Im Café Bändel widmen sich Fremde gemeinsam der Literatur. Beim Shared Reading entstehen Gespräche, die sonst oft stumm geblieben wären.

von links: Veronika Drechsler, Claudia Holzmann und Heidi Heim beim Lesen des Textes

von links: Veronika Drechsler, Claudia Holzmann und Heidi Heim beim Lesen des Textes

Foto: Eva Läufer-Klingler

Ihr Ziel sei, dass die Menschen „glücklicher heimgehen, als sie gekommen sind“, sagt Claudia Holzmann am Freitagabend im Café Bändel in Beiertheim-Bulach. Sie ist zu Gast in dem ehrenamtlich geführten Begegnungsort, den es seit vier Jahren gibt und der nicht zuletzt wegen der vielen, im Verein „Jung und Alt im Quartier“ organisierten Ehrenamtlichen gut läuft.

Im Leitungsteam ist Veronika Drechsler, die sich auf den literarischen Abend im Café freut, der unter dem Titel „Shared Reading“ steht. Nicht zum ersten Mal findet diese interessante Veranstaltung in dem freundlichen Café statt und immer kommen etwa zehn Teilnehmer – meist Frauen – zusammen, um gemeinsam einen literarischen Text zu lesen.

Eingangs erhält jede Teilnehmerin eine Kopie der Texte. Was sich nach dröger Lesung und einem streng dreinblickenden Autor, der um Ruhe bittet, anhören könnte, ist aber ganz anders.

„Wir sind kein Literarisches Quartett und kein Deutschunterricht“, betont Leseleiterin Claudia Holzmann, die eine Ausbildung zur „Shared Reader“-Leiterin absolviert hat. Die Idee zum gemeinsamen Erschließen einer Geschichte wurde 1997 in England erfunden – dem Land der Jane-Austen-Lesecubs und der gemütlichen Nachmittage mit Tee am Kamin.

Lesekreise fördern Austausch und Textverständnis

Der Grundgedanke ist, dass man gemeinsam in Abschnitten einen Text liest und darüber spricht. Wo berührt er mich? Was will die Hauptfigur und wie könnte es weitergehen?

Für diesen Abend in gemütlicher Runde im „Bändel“ hat Claudia Holzmann einen Ausschnitt aus einem Erzählband von Friederike Gräff mit dem Titel „Eine höhere Ordnung“ gewählt. Sie liest drei Seiten, dann gibt es eine Pause und erstaunlich schnell beginnen die Teilnehmerinnen lebhaft zu diskutieren.

Und das ist der tiefere Sinn der „Shared Reading“ Abende. Menschen, die im Alltag wortlos aneinander vorbeigehen würden, kommen ins Gespräch. Ähnliche Konzepte wie etwa Parkbanklesungen oder improvisierte Theaterstückchen im Hinterhof blühen derzeit. Sie blühen, da es offenbar einen Bedarf an gemeinsamen Erlebnissen und an analogen Begegnungen gibt.

Neugier lockt Besucherinnen aus Maximiliansau an

Christina Voigt etwa ist eigens mit einer Freundin aus Maximiliansau gekommen. „Wir wollen rausfinden, was sich hinter dem Begriff verbirgt“, sagt sie lachend. „Und wir sind gespannt, was für eine Art Literatur da auf uns zukommt.“

Für Veronika Drechsler, die die Bewirtung an diesem Abend übernommen hat, sind die „Shared Reading“-Treffen immer etwas Besonderes. „Hier verbinden sich Nachbarn und Gäste miteinander und das ist uns wichtig“.

Und wer nichts zum Text sagen will? Auch okay. Das Motto der „Shared Readings“ lautet schließlich: „Wer zuhört, gehört bereits dazu.“ Etwa alle zwei Monate findet ein solcher gemeinsamer Leseabend statt. Der nächste Termin ist der 12. September um 19 Uhr im Café Bändel, Breite Straße 58.

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