Nach ihrem Durchbruch mit der HBO-Serie „Euphoria“ landete Sydney Sweeney mit der Hochglanz-RomCom „Wo die Lüge hinfällt“ ihren ersten massiven Kinohit – und berichtete schon damals in Interviews von ihrem absoluten Herzensprojekt, einem Biopic über die Profiboxerin Christy Martin. Deshalb verwundert es auch nicht, dass der „The Housemaid“-Star in dem Sportlerinnen-Drama „Christy“ von „The King“-Regisseur David Michôd nicht nur die Titelrolle spielt, sondern mit ihrer Produktionsfirma Fifty-Fifty Films auch für die die Finanzierung und Realisierung des Projekts mitverantwortlich zeichnet. Für den Part legte die nur 161 Zentimeter große Schauspielerin fast 15 Kilo an Gewicht zu – das meiste davon antrainierte Muskelmasse.

Die im Vergleich zu ihren sonstigen Auftritten kaum wiederzuerkennende Sweeney lehnte es zudem ab, sich während der gefilmten Boxkämpfe doubeln zu lassen – stattdessen nahm sie im Laufe der gut sechswöchigen Dreharbeiten jede Menge Beulen, Platzwunden und Prellungen in Kauf. An den Kinokassen ausgezahlt haben sich diese Torturen aber nicht. Der Film startete in den USA im November 2025 auf mehr als 2.000 Leinwänden, spielte jedoch gerade einmal jämmerliche zwei Millionen Dollar ein – nur etwas mehr als ein Zehntel seines Budgets.

„Christy“ ist also ein Riesenflop, völlig misslungen ist er deshalb aber nicht. Selbst wenn der Film tonale Schwächen aufweist und eine thematische Straffung vertragen hätte, sind die schauspielerischen Leistungen sowie seine visuellen wie handwerklichen Aspekte durchgehend gelungen. Wer auf Sportler*innen-Biopics steht und/oder mehr über den schwierigen Werdegang einer außergewöhnlichen Frau erfahren möchte, sollte die von Sweeney selbst aufgebauten Erwartungen einfach etwas herunterschrauben – dann kann man sich „Christy“ ohne große Schmerzen anschauen.

Nicht nur die porträtierte Christy Martin, auch Hauptdarstellerin Sydney Sweeney musste ordentlich einstecken!

Tobis

Nicht nur die porträtierte Christy Martin, auch Hauptdarstellerin Sydney Sweeney musste ordentlich einstecken!

1989 in einem kleinen Kaff in West Virginia: Die Minenarbeitertochter Christy Salters (Sydney Sweeney) kann aufgrund eines Basketball-Stipendiums das College besuchen. Ihre Liebesbeziehung zu ihrer Kommilitonin Rosie (Jess Gabor) muss sie vor den stark auf ihren Ruf in der Gemeinde bedachten Eltern Joyce (Merritt Wever) und John (Ethan Embry) allerdings geheim halten. Aus einer Laune heraus und um ein paar Dollar zu verdienen, nimmt Christy eines Tages an einem lokalen Boxturnier teil – und obwohl sie keinerlei Erfahrungen im Ring besitzt, gewinnt sie problemlos. Der Veranstalter (Bill Kelly) ist von ihrer Schlagkraft beeindruckt und schickt sie zum Trainer Jim Martin (Ben Foster), der es zunächst noch ablehnt, mit einer Frau zu arbeiten. Erst als Christy einen männlichen Sparringspartner mit einem Schlag ausknockt, stimmt er zu, sich ihrer anzunehmen.

In ersten Profikämpfen vernichtet Christy ihre Gegnerinnen, während Jim immer mehr Kontrolle auch über ihr Privatleben gewinnt. Schließlich heiratet sie ihren Trainer sogar. Unterdessen formt der bekannte Promoter Don King (Chad L. Coleman) Christy – nun mit dem neuen Nachnamen Martin – zum ersten weiblichen Superstar des Boxsports. Jim ist deshalb rasend eifersüchtig und unterschlägt große Teile ihrer Gagen. Als seine Frau vorsichtig die Idee äußert, noch einen weiteren Trainer für sich zu engagieren, reagiert er aggressiv – und als sie ihn verlassen will, beginnt er schließlich, sie auch körperlich zu misshandeln…

