Bei eisigen Temperaturen auf der Straße zu leben – für rund 1.700 Menschen in Hessen ist das Realität. Eine hessenschau-Serie zeigt das harte Leben von obdachlosen Menschen.
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05:41 Min.|05.01.26, 19:30 Uhr|hr
Leben ohne Wohnung – wie Markus aus Marburg lebt (1)
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Der 50-jährige Markus aus Marburg sieht verzweifelt aus. Er schläft selbst bei Minusgraden draußen in einem Zelt, bei dem der Eingang nicht schließt. Seit Tagen friert Markus, seine zwei Schlafsäcke reichen nicht aus, beim Schlafen lässt er die Schuhe an. „Dass ich überhaupt noch hier stehe, ist ein Wunder.“
Später hält Markus es nicht mehr aus, er bittet Jens Schneider von der Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose um Hilfe. Schneider stattet den obdachlosen Mann mit Decken und wärmerer Kleidung aus. Ein Mensch wie Markus sei gewillt, seine Probleme anzugehen. „Aber er ist sehr stark von seiner Sucht geprägt.“
So wie Markus, der mit 14 Jahren zum ersten Mal auf der Straße gelandet und seitdem drogenabhängig ist, geht es vielen obdachlosen Menschen in Hessen: Sie wollen wieder runter von der Straße, träumen von einer eigenen Wohnung. Doch das klappt aus den unterschiedlichsten Gründen nicht.
Eigene Wohnung für manche unerreichbar
Bei Markus steht die Sucht im Weg. Er wird aktuell auf dem freien Wohnungsmarkt keine Wohnung bekommen. Für einen Entzug fehlt ihm die Kraft. Markus trinkt zwei bis drei Flaschen Wodka am Tag, in einer Notunterkunft ist Alkohol aber verboten. Deshalb bleibt ihm nur sein Zelt.
Dem 66 Jahre alten Fanica bleibt sogar nur eine halbe Matratze. Auf der schläft er seit sechs Jahren vor einem Hauseingang in Frankfurt. Fanica ist aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Obwohl er in Frankfurt auf der Straße lebt, gehe es ihm besser als in seiner Heimat, so der 66-Jährige. Hier könne er Geld für Essen erbetteln. „In Rumänien würde ich vor Hunger sterben.“
Fancia lebt in Frankfurt auf der Straße.
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Fanica eine Arbeit oder Wohnung zu vermitteln, sei sehr schwierig, sagt sein Sozialberater Qutaiba Al Jendi. Denn Fanica spreche kein Wort Deutsch, habe keine in Deutschland anerkannte Qualifikation und keinerlei Ansprüche auf Sozialleistungen. Ihm bleibe nur das Betteln auf der Straße.
Leben auf der Straße als letzter Ausweg
Ein gängiges Modell für Menschen aus Osteuropa, sagt Katharina Alborea von der Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie Hessen. Die Freizügigkeit in der EU ermögliche den Menschen, sich in Deutschland aufzuhalten.
Wer keine Arbeit finde, der bettele eben. Das sei immer noch besser als das, was sie in ihrem Herkunftsland zu erwarten hätten. „Dass sie dann auf der Straße schlafen, das nehmen sie in Kauf.“ Das sei schwer auszuhalten.
Weitere Informationen Obdachlosigkeit in Deutschland und Hessen
In Deutschland haben mehr als eine halbe Million Menschen keine Wohnung. Das zeigt der Wohnungslosenbericht der Bundesregierung für das Jahr 2024. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe schätzt für 2024 sogar, dass bundesweit mehr als eine Million Menschen keine Wohnung haben.
In Hessen sind laut dem Statistischen Bundesamt rund 29.000 Menschen ohne Wohnung in Einrichtungen untergebracht. Hinzu kommen nach Schätzungen der Diakonie Hessen 1.900 Menschen, die verdeckt wohnungslos sind, zum Beispiel bei Freunden auf dem Sofa schlafen. Weitere geschätzte 1.700 Menschen leben demnach direkt auf der Straße.
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Schwer auszuhalten ist auch die Geschichte der 19-jährigen Katharina (Name geändert) aus Frankfurt. Vor einem Jahr schmeißen ihre Eltern sie raus. Zuhause habe es viel Streit gegeben, sagt Katharina. Immer wieder hätten die Eltern mit dem Rauswurf gedroht. „Als ich 18 geworden bin, hieß es: ‚Da ist die Tür.'“
Katharina hält sich danach im Frankfurter Bahnhofsviertel auf. Sie nimmt Drogen, prostituiert sich. Nachts schläft Katharina in Parks oder auf Flachdächern. Denn auf der Straße zu schlafen, ist für Frauen besonders gefährlich. „Wenn du Pech hast, hast du am nächsten Morgen nicht nur kein Geld mehr, sondern bist auch noch vergewaltigt worden.“
Sozialarbeit ist wichtiger Baustein
Katharina zieht zur Untermiete bei einem Bekannten ein. Doch der Mann wird gewalttätig. Sie braucht dringend eine eigene Wohnung. Sozialarbeiterin Romina Cotrina unterstützt sie bei der Suche. Sie arbeitet für die Hilfsinitiative MainWeg.
