Internationale Kontakte gewinnen in einer globalisierten Welt an Bedeutung. Katrin Radtke hat sieben Jahre lang die Esslinger Städtepartnerschaften vorangebracht.

Sieben Jahre lang hat sie Esslingens internationale Beziehungen mit Leben erfüllt. Sie hat Menschen begeistert, hat Institutionen vernetzt und neue Konzepte entwickelt. Nun ist Katrin Radtke, die Abteilungsleiterin für Städtepartnerschaften und internationale Beziehungen im Esslinger Rathaus, als Vize-Chefin ins Kulturamt gewechselt. Die überzeugte Europäerin hinterlässt ein wohl bestelltes Feld, auf dem in nächster Zeit noch viel Neues gedeihen kann. Und sie ist überzeugt: „Die Bedeutung von Städtepartnerschaften wird weiter zunehmen.“

Derzeit hat Esslingen elf Städtepartnerschaften – neun in Europa und zwei in Übersee. Und jede hat ihren eigenen Charakter und ihre eigenen Schwerpunkte. Lediglich zwei Partnerschaften liegen derzeit auf Eis: Die niederländische Stadt Schiedam pflegt aktuell keine Städtepartnerschaften. Und die Kontakte nach Molodetschno wurden ausgesetzt, nachdem Alexander Lukaschenko, der als „Europas letzter Diktator“ gilt, Freiheitsrechte und Demokratie in Belarus mit Füßen tritt. Dagegen wurden die Beziehungen zu Eger zuletzt wieder neu belebt: Ungeachtet aller Differenzen auf europäischer Ebene kam eine Gruppe aus der ungarischen Stadt im Sommer nach Esslingen zu einer internationalen Jugendbegegnung, bei der auch junge Menschen aus Piotrkòw Trybunalski in Polen, Vienne in Frankreich und Kamianets-Podilskyi in der Ukraine zu Gast waren.

Jugendliche stärker im Fokus Jugendbegegnungen können ein wichtiger Baustein für Städtepartnerschaften werden. Foto: privat

Solche Begegnungen liegen Katrin Radtke besonders am Herzen: „Ein Schwerpunkt der Esslinger Städtepartnerschaften wird künftig sicherlich auf Projekten mit Jugendlichen liegen, um diese Generation weiter für Europa zu begeistern und die Beziehungen in die USA und nach Indien zu stärken.“ Und sie ist überzeugt, dass Aktivitäten wie diese perfekt in die Zeit passen: „Während noch vor wenigen Jahren die Frage im Raum stand, ob Städtepartnerschaften im Europa der Gegenwart noch eine Bedeutung haben und welchen Beitrag sie leisten können, hat sich das seit der Pandemie und spätestens mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine spürbar verändert. Auch die Auswirkungen des Brexits sowie die veränderte politische Lage in den USA haben Auswirkungen auf die Städtepartnerschaften.“

Derzeit gibt es aus allen Partnerstädten bis auf Schiedam und Molodetschno Anfragen für gemeinsame Austausch- und Begegnungsformate, was vor der Pandemie sowie vor dem Ukrainekrieg nicht der Fall war. Manches spielt sich auf Verwaltungsebene ab, doch im Fokus des Interesses steht der Wunsch, dass möglichst viele Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen die Beziehungen mit Leben erfüllen. Und es könnte künftig noch mehr Anfragen für neue Städtepartnerschaften geben, weil man im Rathaus ein wachsendes Interesse in Ländern wie Frankreich und Italien, aber auch des globalen Südens an dieser Form der Städtediplomatie registriert.

Katrin Radtkes Wechsel ins Kulturamt soll nicht zu einer Zäsur werden. „Viele unserer Projekte sind auf Nachhaltigkeit angelegt“, betont sie. „Was wir angestoßen haben, lässt sich weiterentwickeln, viele Folgeprojekte sind bereits angelegt und bauen auf persönlichen Kontakten auf.“ Besonders hat sie dabei die Beziehungen zur ukrainischen Stadt Kamianets-Podilskyi im Blick, zu der 2023 eine Solidaritätspartnerschaft begründet wurde. Seither werden immer wieder Hilfslieferungen auf die Reise geschickt, ukrainische Ärzte hospitierten im Esslinger Klinikum, um neue Behandlungsmethoden kennenzulernen. „Am meisten hat mich die Begegnung mit traumatisierten Kindern berührt, die Eltern im Krieg verloren haben. Zu sehen, mit welchem Mut sie ihrem Schicksal begegnen, war etwas ganz Besonderes“, sagt Katrin Radtke, die der Stadt empfiehlt: „Angesichts der guten Kontakte und der engen Zusammenarbeit, die sich in dieser relativ kurzen Zeit entwickelt hat, sollten wir die Solidaritätspartnerschaft mit Kamianets-Podilskyi in eine Städtepartnerschaft überführen.“

Mit Leib und Seele für Europa Beim Esslinger Schwörfest war eine hochrangige Delegation aus der ukrainischen Stadt Kamianets-Podilskyi zu Gast. Foto: Roberto Bulgrin

Auch wenn sie die internationalen Kontakte der Stadt nicht länger federführend betreuen wird, bleiben die Städtepartnerschaften für Radtke eine Herzensangelegenheit. So war das in den vergangenen sieben Jahren stets für sie: „Wenn die Menschen spüren, dass man mit Leib und Seele hinter dieser Arbeit steht, kann man viel erreichen. Internationale Beziehungen leben von Empathie, von Begeisterung und Leidenschaft. Man muss diese Arbeit leben. Dafür bekommt man ganz viel Positives zurück.“ Deshalb will Katrin Radtke auch im Kulturamt den Blick immer wieder über den nationalen Tellerrand hinaus richten. Als begeisterte Netzwerkerin sieht sie gerade in der Kultur viele Anknüpfungspunkte. Dabei setzt sie auf die junge Generation: „Überall, wo Kinder und Jugendliche aus ganz Europa beteiligt sind, spürt man Freude, Energie und Optimismus. Ich verbinde ganz viel Hoffnung mit ihnen und bin sehr zuversichtlich, dass sie Europa zusammenhalten werden.“ Auf Katrin Radtkes Unterstützung können sie bauen.

Esslingen und seine Städtepartnerschaften

Idee
 Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Städtepartnerschaften ein erfolgreiches Konzept zur Verständigung und zum friedlichen Miteinander zwischen Nationen, die zuvor verfeindet waren. Solche Kontakte halfen oft, das Eis zu brechen. Vor allem die Jugend spielte bei der Anbahnung internationaler Kontakte eine ganz wichtige Rolle.

Partner
Mit der französischen Stadt Vienne wurde 1958 Esslingens erste Städtepartnerschaft besiegelt. Damals wurden Sonderzüge gechartert, um Esslinger dorthin zu bringen. Mittlerweile gibt es kommunale Kontakte auch mit Schiedam in den Niederlanden, Neath in Wales, Velenje in Slowenien, Norrköping in Schweden, Udine in Italien, Eger in Ungarn, Molodetschno in Belarus, Piotrkòw Trybunalski in Polen, Scheboygan in den USA und Coimbatore in Indien.

Solidarität
Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat Esslingen zudem eine Solidaritätspartnerschaft mit der ukrainischen Stadt Kamianets-Podilskyi begründet. Zahlreiche Hilfsgüter wurden seither dorthin gebracht. Und es gibt einen regen Erfahrungsaustausch, zuletzt unter anderem mit Ärzten aus der ukrainischen Stadt.