Hitzige Wortgefechte, gezückte Messer, eine Ohrfeige: Verkäuferinnen im Augsburger Einzelhandel sind immer wieder unangenehmen Konfrontationen ausgesetzt. „Mir hat schon mal ein Kunde einen längst abgelaufenen Gutschein ins Gesicht geworfen“, erzählt Matea Loncar, Angestellte bei „Vom Faß“. Die Zahl der Fälle, in denen sich Kunden daneben benehmen, nimmt zu, immer häufiger haben Verkäuferinnen mit psychischen wie physischen Anfeindungen zu tun. Sylwia Lech von Verdi Augsburg bestätigt diese Entwicklung. Die Kunden hätten sich verändert.

„Mit Corona hat das angefangen, die Menschen werden seitdem immer kälter, intoleranter und respektloser“, sagt Sylwia Lech von Verdi. Sie ist für den Bereich Handel zuständig und dort erreichen sie mehrmals die Woche üble Nachrichten. „Es ist nicht mehr berechenbar, von wem die Gefahr ausgeht, das fängt schon bei jungen Mädchen an“, schildert Lech. Immer mehr Menschen würden auch ein Messer bei sich tragen. Zu Übergriffen komme es in allen Handelssparten. Die Situationen sind dabei unterschiedlich: Manchmal wollten Kunden nicht warten und würden dann einfach am Arm einer Verkäuferin zerren, ein anderes Mal halte ein Mann ungefragt einer Verkäuferin ein Bustier an die Brüste um abzugleichen, ob es seiner Frau passen könnte.

Respektloses Verhalten gegenüber Mitarbeitern im Handel starte aber schon viel niedrigschwelliger: „Da gehen Eltern mit ihren Kindern einkaufen und erklären ihnen dann: Wenn du nichts Gescheites lernst, dann endest du wie die“, sagt Lech. Solche Aussagen regen Sylwia Lech auf, denn die Verkäuferinnen hätten einen vielfältigen Beruf erlernt. Vor einigen Monaten sei es in der City-Galerie sogar zu einem Fall gekommen, da habe die Verkäuferin ein Teenie-Mädchen beim Diebstahl gestellt. Das Ende vom Lied: „Die Eltern haben einen Anwalt eingeschaltet und gegen das Geschäft und die Verkäuferin geklagt“, berichtet Lech fassungslos. Eine klassische Täter-Opfer-Umkehr.

Augsburger Verkäuferinnen fühlen sich zunehmend wertlos und schlecht behandelt

Mehr Behandlung auf Augenhöhe wünschen sich auch Augsburger Verkäuferinnen. Matea Loncar arbeitet bei „Vom Fass“. Sie schildert, dass Übergriffe durch Kunden immer häufiger vorkämen: „Manche fangen auch an, wegen Rabatten zu verhandeln oder werden beleidigend“, fügt sie hinzu und vermutet, dass auch ihr junges Alter damit zu tun hat.

Eine Verkäuferin von Schuh Schmid schildert, dass ihr ein Kunde an der Kasse schon mal eine Ohrfeige verpasst habe. Ein anderes Mal, als sie geholfen habe, einen Dieb zu stellen, habe der ein Messer gezückt. „Dabei hat er eine Kollegin am Arm geritzt.“ Immer wieder käme es zu Beleidigungen, doch der Chef sei dann schnell informiert und greife ein. Eine Kollegin beobachtet die Kunden lieber vorsichtig und zieht sich gegebenenfalls zurück, um sich zu schützen.

Manche Kunden drohen in Geschäften den Verkäuferinnen

Auch in einem benachbarten Schuhladen sagen die Verkäuferinnen, dass sie lieber auf ihr eigenes Wohl achten. „Am Moritzplatz und Königsplatz treiben sich genug Leute herum“, sagt eine Verkäuferin. Sich für die Ware in wissentlich in Gefahr bringen, möchte hier keine. Wieder eine andere erzählt, dass Kunden oft im Geschäft auf die Toilette gehen wollen. „Manche drohen dann sogar“, sagt sie. Dabei seien die nächsten öffentlichen Toiletten nur wenige Meter entfernt.

Eine Verkäuferin aus einem Geschäft in der Annastraße berichtet, dass es insbesondere bei Reklamationen zu hitzigen Wortgefechten komme. Bei manchen Kunden reiche es schon, wenn sie etwas länger warten müssten: „Wir sagen zwar, wir kommen gleich zu ihnen, aber wir haben ja auch nur begrenztes Personal.“ Deshalb entstünden bei ausführlicheren Beratungsgesprächen auch Wartezeiten. Oft habe sie als Verkäuferin das Gefühl, keinen Wert für Menschen zu haben. Trotzdem habe sie das Lächeln nicht verlernt und versuche, Verständnis für das Gegenüber zu zeigen: „Ich kann dem Kunden einfach nur sagen, dass der Gutschein abgelaufen ist, oder ich erkläre ihm halt, wo er ihn verlängern kann.“ Sie wünscht sich aber auch von den Kunden mehr Verständnis für ihre Situation.

Verdi Augsburg setzt auf Selbstschutz, Sensibilisierung und Strafen

Sylwia Lech von Verdi setzt deshalb auf Kampagnen gegen Gewalt im Handel: „Wir wenden uns an die Verkäuferinnen und sagen ihnen: Für ein Oberteil riskierst du mir nicht dein Leben.“ Von den Menschen wünscht sie sich mehr Courage, wenn sie respektloses Verhalten mitbekommen. Dazu gehöre auch eine konsequente Erziehung der Kinder. „Wir haben früher doch auch mal Strafarbeiten aufgebrummt bekommen, wenn wir einen Schmarrn angestellt haben“, sagt Lech. Auch Praktika im Einzelhandel könnten für mehr Verständnis unter den Menschen sorgen.

Dieser Artikel zählt zu unseren Favoriten aus dem Jahr 2025. Er stammt aus dem Archiv, aber wir wollten Ihnen die Lektüre noch einmal ans Herz legen. Zuerst wurde er im September veröffentlicht

  • Kristina Orth

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  • Lech

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  • Verdi Augsburg

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