MainWeg hat Kooperationen mit Wohnungsbaugesellschaften, hilft obdachlosen Menschen dabei, wieder eine Wohnung zu finden. Das wäre für Katharina sehr wichtig, sagt Cotrina. „Dann kann sie sich entspannen, alles mit einem Therapeuten verarbeiten und für einen geregelten Tagesablauf sorgen.“
Weitere Informationen „Obdachlos – Wenn die Straße das Zuhause ist“
In fünf Folgen gibt die hessenschau-Serie in dieser Woche Einblicke in das Leben von obdachlosen Menschen in Hessen – täglich um 19.30 Uhr im hr-fernsehen.
Die Folgen in der Übersicht:
Montag, 5. Januar: Markus kommt nicht von der Straße
Dienstag, 6. Januar: Krank sein auf der Straße
Mittwoch, 7. Januar: Nachts auf der Straße
Donnerstag, 8. Januar: Wege aus der Obdachlosigkeit
Freitag, 9. Januar: Obdachlose aus Osteuropa
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Nur eine Wohnung zu finden, reicht oft nicht aus, sagt Expertin Katharina Alborea von der Diakonie Hessen. Wenn man weiterführende Probleme habe, wie Schulden, oder eine Erkrankung, dann sei es wichtig, Sozialarbeit miteinzubinden. Damit das Leben in geregelten Bahnen laufe, die Miete immer gezahlt werden könne.
Hoffnung nicht aufzugeben kostet Kraft
Davon ist Adam noch weit entfernt. Der 20-Jährige ist erst seit ein paar Monaten obdachlos. Seit zwei Nächten schläft er in der Winternotübernachtung in der Frankfurter Weißfrauenkirche. „Ich habe meine Arbeit verloren“, sagt Adam. „Ein paar Monate später war die Wohnung weg.“
Der junge Mann schläft mal hier, mal da. Er ist auf sich allein gestellt, bekommt keine Hilfe von seiner Familie und im Moment auch keine Sozialleistungen. Adam schlägt sich momentan irgendwie durch.
Adam ist noch nicht lange obdachlos. Er hofft auf einen Ausbildungsplatz.
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Manchmal sei das schwierig, dann sage er sich, dass er nicht mehr könne. Doch Adam ist jung, hofft darauf, demnächst wieder eine Ausbildung anfangen zu können. „Ich werde nicht aufgeben.“
Ignoriert zu werden tut weh
Aufgeben kommt für den 51 Jahre alten Michi auch nicht in Frage. Während Adam schon längst schläft, bettelt Michi in der Frankfurter Innenstadt bei Touristen und Nachtschwärmern um Geld.
In Michis Leben lief einiges schief, heute bettelt er um Almosen.
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Fünf Euro fehlen ihm noch, dann kann sich der obdachlose Mann ein Hostel-Zimmer buchen – ausnahmsweise, weil es heute Nacht so kalt ist. Michi war früher Vermögensberater und in der Immobilienbranche.
„Ich komme eigentlich aus einer sehr guten Familie“, sagt der 51-Jährige. „Aber es sind einige Sachen schief gelaufen im Leben.“ Michi stand mitten im Leben – jetzt ist er auf Spenden von wildfremden Menschen angewiesen. „Aber die meisten schauen sowieso weg. Das ist das, was weh tut.“
Weitere Informationen Winter-Hilfe für obdachlose Menschen
In Frankfurt ist der Kältebus des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten unter der Nummer 069/431414 zu erreichen. Bei Notlagen kann auch die städtische Hotline 069/212-70070 angerufen werden, die rund um die Uhr besetzt ist.
Die Stadt Darmstadt hat Hilfsangebote für Obdachlose auf ihrer Website aufgelistet.
In Wiesbaden und Groß-Gerau kann der Kältebus des Vereins zur Förderung sozial und gesundheitlich benachteiligter Menschen in Mainz und Umgebung e.V. unter der Telefonnummer 0163/ 6867137 gerufen werden.
Im Notfall gilt aber immer: 112 wählen!
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