- In Hamburg kann man ganz verschiedenen Typen von Konzertbesuchern begenen, von der First-Row-Camperin bis zum Ultra, vom Dauerquatscher bis zum Pogo-Sportler.
- „Vier Bier und einen Pappträger, bitte“, sagt der höfliche Pilsener. Der unhöfliche Pilsener brüllt nur „ööiih!“
- Das One-Hit-Wonder ist eine aussterbende Spezies unter den Konzertfans, denn es hört noch Radio.
Das Konzertjahr 2026 hat gerade erst begonnen. 2025 punktete mit drei Stadionshows von Ed Sheeran, einer bebenden Trabrennbahn bei Ski Aggu, Cro und Scooter, Superstar-Schlangen von Dua Lipa bis Twenty One Pilots in der Barclays Arena, und natürlich Hunderten von Clubshows. Einen Überblick über das, was kommt, haben wir zusammengestellt.
Und wer künftig in der Sporthalle, in der Großen Freiheit 36 oder im Molotow nicht nur auf die Bühne schaut, wird im Saal so manchen Fan mit typischen Marotten entdecken, die sich in viele verschiedene Kategorien unterteilen lassen: für eine nicht komplette und ganz sicher nicht bierernste Typologie des Hamburger Pop-Publikums. Wer findet sich wieder?
Typische Hamburger Konzertfans: Die Erste-wird-die-Letzte sein
Sobald das erste Konzertplakat an der Litfaßsäule klebt oder ein Insta-Reel den Vorverkaufsstart bekannt gibt, rollt sie ihren Schlafsack oder zumindest eine knisternde Rettungsfolie vor dem Eingang der Halle aus. Denn sie hat einen Traum: erste Reihe Mitte. Was im Kino die miesesten Plätze sind, sind bei Shirin David oder Nina Chuba die besten. Es sei denn, genau dort ist die lange Rampe in die Saalmitte. Und so campiert sie eine Ewigkeit am Einlass und wartet wie ein Tiger in Lauerstellung. Aus diversen Gründen darf auf keinen Fall gegessen oder getrunken werden.

Geschafft: Die erste Reihe bei der Show von Ikkimel („Keta und Krawall“) beim MS Dockville Festival 2025.
© FUNKE Foto Services | Marcelo Hernandez
Sobald die Tore sich öffnen, fährt sie die Ellenbogen aus, stürmt, einen Sneaker verlierend, nach vorn und krallt sich an den Wellenbrecher am Fotograben. Schon beim Vorprogramm kreischt sie sich warm, bis sie drei Minuten nach dem ersten Song des Headliners völlig dehydriert zusammenbricht und den entscheidenden Rest des Konzertabends in den Armen der Sanitäter verbringt.

Nicht billig bei Konzerten, aber bekömmlich: lecker Bierchen.
© FUNKE Foto Services | Martin Möller
Typische Hamburger Konzertfans: Der Pilsener
„Vier Bier und einen Pappträger, bitte“, sagt der höfliche Pilsener. Der unhöfliche Pilsener brüllt nur „ööiih!“ und hebt die Hand mit vier ausgestreckten Fingern, die andere schlägt mit einem turmhohen Stapel leerer Becher auf der Theke ungeduldig den Takt der Band auf der Bühne mit. Denn der Pilsener hat immer Durst und verbringt ein Drittel des Konzerts am Getränkestand, ein Drittel stehend auf dem WC und ein Drittel liegend (siehe auch: Die Erste-wird-die-Letzte-sein).
Warum er sein Geld für teure Konzertkarten und hastig gezapftes lecker Bierchen für 7 Euro (plus 3 Euro Pfand) rauswirft, ist den anderen Fans immer ein Rätsel. Außer bei den beiden großen Festivals im Jahr, bei denen die Pilsener unter sich sind: Lotto King Karl im Mai im Stadtpark und Torfrock im Dezember in der Sporthalle. Prost!
Typische Hamburger Konzertfans: Die Plus Eins
„Hallo, ich bin Lena, ich steh auf der Liste vom Ingo … na, dem Tourmanager … doch … ganz sicher … unter L …“ Während die Praktikantin des örtlichen Konzertveranstalters stoisch den Stapel unordentlich sortierter Zettel durchgeht, tippelt die Plus Eins nervös auf den Füßen. Denn heute steht sie nicht wie üblich als „+1“ hinter dem Namen eines Bekannten/Roadies/Tourmanagers auf der Gästeliste, sondern als Lena. Doch. Ganz sicher. Unter L.
Hinter ihr stauen sich Besuchende, die tatsächlich auf der Gästeliste stehen (siehe auch: Der Profi-Kritiker), und genießen es, auf Lenas Walk of Shame nach Hause zu warten. Sie geht tatsächlich und ignoriert den Schwarzmarkt-Kartenhändler, der sein Pappschild hochhält: „Biete Tickets“. Als Lena außer Sichtweite ist, dreht er es um: „Suche Tickets“.

