Etwa 1,70 Meter ist sie groß, hat rote, lange Haare – und mag offensichtlich Tattoos, wie man unter anderem auf dem Hals und den Händen unschwer erkennen kann. Eine große Brille, mehrere Piercings in der Nase, riesige Tunnels in den Ohren, so oder so ähnlich würde man Sandra Wesseli womöglich beschreiben. Rein äußerlich, zweifellos eine Erscheinung.
„Barbarella“ ist die Erfindung des Verlobten
Das ist aber natürlich nur eine Seite der jungen Frau, die in der Goethestraße in Schwäbisch Gmünd ihr berufliches Zuhause gefunden hat. Sie ist „Barbarella“. Barba…, was? Richtig, diesen Begriff gibt es nicht. Anders: Sie geht dem Beruf des Barbiers nach. „Davon gibt es tatsächlich keine weibliche Form. Mein Verlobter Jens hat mich einmal so genannt – und der Begriff ‚Barbarella‛ gefiel mir so gut, dass ich mich seitdem so bezeichne“, sagt Wesseli lachend. Sie lacht ohnehin viel, lächelt, strahlt förmlich, vor allem wenn sie von ihrem Beruf spricht. Weiblicher Barbier, oder eben „Barbarella“, Frauen findet man in diesem Beruf nur selten. Konkret: Wesseli ist ein Spezialist für Herrenpflege, hat sich auf das Stylen und Schneiden von Kopf- und Barthaaren konzentriert.

An ihrem freien Tag musste Sandra Wesselis Verlobter Jens Herrmann als Modell aushelfen. Die beiden lernten sich tatsächlich bei der Arbeit kennen. (Foto: Timo Lämmerhirt)
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Sandra Wesseli ist 29 Jahre jung, kommt aus Österreich und ist 2021 der Liebe wegen nach Deutschland gezogen. Ihre Freunde nennen sie „Saani“. „Ich wollte nicht Sunny genannt werden, das ist viel zu sonnig, so bin ich nicht“, sagt sie, natürlich wieder lächelnd. Als sie nach Deutschland kam, arbeitete sie zunächst als Friseurin in Schorndorf, ehe sie merkte, dass ihr etwas fehlte. Ihr fehlte aber nicht ihr Partner, wegen dem sie damals nach Deutschland kam, es hatte berufliche Gründe. Mal abgesehen davon, dass sie diesen Mann nicht mehr an ihrer Seite hat. Längst aber ist sie wieder glücklich mit Jens Herrmann, einst ein Kunde von ihr. Sie kam damals bei einem Barbershop unter, der auch Frauen bediente. Anfangs konnte sie sich gar nicht vorstellen, dass sie keine Frauen mehr als Kundinnen haben würde. „Das Konzept wurde aber nicht angenommen und ich habe irgendwann gemerkt, dass ich nur noch Männern die Haare und den Bart schneiden möchte“, erinnert sie sich an ihre Anfänge. Schon in Österreich arbeitete sie als Friseurin, hatte damals auch eine leitende Funktion.
Für mich gab es irgendwann einfach keine andere Möglichkeit, als mich selbstständig zu machen, um glücklich zu werden und um den Beruf weiter auszuüben.
Sandra Wesseli, „Barbarella“ aus Schwäbisch Gmünd
Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie jetzt selbstständig in der Goethestraße. In Schorndorf hat sie sich aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr wohlgefühlt. Zunächst suchte sie nach alternativen Barber-Shops. „Es gab aber keinen, in dem ich mich gesehen habe“, sagt sie. „Für mich gab es irgendwann einfach keine andere Möglichkeit, als mich selbstständig zu machen, um glücklich zu werden und um den Beruf weiter auszuüben“, erinnert sie sich. Im Friseursalon „Rabarber-Schnitte“ hatte sie damals angefragt, ob eine Stelle frei sei. War sie nicht, allerdings bot ihr Inhaberin Vanessa Krebs einen Raum an, in dem sie per Stuhlmiete ihren eigenen Barber-Shop betreiben könne. Das war die Lösung, diese Idee wurde schnell in die Tat umgesetzt – und am 6. Juni 2023 öffneten sich erstmals die Türen ihres eigenen Ladens. „Ich habe den Laden auf Instagram gesehen und fand ihn direkt süß, so verspielt, nicht so normal oder steril wie bei vielen anderen Friseuren. Das hatte einfach Charme“, sagt sie zu ihrer Auswahl. Vanessa Krebs und Sandra Wesseli, das passt schließlich auch menschlich wunderbar.
Gefallen am alten Handwerk
Wesseli gefällt das alte Handwerk des Barbiers, wie sie sagt. „Ich liebe diese Haarschnitte der 20er bis 50er Jahre, diese Präzision dahinter“, versucht sie in Worte zu fassen, warum sie sich auf Herren konzentriert hat. Über die Jahre hinweg habe sie mitbekommen, dass Männer beim Friseur lediglich abgefertigt würden, häufig in einer Viertelstunde fertig seien. „Mein Haarschnitt dauert eine Dreiviertelstunde. Man lernt mit der Zeit, diese längere Dauer auszunutzen. Man lernt, dass man auch bei Männern deutlich mehr Präzision an den Tag legen und Details ausarbeiten kann“, sagt sie. Haare plus Bart dauern sogar über eine Stunde. Zeit muss man schon mitbringen zu ihr. Und mit ihr als „Barbarella“ scheinen die Kunden recht zufrieden zu sein, einige aus Schorndorf seien mit nach Gmünd gewechselt, nehmen diese Fahrt gerne auf sich. „Mich hat mal jemand auf Ebay angeschrieben, als ich etwas verkauft habe, um zu erfragen, wo denn nun mein Salon sei, er müsse unbedingt wieder zu mir“, erinnert sie sich lachend.