Purer Willen statt saubere Technik

Das Hin und Her zwischen Sportfilm sowie Gesellschafts-, Beziehungs- und Charakterdrama gestaltet sich oft holprig. Zudem ist die Gewichtung der einzelnen Story-Elemente ein Problem: Sicherlich hat Christy Martin viele, wenn nicht sogar sämtliche Türen für Frauen im Boxsport nahezu im Alleingang aufgestoßen – was in einem Biopic über sie auch entsprechend gewürdigt werden sollte. Dennoch gibt es speziell in der ersten Hälfte des Films zu viele, weil zu ähnliche Szenen mit ihr im Ring: Egal wer der Titelheldin dabei auch in der Trainingshalle gegenübersteht – sie verprügelt sie alle gnadenlos.

Dabei sind die Fights nicht schlecht inszeniert. Dank der lebendigen Kameraarbeit von Germain McMicking („Mortal Kombat“) fühlen wir uns als Zuschauende fast, als stünden wir mit der Protagonistin im Ring. Selbst Box-Laien werden dabei bemerken, dass Sweeney technisch alles andere als gut agiert. Expert*innen dürften sich sogar die Haare raufen, wenn sie sehen, wie unsauber und ineffizient hier geboxt wird. Beispielsweise ist ihre Deckung kaum vorhanden – und die Hälfte der unkontrolliert aufeinanderfolgenden Schläge geht einfach ins Leere. Aber das soll keine Kritik an der Darstellung sein, im Gegenteil: Dass Christy Martin exakt so agierte und ihre schwache Technik durch beeindruckenden Willen und körperliche Power problemlos kompensierte, zeigt etwa ein Blick auf dieses reale Match mit Deirdre Gogarty.

Im Ring feiert Christy Martin schnell einen Erfolg nach dem anderen!

Tobis

Im Ring feiert Christy Martin schnell einen Erfolg nach dem anderen!

Das private Drama und die Suche nach ihrer persönlichen Identität sind da schon um einiges interessanter, weil vielschichtiger, kommen im Vergleich zur Darstellung ihres Aufstiegs als Athletin zunächst aber viel zu kurz. So fehlt dem Ganzen der emotionale Punch, der etwa den Oscar-Abräumer „Million Dollar Baby“ so intensiv machte. Die zweite Hälfte von „Christy“ korrigiert dann noch einiges von diesem Ungleichgewicht, indem wir mehrere glaubhaft gespielte Szenen jenseits der Sporthalle gezeigt bekommen – etwa zwischen Sweeney und Katy O’Brian („Love Lies Bleeding“), die Christys Rivalin Lisa Holewyne verkörpert. Hier nimmt der Film, der sich während der eröffnenden Stunde oft ganz schön schleppend anfühlt, endlich an Fahrt auf.

Sydney Sweeney und der mit mächtiger Wampe und einer furchtbaren Überkämmfrisur ebenfalls kaum wiederzuerkennende Ben Foster („Hell Or High Water“) geben in ihren vom Drehbuch auch dann noch immer nicht schlüssig ausformulierten Rollen ihr Bestes. Foster hat es dabei etwas einfacher, da seine Figur ebenso wie Christys bigotte, von Merrit Wever gekonnt hassenswert gespielte Mutter schnell als Bösewichter der Geschichte zu identifizieren sind. Christys Beweggründe, Jims weniger als halbgaren Heiratsantrag anzunehmen, sind hingegen ebenso schwer nachvollziehbar wie ihre beinahe umgehende Unterwürfigkeit ihm gegenüber. Immerhin sorgen insbesondere Sweeneys Einsatz und ihr Mut – sowohl körperlich einzustecken als auch wahrhaft gruselige Perücken zu tragen – ab diesem Moment für adäquate Unterhaltung.

Fazit: „Christy“ ist zwar einer der größten Box-Office-Flops des US-Kinojahres 2025, aber immerhin stehen insbesondere Sydney Sweeneys Einsatz und ihr Mut – sowohl körperlich einzustecken als auch wahrhaft gruselige Perücken zu tragen – auf der Habenseite.