Das Leben ist ein Wunschkonzert: Fans von Andreas Gabalier bei seinem Konzert 2025 in der Barclays Arena.
© FUNKE Foto Services | Marcelo Hernandez
Typische Hamburger Konzertfans: Das One-Hit-Wonder
Das One-Hit-Wonder ist eine aussterbende Spezies unter den Konzertfans, denn es hört noch Radio. Und manchmal ist der Star, dessen aktuellen, auf Dauerrotation laufenden Singlehit man sich gerade bei „Wünsch dir was“ in der Sender-Hotline gewünscht hat, auf Tournee!
Und so kauft sich das One-Hit-Wonder eine Karte und wartet an der Bar zwei Stunden lang auf die vorletzte Zugabe – den aktuellen, auf Dauerrotation laufenden Singlehit, den manch anderer im Publikum (siehe auch: Der Ultra) hasst, denn natürlich ist der Hit die einzige Ballade bei diesem Rockkonzert. Das One-Hit-Wonder mag eigentlich keinen Rock außer „Wünsch dir was“ von den Toten Hosen, aber am Ende wird ja alles gut.

Always Hardcore: Ein dänischer Fan von Scooter zeigt stolz sein Tattoo beim Konzert 2025 auf der Bahrenfelder Trabrennbahn.
© FUNKE Foto Services | Thorsten Ahlf
Typische Hamburger Konzertfans: Der Ultra
Der Ultra kannte die Band schon, als sie noch cool war und noch nicht im ausverkauften Knust vor 300 Mitläufern und Möchtegern-Fans (siehe auch: Das One-Hit-Wonder) spielte. „Scheiß Kommerz“ ist später sein einziger Kommentar beim Gruppen-Selfie der Band (mit Publikum im Rücken) auf Instagram.
Nostalgisch denkt er an die Zeiten zurück, als die Band noch vor drei Besoffenen (siehe auch: Der Pilsener, Der Pogo-im-Logo) im Kir spielte. 2019 war das, und seitdem hat der Ultra die limitierte 7-Zoll-Picture-Vinyl-Platte, ein T-Shirt und sogar einen Jutebeutel seiner Lieblingsband gekauft, um sie zu „supporten“. Moment: Ex-Lieblingsband. Denn jetzt hat sie sich dem Mainstream angebiedert.
Typische Hamburger Konzertfans: Der Dauerquatscher
Was gibt es Schöneres, als Freunde zu treffen und über die gute alte Zeit zu schwatzen? Und so verabredet man sich zum Konzert der schüchternen Songschreiberin von den Färöer Inseln in der Prinzenbar und redet 90 Minuten lang laut und für alle vernehmlich in einer Tour über Gott, die Welt, Hodenhochstand, wasserdichte Sonnenuhren und ganz sicher nicht über Musik.
Da der Dauerquatscher die ganze Zeit die Theke blockiert, aber nur eine Saftschorle und vielleicht einen Virgin Cuba Libre (Cola ohne Rum) bestellt, ist er der natürliche Feind des Pilseners (siehe auch: Der Pilsener).
Typische Hamburger Konzertfans: Die Klatschpappe
Bei großen Sportveranstaltungen gibt es zusammenfaltbare Klatschpappen zum Krachmachen, bei Konzerten leider nicht. Und so muss man sich mit Bordmitteln behelfen: rechte Hand, linke Hand, hastig aufeinanderschlagen.
Und das bei jedem Lied von Howard Carpendale, denn die sind alle toll. Egal ob „Hello Again“, „Ti Amo“ “ oder „Tür an Tür mit Alice“: immer feste druff auf die Eins, Zwei, Drei, Vier. Oder die Eins und die Drei. „Wir haben die Leute immer noch nicht so weit, dass sie auf die Zwei und die Vier klatschen“, verzweifelte Howie mal im Abendblatt-Interview. Tja, „Nachts, wenn alles schläft“ macht es am meisten Spaß, dieses Leben im Viervierteltakt. Schon jetzt freut sich die Klatschpappe auf das nächste Konzert von „Walzerkönig“ André Rieu.

Komfortzone „Sitzplatz Preiskategorie 1“: die Laeiszhalle beim Konzert von Ryan Adams.
© FUNKE Foto Services | Marcelo Hernandez
Typische Hamburger Konzertfans: Die Großzügige
In der Laeiszhalle gibt es günstigere, sogenannte Hörplätze mit Sichtbehinderung, aber das ist nichts für die Großzügige, die laminierte Saalpläne aller Hamburger Konzerthallen in einem Ordner aufbewahrt. Ob Howard Carpendale oder Helene Fischer, man will sich ja mal was gönnen und das ist natürlich die erste Reihe (Siehe auch: Die Erste-wird-die-letzte-sein), 162 Euro pro Ticket hin oder her. Was soll der Geiz?
Der „Golden Circle“ und der „Sitzplatz Preiskategorie 1“ sind ihre Komfortzone. Da ist nicht nur ein Sektchen in der Pause drin, sondern auch ein Mitbringsel für den Star des Abends. Und so bekommt Howard Carpendale einen Strauß Rosen in Zellophanfolie überreicht und Helene Fischer einen süßen Teddy.

