Tagelang waren 100.000 Menschen in Berlin ohne Strom – und das bei frostiger Kälte. Zeitweise waren 45.000 Haushalte und 2200 Betriebe – darunter auch Kliniken und Pflegeheime – lahmgelegt, weil vermutlich linksextreme Saboteure eine Strombrücke über den Teltowkanal zerstört hatten. Die Frage ist, warum in Berlin in grundlegendes Sicherheitsprinzip außer Acht gelassen wurde, das besonders für das Stromnetz gilt und als (n-1)-Regel – sprich: N minus Eins – bekannt ist. Sie besagt, das ein Stromleitungssystem auch beim Ausfall einer wichtigen Komponente wie einer Leitung funktionsfähig bleiben muss und es nicht zu großflächigen Störungen kommt oder andere Teile überlastet werden. Man kann das Ganze auch mit einem Wort beschreiben: Redundanz. In Berlin fehlte sie. Wie sieht es damit in Baden-Württemberg aus?

„Wir bauen unsere Netze grundsätzlich redundant auf“, sagt Torsten Höck, Geschäftsführer des Verbands für Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg (VfEW) auf Anfrage des SÜDKURIER. Er vertritt 220 Versorger, die etwa 90 Prozent der Menschen im Land mit Strom, Gas und Wasser beliefern. Die N-minus-Eins-Regel gilt für alle vier Klassen des Stromtransports, von der Niederspannung (230 Volt/400 Volt) bis zu den Stromautobahnen, auf denen eine Höchstsspannung von bis zu 380 Kilovolt gefahren wird. Wie Höck bestätigt, kann die Redundanz im Notfall nicht nur auf einem, sondern auf mehreren Wegen gesichert werden. „Hier ist vieles möglich“, sagt der Experte. Er sagt aber auch: „Jede Infrastruktur hat ihre neuralgischen Stellen.“ Verwundbarkeit durch einen Sabotage-Angriff wie in Berlin ist nie völlig ausgeschlossen, sondern immer nur mehr oder weniger wahrscheinlich. Auch Redundanz nutzt wenig, wenn Kabel und Ersatzkabel parallel verlaufen, weil nur ein technischer Ausfall berücksichtigt wurde, aber kein Gewaltakt, der beides zerstören kann.

„Wir bauen unsere Netze grundsätzlich redundant auf.“ Torsten Höck ist Geschäftsführer des Verbands für Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg. Hier verlaufen mehr als 226.000 Kilometer Stromleitungen. Das reicht, um mehr als 5 mal die Erde zu umrunden.

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„Wir bauen unsere Netze grundsätzlich redundant auf.“ Torsten Höck ist Geschäftsführer des Verbands für Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg. Hier verlaufen mehr als 226.000 Kilometer Stromleitungen. Das reicht, um mehr als 5 mal die Erde zu umrunden.
Foto: Marc Feix Photography

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„Wir bauen unsere Netze grundsätzlich redundant auf.“ Torsten Höck ist Geschäftsführer des Verbands für Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg. Hier verlaufen mehr als 226.000 Kilometer Stromleitungen. Das reicht, um mehr als 5 mal die Erde zu umrunden.
Foto: Marc Feix Photography

Auch in Baden-Württemberg wäre eine Attacke wie die am Teltowkanal immerhin denkbar. Durchs Land verlaufen 226.630 Kilometer an unterirdischen Stromkabeln und überirdischen Freileitungen. Diese machen mit rund 45.000 Kilometer Länge immer noch fast 20 Prozent aller Stromleitungen aus. Freileitungen mit Mittelspannung (über 1 bis 72,5 Kilovolt), wie im Berliner Schadenfall betroffen, ziehen sich über eine Länge von mehr als 12.000 Kilometern. „Im Normalfall sind Mittelspannungsleitungen aber unterirdisch verlegt“, beton Torsten Höck. Das ist im Land auf mehr als 51.000 Kilometern der Fall. Dass innerorts Mittelspannungsleitungen überirdisch verlaufen, ist nach Höcks Auskunft nur selten der Fall.

Stromleitungen im Südwesten

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Stromleitungen im Südwesten
Foto: Baden-Würrtemberg

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Stromleitungen im Südwesten
Foto: Baden-Würrtemberg

In Berlin wurde den Saboteuren der Angriff nicht nur durch die offene Trassenführung erleichtert, sondern sie profitierten anscheinend auch von Informationen, die im Internet frei zugänglich sind. Dieser Umstand macht auch dem VfEW-Geschäftsführer in Stuttgart Sorgen. „Wir müssen aufpassen, dass wir zu unserer Infrastruktur nicht zu viele Details im Netz veröffentlichen“, sagt Torsten Höck. Stellenweise verfahre man da „zu großzügig“. Andererseits seien die Informationen den Offenlegungspflichten des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) geschuldet. Die erweisen sich im Berliner Fall als Bumerang. Denn das EnWG will im Grunde einen Fortschritt, nämlich mehr Transparenz, um Wettbewerb und eine zuverlässige Nutzung der Netze zu gewährleisten. So werden im Rahmen von Genehmigungsverfahren Daten und Informationen öffentlich zugänglich, die von Extremisten abgeschöpft werden können. „Das bringt ein Risiko mit sich“, sagt Experte Höck.

Sicherheit der Leitungen in Baden-Württemberg kostet Geld

Seine positive Botschaft: „Wir schützen die Infrastruktur im Land so gut wir können.“ Das gelte für die Abwehr von Cyberangriffen aber genauso auch für die physische Sicherheit der Leitungen. Eine Überwachung gibt es also durchaus, doch es steht außer Frage, dass man diese ausbauen und intensivieren könnte. Technisch möglich und auch teilweise schon Praxis sind Hubschrauber- und – viel billiger – Drohnenflüge. Daneben steht permanente Sensorik – etwa Temperatursensoren und optische Fasertechnologie – an den Leitungen zur Verfügung. Sie sendet Daten über Stromfluss und physikalische Veränderungen wie einen Leitungsdurchhang oder Eislast an die Leitstellen. Das kann durch Satellitenbilder zur Vegetationskontrolle und intelligente Software zur Analyse von Abweichungen unterstützt werden.

Klingt gut, die Resilienz kostet aber. „Zum Nulltarif ist das alles nicht zu haben, die Sicherheit hat ihren Preis“, sagt Torsten Höck über die Folgen für diesen Aufwand. Vermutlich werde der – unter Umständen über höhere Netzentgelte – bei den Stromkunden wieder hereingeholt werden müssen.  Experten wie Hans-Walter Borries vom Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastruktur (BSKI) gehen von einer Vervierfachung der Sicherheitskosten aus. Das würde einen Teil der Kostensenkung, die der 6,5-Milliarden-Zuschuss der Bundesregierung für die Netzentgelte gebracht hat, vermutlich wieder zunichtemachen. Die vier Übertragungsnetzbetreiber Amprion, Tennet, 50Hertz und TransnetBW haben sich entschieden, das Geschenk 2026 an die Kunden weiterzugeben. Das wird laut der Plattform „Strom-Report“ auch die Preise in Baden-Württemberg merklich drücken – bei einer Familie mit 4000 Kilowattstunden Jahresverbrauch um 17 Prozent.

  • Alexander Michel

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