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Deutschlands Wirtschaft kann ohne Migration nicht bestehen. Trotzdem plant die CSU eine „Abschiebeoffensive“. Ökonomen befürchten eine neue Rezession.
Seeon-Seebruck – Die Zahl der Asylanträge in Deutschland geht stetig zurück. Wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in ihrem monatlichen Bericht offenlegte, ist die Zahl der Anträge im November 2025 im Vergleich zum selben Zeitraum 2024 um 48,5 Prozent gesunken. Und trotzdem pocht die CSU auf eine neue „große Abschiebeoffensive“, wie es in einem Positionspapier zur anstehenden Klausur im Kloster Seeon heißt. Der ARD liegt das Papier vor. Darin fordert die Partei von Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder, Linienflüge nach Syrien und Afghanistan durchzuführen.
Die CSU will trotz sinkender Zahlen weiter abschieben. Ökonomen sehen das kritisch. (Archivbild) © Sven Hoppe/dpa
Kritik an den Forderungen kommt nicht nur vom Koalitionspartner SPD und der Schwesterpartei CDU. Auch führende Ökonomen warnen vor der Umsetzung der CSU-Pläne in der Migration. Denn Deutschlands Wirtschaftskraft sei von der Migration direkt abhängig. „Insgesamt hängt das Beschäftigungswachstum in Deutschland komplett an Menschen mit Migrationshintergrund, während die heimische Erwerbsbevölkerung wegen der Demografie schon schrumpft“, erklärte dazu Jens Südekum, Wirtschaftsberater von SPD-Finanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil, dem Handelsblatt.
„Macht ökonomisch keinen Sinn“ – Wirtschaftsexperten rechnen mit Söders Migrationsplänen ab
Südekum warnt die Unionspartei eindringlich vor dem eingeschlagenen Weg. Jetzt auf eine Abschiebeoffensive zu setzen, mache „ökonomisch keinen Sinn“. Auch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), schrieb im Juni 2025 für die Zeit, dass „Deutschland auch von der Zuwanderung primär von vielen Geflüchteten mit geringen Qualifikationen langfristig finanziell und wirtschaftlich profitiert“. Vor allem systemrelevante Berufe wie die Pflege oder die Gesundheitsversorgung würden von Geflüchteten profitieren – und ohne sie nicht mehr funktionieren, so Fratzscher.
Gegenüber dem Handelsblatt nannte Fratzscher die Pläne der CSU deshalb einen „schweren Fehler mit enormen wirtschaftlichen Kosten für Deutschland“. Die meisten Menschen, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, seien fest im Arbeitsmarkt integriert. Die geforderte Abschiebeoffensive „könnte die deutsche Volkswirtschaft erneut in die Rezession treiben, da kurzfristig mehrere Hunderttausend Jobs verloren gehen würden“, sagte der DIW-Chef.
Herausforderungen und Chancen – Deutschlands Wirtschaft ist auf gelingende Migration angewiesen
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kommt zu einem ähnlichen Schluss. „Aufgrund des demografischen Wandels fehlen immer mehr Fachkräfte in wichtigen Branchen. Zuwanderung kann helfen, diese Lücken zu schließen, aber nur, wenn gezielt qualifizierte Arbeitskräfte gewonnen werden“, schreiben die Experten.
Doch Deutschland gilt für Fachkräfte aus dem Ausland laut dem Mediendienst Integration nur als mäßig attraktiv im Vergleich zu anderen großen Industrienationen. Unter Berufung auf eine OECD-Umfrage heißt es, dass lange Wartezeiten, Rassismus, Diskriminierung und mangelnde Steuervorteile Gründe für die Unattraktivität seien. Auch die aktuelle Debatte um mehr Abschiebungen und härtere Regeln bei der Migration dürfte die Attraktivität des Standorts Deutschland nicht verbessern.
Söder will Arbeitsmigration stärken – und fordert mehr Härte
CSU-Chef Markus Söder bleibt aber wohl bei der Linie seiner Partei. In einem Beitrag auf X forderte er zuletzt, dass trotz sinkender Migrationszahlen, die Abschiebungen weiter erhöht werden sollen. „Wer arbeitet, soll eine Chance haben, zu bleiben. Aber wer keine Arbeit und keine Duldung hat, der muss das Land verlassen“, so Söder. (Quellen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, ARD, Handelsblatt, DIW/Zeit, Mediendienst Integration, IW, X) (nhi)