Ob Wacken oder Logo: Crowdsurfen bitte ohne Shirt, aber in schweren Stiefeln!
© IMAGO/Dirk Jacobs | IMAGO/Dirk Jacobs
Typische Hamburger Konzertfans: Der Pogo-im-Logo
Crowdsurfen? Kinderkram! Headbanging? Langweilig! Unter einer Wall of Death, dem gegenseitigen Umrennen wie im Metzelfilm „Braveheart“, geht für den Pogo-im-Logo nichts. „Crowdkilling“ ist der Fachbegriff dafür. Schon beim zweiten Song fliegt das T-Shirt weg, damit jeder die blauen Flecken sehen kann, die stolz präsentiert werden wie Kriegsverletzungen.
Die Narbe an der Stirn des Althauers kündet von Sick Of It All 2011 im Kaiserkeller, die Brandwunde an der Lende vom Bengalo-Spaß bei den Toten Hosen, Rock am Ring 2008, das frische Pflaster von Turnstile 2025 in der Sporthalle. Und wenn nichts mehr geht: Für einen Pogo-Kreisel, einen Circle Pit in Reihe drei braucht man nur einen Mitstreiter. Und dann hoch die Springerstiefel. Wenn er im Eifer des Gefechts irgendwelche Luschen (siehe auch: Das One-Hit-Wonder) auf die Bretter schickt, ist sein Abend perfekt! Noch ein Näschen Speed zum Runterkommen, und am nächsten Morgen ab ins Gym zum Ausschwitzen.

„POV: concert of your life #taylorswift #swifties“
© Marius Becker/dpa | Marius Becker
Typische Hamburger Konzertfans: Die TikTok-Influencerin
Lena (siehe auch: Die Plus Eins) hat es dann doch noch in den Club geschafft („Biete Tickets“). Nun lässt sie zwei Stunden lang knüppelharten Rock über sich ergehen, flirtet an der Bar mit einem Musiker der Vorgruppe (siehe auch: Der Dauerquatscher) und überredet ihn zu Pärchen-Selfies, die sie natürlich sofort auf ihren diversen Social-Media-Kanälen teilt.
Eine Ewigkeit vergeht, Reels, Storys und Shortys werden fleißig gefilmt, bearbeitet, vertaggt, mit Filtern vollgeklatscht und dann kommt endlich als vorletzte Zugabe der Singlehit, auf den Lena so sehnsüchtig gewartet hat (siehe auch: Das One-Hit-Wonder). Der komplette Saal singt mit, und Lena filmt sich selber dabei, etwas wackelig zwar und völlig übersteuert, aber Content ist alles. Noch während der letzten Zugabe macht sie sich auf den Heimweg und überlegt sich einen Titel für ihr Reaction-Video: „POV: du weinst im club bei concert of your life“. Ihre 142 Follower können es kaum erwarten.
Typische Hamburger Konzertfans: Der Profi-Kritiker
Er ist der gewiefte Logistiker unter den Konzertbesuchern: der Journalist. Der Kritiker. Er steht und sitzt immer an dem Punkt mit den – kombiniert – kürzesten Wegen zu Bar (siehe auch: Der Pilsener), Toiletten und Raucherbereich (siehe auch: Der Dauerquatscher), aber doch mit Blick auf die Bühne. Außer im Knust, da gibt es eine Videoleinwand im Foyer. Scheinbar ungerührt macht er sich auf dem mobilen Endgerät oder sogar noch auf Papier Notizen und kriegt vom Rauchen Bierdurst und vom Bier Lust auf Rauchen.
Auf setlist.fm hat er sich die Songliste des letzten Konzerts der Band besorgt, die er nun anstarrt wie das Reh die Flinte. Blöd, wenn man nur den Singlehit (siehe auch: Das One-Hit-Wonder) kennt. Dabei gefällt ihm das Konzert wirklich gut für null Euro Eintritt (siehe auch: Die Plus Eins, die Großzügige). Aber leider ist die Band absoluter Mainstream geworden (siehe auch: Der Ultra), sodass er um einen Verriss nicht herumkommt, will er weiterhin ernst genommen werden. Prompt gibt es nach drei Tagen eine E-Mail zum Artikel von lenapluseins@web.de: „War der Autor überhaupt da?“
Hinweis: Dieser Text erschien in seiner ersten Fassung 2014 und wurde an einigen Stellen dem aktuellen Zeitgeist angepasst. Lecker Bierchen kostete damals 3,30 Euro plus 1 Euro Pfand.
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