Ausschnitt des Himmels sichtbar wird und nachts der Kosmos in den Raum hineinleuchtet. Ein Wasserbecken und die Messingdecke als Mandala inspirieren dazu, sich auf den Steinbänken auszuruhen, durchzuatmen und loszulassen.

Ein Gong aus Messing und Steinbänke sowie eine Decke aus Messing bestimmen das Innere von Doshis meditativer Architektur.Ein Gong aus Messing und Steinbänke sowie eine Decke aus Messing bestimmen das Innere von Doshis meditativer Architektur.

Vitra

Wie aber hat die Idee von Architektur als erlebbarem Kraftspender und Stimmungsaufheller den Weg auf den Vitra-Campus in Weil am Rhein gefunden? Ein kleiner Schrein im hinduistischen Modhera-Sonnentempel bewog Rolf Fehlbaum, Chairman Emeritus von Vitra, bei Doshi anzufragen, ob er nicht für Vitra einen Ort der Ruhe entwerfen möchte. Der Architekt sagte zu und schuf einen Gegenpol zum benachbarten Konferenzpavillon von Tadao Ando.

Beim Verlassen des Refugiums fällt der Blick vom rötlich gekiesten Pfad aus nach oben auf Grashalme. Ein Gong tönt leise, mischt sich mit Geräuschen des Vitra-Werkverkehrs. Gegensätze bestimmen unser Leben, allerorten.

Die Elemente für die skulpturale Konstruktion wurden aus Stahl und Stahlschrott hergestellt.Die Elemente für die skulpturale Konstruktion wurden aus Stahl und Stahlschrott hergestellt.

Julien Lanoo / Vitra