Wenn ich zurück nach Deutschland komme, treffe ich auf ein depressives Land: erschöpft, niedergeschlagen, ohne spürbaren Aufbruch. Politik und Medien haben mit ihrer jahrelangen Themensetzung eine Diskurs-Parallelwelt geschaffen, die sich immer weiter von der Lebensrealität vieler Menschen entfernt hat – und das rächt sich jetzt.

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Ankommen. Passkontrolle. Ein freundliches „Hallo“. Und ich blicke in ein trauriges, niedergeschlagenes Gesicht. Nicht unhöflich, nicht abweisend – aber leer, erschöpft, angespannt. Es ist der Anfang des neuen Jahres, ein Flughafen in Deutschland. Ich komme aus dem Süden, voller Eindrücke, guter wie schlechter. Wärme, Erinnerungen an Begegnungen und Bilder bringe ich mit. Doch schon in diesen ersten Minuten spüre ich etwas, das mich zutiefst irritiert: eine niederschmetternde Niedergeschlagenheit.

Danach Taxi. U-Bahn. Supermarktkasse. Immer wieder dasselbe. Kurze Begegnungen, flüchtige Blicke, sachliche Worte – und überall diese Schwere. Als wäre sie Teil der Infrastruktur. Als würde sie mittransportiert, von Ort zu Ort, von Gesicht zu Gesicht. Es ist kein einzelner Moment. Es ist ein Eindruck, der sich verdichtet. Es ist normal.

Der frühere Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber berichtet als Teil des Global Reporters Netzwerks von Axel Springer (Welt, Politico und BILD, Business Insider, Onet) über internationale Themen. Sein Schwerpunkt liegt auf den USA und den Nahen Osten.

Ich war in den vergangenen Monaten in Israel, Italien, Frankreich, Spanien, Island, den Vereinigten Arabischen Emiraten. Länder, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Unterschiedliche Kulturen, Konflikte, Klimazonen, politische Systeme. Und doch verbindet sie etwas, das mir bei meiner Rückkehr nach Deutschland schmerzhaft auffällt: eine spürbare Lebendigkeit. Ein Grundton von Bewegung, von Energie, von Zugewandtheit zum Leben. Und dann lande ich hier – und es fühlt sich an wie die Rückkehr in ein depressives Land.

Damit meine ich nicht, dass hier alles schlecht ist. Im Gegenteil. Aber die allgemeine Stimmung ist schwer. Gedämpft. Als würde permanent ein leiser Moll-Akkord mitschwingen. Die Gesichter sind ernst, die Gespräche schnell problemorientiert, der Blick oft nach unten gerichtet. Kaum bin ich zurück, dreht sich alles um das, was nicht funktioniert: die Politik, die Wirtschaft, die Bürokratie, die Zukunft. Selbst kleine Begegnungen wirken angespannt, als stünde man kollektiv unter Dauerstrom.

In Israel etwa, einem Land, das objektiv in permanenter Bedrohung lebt, habe ich etwas anderes erlebt: eine fast trotzig wirkende Intensität des Lebens. Diskussionen sind laut, emotional, widersprüchlich – aber sie sind lebendig.

In Italien und Spanien, Länder, in denen weiß Gott auch nicht alles Gold ist: Leichtigkeit, Körperlichkeit, soziale Nähe.

In Frankreich Streitlust, Stolz, intellektuelle Reibung.

In Island eine stille, aber tiefe Gelassenheit.

In den VAE ein fast übertriebener Zukunftsoptimismus, der an manchen Stellen irritiert, aber eines klar macht: Dort glaubt man daran, dass Gestaltung möglich ist.

Und dann Deutschland. Ein Land, das sich anfühlt, als sei es erschöpft von sich selbst. Als habe es verlernt, an Aufbruch zu glauben. Die permanente Selbstkritik, einst vielleicht eine Stärke, wirkt inzwischen selbstzerstörerisch. Alles wird sofort relativiert, problematisiert, zerlegt. Fortschritt wird misstrauisch beäugt, Veränderung als Risiko begriffen, nicht als Chance. Wer optimistisch ist, gilt schnell als naiv. Wer etwas wagt, muss sich rechtfertigen.

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Ich frage mich, woher diese depressive Grundstimmung kommt. Ist es die historische Last, die immer mitschwingt? Die deutsche Neigung zur Schuld, zur moralischen Überkorrektheit? Ist es die jahrelange Krisenabfolge – Finanzkrise, Pandemie, Krieg, Inflation –, die jede Zuversicht aufgezehrt hat? Oder ist es der Wohlstand selbst, der uns lange träge gemacht hat, satt, und der jetzt immer stärker zu bröckeln beginnt? Vielleicht auch die Überregulierung, das Gefühl, dass alles kompliziert, langsam und festgefahren ist. Dass individuelle Gestaltung kaum noch durchdringt durch die Schichten aus Regeln, Zuständigkeiten und Bedenken.

Ein Teil dieser Stimmung hat sicherlich mit der Art zu tun, wie Politik und Medien in den letzten Jahren Themen gesetzt haben. Klimawandel, der Aufstieg der Rechten, Identitätspolitik, Umverteilung. Themen, die in einer Weise verhandelt wurden, die eine eigene Parallelwelt geschaffen hat. Eine Welt der permanenten moralischen Alarmierung, der zugespitzten Narrative, der symbolischen Stellvertreterdebatten. Eine Welt, die sich immer weiter von der konkreten Lebensrealität vieler Menschen entfernt hat.

Während dort über Begriffe, Haltungen und Deutungen gestritten wird, kämpfen Menschen hier mit steigenden Preisen, maroder Infrastruktur, überlasteten Behörden, fehlender Planungssicherheit. Während große Teile des öffentlichen Diskurses um moralische Positionierung kreisen, fehlt vielen das Gefühl, dass sich jemand ernsthaft um Funktionalität, Alltagstauglichkeit und Zukunftsfähigkeit kümmert. Diese Diskrepanz erzeugt Frust. Und irgendwann Resignation. So entsteht ein öffentlicher Raum, der laut ist, aber schmal – und viele innerlich ausschließt.

Was mich besonders irritiert: Diese Stimmung scheint kaum noch hinterfragt zu werden. Sie ist Normalität geworden. Pessimismus gilt als Realismus. Hoffnung als Verdacht. Dabei ist genau das fatal. Denn Stimmung ist nicht nebensächlich – sie prägt Entscheidungen, Mut, Innovationskraft, gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ein Land, das innerlich resigniert, verliert nicht nur wirtschaftlich, sondern kulturell und emotional.

Und doch stehe ich am Ende ratlos da. Denn einfache Lösungen gibt es nicht. Man kann Zuversicht nicht verordnen. Man kann Lebensfreude nicht per Gesetz beschließen. Vielleicht beginnt es im Kleinen: im Tonfall, im Umgang miteinander, im Mut, auch einmal nicht sofort das Haar in der Suppe zu suchen. Vielleicht braucht es neue Narrative, neue Vorbilder, neue Formen von Gemeinschaft. Vielleicht müssen wir wieder lernen, dass Kritik und Zuversicht keine Gegensätze sind.

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sich Deutschland im Moment anfühlt wie ein Land, das vergessen hat, wie sich Aufbruch anfühlt. Und dass das, nach allem, was dieses Land kann und war, unendlich schade ist.