Nun schlägt sie also wieder, die Stunde jener Experten, die angesichts der Lage nach dem Anschlag aufs Stromnetz in Berlin mit mahnend erhobenem Zeigefinger darauf hinweisen, dass die Bevölkerung sich besser vor Stromausfällen und sonstigen Notlagen schützen müsse. Auch von einigen Behördenvertretern und Politikern hieß es in den vergangenen Tagen recht unverhohlen: Vorräte, Taschenlampen, Decken und Kerzen – wer all das nicht zu Hause habe, dem sei eben nicht zu helfen.

Das ist gleich aus mehreren Gründen unanständig: Zum einen, weil es zum Teil dieselben „Experten“ und Politiker waren, die noch vor wenigen Jahren diejenigen Menschen, die sich schon damals privat auf Versorgungskrisen vorbereiteten, als „Prepper“ diffamiert haben. Damals war die Botschaft: Der Staat ist dein Hirte, dir wird nichts mangeln. Wer diesem Versprechen nicht traute, galt als Staatsfeind. Nun also die Rolle rückwärts.

Staat muss dafür sorgen, nicht der Bürger

Hinzu kommt, dass die Verantwortung für grundlegende Aspekte der Daseinsvorsorge – im konkreten Fall für die Versorgung mit elektrischer Energie – eben nicht beim einzelnen Bürger, sondern beim Staat liegt. Das umfasst ausdrücklich auch die Krisenvorsorge für jene Fälle, in denen der Strom länger ausfällt. Gerade große Städte können ohne Strom nicht funktionieren, das gilt selbst für das notorisch dysfunktionale Berlin. Der Einzelne kann daran wenig ändern.

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Zur Erinnerung: Unser Staat knöpft bereits Normalverdienern rund die Hälfte ihrer Einnahmen als Steuern und Sozialabgaben ab. Es ist auch jener Staat, der die Regulierung des Privatlebens so weit treibt, dass Bürgern nicht einmal zugetraut wird, den Plastikdeckel einer Flasche korrekt zu entsorgen. Und im Gegenzug sollen die Bürger von diesem Staat nicht einmal erwarten dürfen, dass sie bei dauerhaftem Stromausfall verlässlich notversorgt werden? Dass die Zeiten ernster und die Gefahren größer werden, ist unzweifelhaft richtig. Es ändert nichts daran, dass der Staat hier einen Auftrag seinen Bürgern gegenüber zu erfüllen hat – und zwar auch gegenüber jenen Bürgern, die keine private Vorsorge getroffen haben.

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Natürlich ist es trotzdem richtig, sich mit Lebensmitteln, Decken und Co. für den Fall einer Versorgungskrise zu bevorraten. Die staatliche Daseinsvorsorge muss in einem Land wie Deutschland aber trotzdem das Ziel verfolgen, dass die Bürger nichts davon jemals benötigen. Wer als Politiker oder Behördenmitarbeiter dieses Ziel verkennt und die Bürger nicht demütig, sondern hochmütig um Mitwirkung bei der Vorsorge bittet, hat eine gefährlich falsche Vorstellung von jenem Gemeinwesen, dem er sich eigentlich verpflichtet fühlen sollte.