Dieter Juhnke ist herzkrank. Nach dem Anschlag auf Berlins Stromnetz bekam er es mit der Angst zu tun. Der pensionierte Jurist ist fassungslos, dass Linke hinter dem Anschlag stecken sollen.
Es ist ein kleines Detail, das an diesem Mittwoch in der vornehmen Gegend von Berlin-Wannsee irritiert. Große, rote und weiße Herrnhuter Sterne leuchten vor gefühlt jeder zweiten Villa. Und das, obwohl es schon 12 Uhr ist und die Sonne scheint.
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Überall im Südwesten der Stadt verschwinden Bewohner in dicker Winterkluft mit Trolleys, Rucksäcken oder Kartons in ihren ausgekühlten vier Wänden. So hatten sie sie ein paar Tage zuvor verlassen müssen.
Herzkranker zu Stromanschlag: „Die Temperatur sank, mein Blutdruck stieg“
Elektrische Jalousien, die seit Samstag unten blieben, klettern wieder nach oben. Dank des zurückgekehrten Stroms ist es in vielen Wohnungen schon am Nachmittag nur noch im Kühlschrank richtig kalt.
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So wie beim 74 Jahre alten Dieter Juhnke. Er wohnt allein in einer Reihenhaushälfte, nur einen Steinwurf vom Wannsee entfernt. Juhnke hatte Glück im Unglück. Die kleine Straße, in der er lebt, bildet eine Ausnahme. Dort kehrte der Strom schon am Dienstagmorgen in die Steckdosen zurück.
Ein kleiner Erste-Hilfe-Kasten auf dem Wohnzimmertisch deutet an, dass es für Juhnke nicht der erste Schreckmoment ist. Der Jurist ist herzkrank. Vor einigen Jahren erlitt er einen Infarkt.
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„Als ich am Montagmorgen in meinem Schlafsack aufwachte, war die Temperatur im Haus auf elf Grad gesunken. Mein Blutdruck war gestiegen – auf 163 zu 102. Da fing ich an, mir Sorgen zu machen und dachte: das ist nicht gut, ich muss sofort hier raus.“
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Der 74-Jährige steht vom Wohnzimmertisch auf, geht zu einem Billy-Regal, das als Raumteiler zur Wohnküche fungiert, blickt auf das Thermometer und sagt: „18,5 Grad. Aber mir ist noch immer kalt! Mir war noch nie meinem Leben in einem Haus so kalt wie am vergangenen Wochenende.“
Ein Berliner spricht während eines Stromausfalls im Südwesten Berlins in einer Notunterkunft mit seiner 97-jährigen Mutter. Sebastian Gollnow/dpa 74-Jähriger übernachtet bei Tochter – auf dem Fußboden
Begonnen hatte Juhnkes Leiden, als er Samstag um 8 Uhr nach dem Aufstehen merkte, dass die Wohnung „merkwürdig kalt“ war. „Das Licht funktionierte nicht, alle elektrischen Geräte waren tot, ebenso das Handy. Bei den Nachbarn war es nicht anders. Um 9 Uhr bin ich dann ins Auto, um mich aufzuwärmen und habe in den Nachrichten gehört, dass es einen großen Stromausfall gibt.“
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Juhnke fackelte nicht lang – und fuhr zu seiner Tochter, die in Schöneberg wohnt. Der Bezirk war nicht vom Stromausfall betroffen. „Ich wollte dort wenigstens tagsüber bleiben, denn in meinem Haus, das war klar, würde es immer unwirtlicher werden.“
Bei DM ergatterte der Jurist dann noch eine Wärmflasche – „die Vorletzte, die da war“, sagt er leicht lächelnd. „Ich habe noch nie in meinem Leben eine Wärmflasche benötigt. Bis zum Anschlag auf das Stromnetz.“
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Am Montagmorgen kapitulierte er vor der Kälte und zog zur Tochter. „Meine Frau ist seit über 20 Jahren tot, an Krebs gestorben, meine Tochter ist vor drei Jahren bei mir ausgezogen. In ihrer Wohnung habe ich zum ersten Mal übernachtet, und zwar auf dem Fußboden, weil es keinen anderen Platz gab“, sagt Juhnke. „Ich hatte mir vorher schnell noch eine Luftmatratze gekauft. Die Nacht war furchtbar, ich war total steif am Dienstagmorgen.“
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„Linksextremisten haben bewiesen, wie gefährlich sie sind“
Die flache Mittagssonne scheint durch den verschneiten Garten und eine große Verandatür in das kleine Wohnzimmer hinein. Juhnke bietet dem Gast einen zweiten Espresso an. Dann greift er sich den Schlafsack, den er gerade zusammenlegen wollte.
„Jetzt geht es wieder, der Leidensdruck ist weg. Die Heizung sprang Dienstagmorgen um 5 Uhr wieder an, und als ich vormittags wieder zurückkam, war die schlimmste Kälte schon raus.“ Das, was er nicht verstehen kann, ist, wie eine linke Gruppe einen derartigen Anschlag planen könne.
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Er sei politisch selbst links orientiert, kenne sich als gebürtiger Berliner mit vielen linken politischen Strömungen aus. Dass diese Gruppe aber „ohne Rücksicht auf Verluste“ agiert habe, ist für Juhnke unbegreiflich. „Ich halte Rechtsextremisten nach wie vor für die größere Gefahr. Aber die Linksextremisten haben bewiesen, dass sie ebenso gefährlich sind.“
Pensionär beunruhigt, dass Geheimdienst bislang kaum Infos zur Tätergruppe hat
Inzwischen ist der Blutdruck des 74-Jährigen wieder unten. Doch es gibt etwas, das ihn beunruhigt. Die Geheimdienste hätten offenbar noch immer keine präzisen Erkenntnisse über diese Linksextremisten. Thesen gibt es viele.
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Was Juhnke am Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“ aufstieß, war die Behauptung, mit dem Anschlag gegen fossile Stromerzeuger wie das Gaskraftwerk Lichterfelde protestieren zu wollen.
„Das ist doch Quatsch, immerhin wärmt die Energie, die aus diesem Kraftwerk kommt, den Tätern den eigenen Arsch.“ Ein Nachbar habe ihm nach Bekanntwerden des Schreibens gesagt, dass Linksextremisten kaum dahinterstecken könnten, denn die seien „viel zu dumm“.
Dass die Täter laut Technikern des Stromnetzes Berlin genau gewusst haben sollen, was sie da taten, könnte ein valider Hinweis darauf sein, dass sich sein Nachbar irre. Dieter Juhnke: „Ich hoffe jedenfalls wirklich, dass sie erwischt werden.“