Mich hat mal jemand auf Ebay angeschrieben, als ich etwas verkauft habe, um zu erfragen, wo denn nun mein Salon sei, er müsse unbedingt wieder zu mir.
Sandra Wesseli, „Barbarella“ aus Schwäbisch Gmünd
Die eigene Homepage und ein gut gepflegter Social-Media-Kanal taten ihr Übriges, um Wesseli rund um Schwäbisch Gmünd bekannt zu machen. Sie wisse, dass sie nicht die günstigste sei – und das sei freilich bewusst gewählt. „Die Leute sind andere Preise gewohnt, kennen Barber-Preise zwischen 15 und 20 Euro“, sagt die 29-Jährige. Bei ihr zahle man über 50 Euro. „Es ist völlig in Ordnung, dass es diese unterschiedlichen Preisspannen gibt, für die, die es sich nicht leisten können oder wollen oder die ihre Zeit anders verbringen möchten. Ich hatte auch mal einen Kunden, der schlichtweg nervös wurde, weil es nicht schnell genug ging – der war bei mir falsch, ganz klar“, fährt sie fort. Handwerk habe seinen Preis, sagt sie. „In den vergangenen Jahren haben sich Friseure und Barbiere unter Wert verkauft, wenn man das mit einem Tischler oder Mechaniker vergleichen würde. Friseure und Barbiere sollten alle einen vernünftigen Preis nehmen, da wir seit Jahren schon zu günstig sind“, ist Wesselis klare Meinung. Noch lange nicht sei sie an dem Preis angelangt, der diese Stunde ihres Handwerks tatsächlich wert sei, ergänzt sie selbstbewusst.
Kontakt zu den Kunden ist sehr wichtig
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Ein weiteres Kriterium ihrer Arbeit, auf das sie Wert legt, sei der Kontakt zu den Kunden. Unterhaltungen gehören für sie dazu. „Solche Gespräche lassen sich in einer Dreiviertelstunde natürlich besser umsetzen als in einer Viertelstunde. Da ist es schon vorgekommen, dass Freundschaften entstanden sind“, sagt sie. „Männergehabe“ wie in den sonst männlich dominierten Shops, wie sie sagt, gebe es bei ihr nicht. Bei ihr können die Kunden unter anderem „Persönlichkeit und Authentizität“ erwarten, wie sie sagt. „Ich schaffe hier einen Raum, in dem man gesehen, nicht nur abgefertigt wird. Wenn sich das auch komisch anhören mag, denke ich doch, dass ich eigentlich eine ganz coole Person bin, mit der man klarkommen kann“, sagt sie schmunzelnd.

Ganz klassisch rasiert Sandra Wesseli, die „Barbarella“ von Schwäbisch Gmünd, Männerbärte. Sowohl bei den Bärten als auch bei den Herrenhaarschnitten könne man unglaublich viel Präzision an den Tag legen – wenn man sich entsprechend Zeit lasse. (Foto: Timo Lämmerhirt)
Ihr Barber-Shop heißt „Twisted Fingers“, inspiriert vom Klassiker „Let´s twist again“ von Chubby Checker, wenngleich der Song erst im Jahr 1961 herausgebracht wurde. Aber auch da kam man noch wunderbar mit der Pompadour-Tolle gut durch, zumal Elvis Presley zu dieser Zeit noch lebte und gefühlt jeden Mann inspirierte, auch mit seiner Frisur. Von der Rock´n´Roll-Legende hat Sandra Wesseli einige Bilder an ihren Wänden hängen und auch mit ihrem Inventar zeigt sie, dass sie frühere Zeiten durchaus cool fand. Ein Grammofon steht auf dem Tisch, ein altes Rasiermesser-Set ist Deko und dann kann man noch ein paar alte Boxhandschuhe an der Wand entdecken oder eine Couch im Vintage-Stil. Dazwischen findet man immer wieder Bilder von Tattoos oder Skull-Zeichnungen. „Ich mag das, das ist mein Style“, sagt sie.
Kunden sollen sich wohlfühlen, wie sie es selbst tut
So fühlt sie sich wohl und so sollen sich auch die Kunden bei ihr wohlfühlen. „Ich denke, dass die Leute zu mir kommen wegen meiner Echtheit. Bei mir ist der Kunde nicht König, bei mir geht es um Augenhöhe. Bei mir darf man sich wie zu Hause fühlen. Ich bringe ihm die Cola oder die Snacks nicht, er kann sich einfach alles aus dem Kühlschrank oder aus dem Regal nehmen, eben wie zu Hause“, erklärt sie. Wenn die Kunden dann bei ihr seien, sich an ihrem Kühlschrank bedienten, dann sei das durchaus so ein „freundschaftliches Ding“, wie sie es nennt. Das Siezen ist bei „Twisted Fingers“ übrigens verpönt, dort duzt man sich, ganz gleich, wen. „Das ist mir bei älteren Personen auch schon mal schwergefallen, aber ich habe es durchgezogen“, sagt die „Barbarella“ aus Schwäbisch Gmünd. So, wie sie die Selbstständigkeit durchgezogen hat, in einem fremden Land, in noch recht jungen Jahren. Wesseli hat mittlerweile Fuß gefasst in der Stauferstadt, mit ihrem Barber-Shop. Einem Barber-Shop der etwas anderen Art.