Einstweilen bewahren Russlands Neujahrsfeiertage Präsident Wladimir Putin und seinen Sprecher vor Fragen nach dem Schicksal eines „lieben Freundes“. So hatte Putin den nun von den Vereinigten Staaten gestürzten und in ein New Yorker Untersuchungsgefängnis gebrachten Venezolaner Nicolás Maduro bezeichnet, als der noch die Macht in Caracas hatte. Die Leere füllen Putins Diplomaten.

Während der Sitzung des UN-Sicherheitsrats zum Fall Maduro bekräftigte Russlands Vertreter, Wassilij Nebensja, am Montag die Forderungen an Washington, den „legitimen Präsidenten“ und dessen Frau „unverzüglich freizulassen“ sowie „alle Probleme“ mit Venezuela „auf dem Verhandlungswege zu lösen“. Nebensja erneuerte auch die Verurteilung des „Akts der bewaffneten Aggression“, der „alle Normen des Völkerrechts“ verletze, und sagte, „das Verbrechen, das die Vereinigten Staaten in Caracas zynisch verübt haben“, sei nicht zu rechtfertigen.

Russland will Amerika nicht verstimmen

Doch fällt auf, dass Russlands Mächtige dem Regime, das sie mit Worten, Waffen und Krediten gestützt und mit dem sie erst im Herbst eine „strategische Partnerschaft“ vereinbart hatten, keine Hilfe versprechen und den Amerikanern auch nicht mit Konsequenzen drohen. Einerseits teilen die Russen eine Scheu, die Putins Propaganda stets allein Amerikas europäischen Verbündeten zuschreibt: Präsident Donald Trump zu verstimmen.

Andererseits dürfte das im eigenen Angriffskrieg gegen die Ukraine gefangene Land kaum zu einer wirksamen Unterstützung des venezolanischen Regimes in der Lage sein und will nicht noch schwächer wirken als jetzt schon. Die russischen Flugabwehrsysteme hätten in Caracas „wohl nicht so gut funktioniert“, höhnte der amerikanische Verteidigungs- respektive Kriegsminister Pete Hegseth.

Hoffnung auf den Zerfall der NATO

Umso mehr dürfte Moskau bald den Blick darauf richten, die Chancen der neuen Lage zu sehen. Eine erste besteht aus russischer Sicht darin, dass sich die NATO über Trumps Grönland-Gelüsten spaltet. Kein Land der Welt könne sich „nach den Ereignissen in Caracas“ sicher fühlen, sagte Putins Stellvertreter im Vorsitz des Nationalen Sicherheitsrats, Dmitrij Medwedjew, der Staatsnachrichtenagentur Tass. „Vor allem nicht Dänemark mit seinem Grönland.“ Schutz vor dem „Recht des Stärksten“ gewährten einzig Nuklearwaffen, hob Medwedjew hervor.

Eine zweite Chance für den Kreml besteht im Denken – und Handeln – in „Einflusssphären“, wie sie Putin für ein „nahes Ausland“ beansprucht. Das Konzept prägt auch Trumps Anfang Dezember vorgelegte nationale Sicherheitsstrategie, mit den USA als Vormacht einer „westlichen Hemisphäre“.

In diesem Sinne lobte Medwedjew das Vorgehen Trumps sogar: „Er und sein Team verfechten die Interessen ihres Landes sehr hart“, kommentierte Putins Adlatus, „sowohl die politischen (Lateinamerika ist der Hinterhof der USA) als auch die wirtschaftlichen (gebt uns Öl und andere Reserven)“.

Dein Hinterhof, mein Hinterhof

Diese Sicht ließe sich auf andere Länder übertragen – aus Moskauer Sicht insbesondere auf die Ukraine, die Putin mit historisierenden Tiraden für Russland vereinnahmt, gleichsam als seinen eigenen „Hinterhof“ beansprucht.

„Russland hat einen Verbündeten in Lateinamerika verloren“, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters am Montag eine „ranghohe russische Quelle“, wie stets in solchen Fällen anonym. „Aber wenn das ein Beispiel für eine Anwendung von Trumps Monroe-Doktrin ist, dann hat Russland auch seine eigene Einflusssphäre.“

Auch in Washington gibt es ein Gespür dafür, dass sich nun auch für Russland und China Möglichkeiten eröffnen. „Wenn wir das Recht haben, in unserem eigenen Hinterhof aggressiv zu sein, warum können sie das nicht?“, sagte die Russland-Expertin Fiona Hill von der Brookings-Denkfabrik am Montag der Zeitung „New York Times“.

Ein „sehr seltsames Tauscharrangement“ von 2019

In der ersten Hälfte der ersten Präsidentschaft Trumps war Hill im Nationalen Sicherheitsrat der USA tätig. 2019 sagte sie in einer Anhörung im Kongress, zu Beginn jenes Jahres hätten die Russen „sehr stark signalisiert, dass sie irgendwie ein sehr seltsames Tauscharrangement machen wollten, Venezuela gegen die Ukraine“.

Schon damals gab es Spannungen zwischen Washington und Caracas, Trump erkannte mit Juan Guaidó einen venezolanischen Interimspräsidenten an, Russland stärkte Maduro auch durch Militärbewegungen. Die Anregung zu einem „Tausch“, sagte Hill damals dem Kongress, sei nicht offiziell erfolgt, sondern über „informelle Kanäle“ wie Kommentare in russischen Medien.

Im Frühjahr 2019 reiste Hill nach Moskau, um die Idee zurückzuweisen. Dieses Mal könne Russland mehr Glück haben, da Trumps Rhetorik zeige, dass „alles gehandelt werden kann“, vermutete die Expertin jetzt.

Und eine Reprise im vergangenen Dezember

Eine Wiederbelebung der sieben Jahre alten russischen Kampagne hat es schon im Dezember gegeben: Vor dem Hintergrund der gegen Venezuela gerichteten Drohkulisse der Amerikaner und deren neuer Sicherheitsstrategie verbreiteten zahlreiche Regimemedien Archivaufnahmen des 2022 gestorbenen Radaupolitikers Wladimir Schirinowskij.

Der hatte im November 2020 anlässlich des damaligen Siegs des Demokraten Joe Biden im Staatsfernsehen gesagt, wenn Trumps „Kopf ein bisschen gearbeitet hätte“, hätte Russland ihm geholfen, die amerikanischen Präsidentenwahlen zu gewinnen. Etwa indem Trump „Venezuela nimmt und wir die Ukraine“.

Von einer solchen „Auswechslung“ war nun auch die Rede, neuerlich informell. Gewiss wäre Putin an einem solchen „Deal“ interessiert. Doch hat die amerikanische Führung bisher weder die Ukrainer noch ihre europäischen Verbündeten ganz fallen lassen. Zudem zeigt spätestens Maduros Sturz, dass Putin gar nicht über „seinen“ Teil des imaginären Tauschgeschäfts verfügt.