Unklar blieb zunächst auch, ob dieses Gebilde nicht doch Sterne enthält. „Bevor wir Hubble eingesetzt haben, hätte dies auch eine lichtschwache Zwerggalaxie sein können“, erklärt Anand. „Denn die erdbasierten Radioteleskope waren nicht empfindlich genug, um Sterne in diesem Objekt zu erkennen.“ Deshalb haben die Astronomen die rätselhafte „Cloud 9“ nun mit der hochauflösenden Kamera des Hubble-Teleskops ins Visier genommen.

Hubble-Aufnahme von Cloud 9Diese Aufnahme des Hubble-Teleskops zeigt eindeutig, dass es in der „Cloud 9“ keine Sterne gibt. Unten zeigt eine Simulation sternenarmer Zwerggalaxien, wie diese unter gleichen Bedingungen aussehen würden – ihre Sterne wären klar erkennbar. © Anand et al./ The Astrophysical Journal Letters, CC-by 4.0
Sternlos und von Dunkler Materie dominiert

Die neuen Aufnahmen enthüllen: Die merkwürdige Wolke ist tatsächlich völlig sternenlos. „Dank Hubbles Kamera können wir nun ganz klar feststellen, dass dort nichts ist“, sagt Anand. Die Daten zeigen stattdessen eine Wolke, deren knapp 5.000 Lichtjahre großer Kern primär aus neutralem Wasserstoff besteht. Die Wasserstoffmenge im Wolkenkern entspricht ungefähr einer Millionen Sonnenmassen.

Doch dieses Gas macht nur einen winzigen Bruchteil der Wolke aus, wie die Astronomen feststellten. Denn der größte Anteil – rund fünf Milliarden Sonnenmassen – besteht aus Dunkler Materie. „Damit ermöglicht uns Cloud-9 den seltenen Blick auf eine von Dunkler Materie dominierte Wolke“, sagt Koautor Andrew Fox vom Space Telescope Science Institute.

RELHIC – ein übriggebliebener Dunkler Halo

Noch entscheidender jedoch: Die Merkmale dieser Dunkelmaterie-Wolke entsprechen denen eines Dunklen Halos – einer galaxienbildenden Ansammlung Dunkler Materie. In diesem Falle hat es der Dunkle Halo aber offenbar nicht geschafft, ausreichend Wasserstoffgas an sich zu ziehen, um die Sternbildung auszulösen. „Dies ist das Zeugnis einer gescheiterten Galaxie“, sagt Koautor Alejandro Benitez-Llambay von der Universität Milano-Bicocca in Italien.

Nach Ansicht der Astronomen handelt es sich bei „Cloud 9“ damit um den ersten Fall der lange gesuchten „Reionization-Limited H I Clouds“, kurz RELHIC – einen von Dunkler Materie dominierten Galaxienvorgänger, der aus dem frühen Kosmos übriggeblieben ist. „Das Fehlen von Sternen liefert uns die Bestätigung für die Theorie: Wir haben im lokalen Universum erstmals den ursprünglichen Baustein einer Galaxie gefunden, der sich nicht weiterentwickelt hat“, sagt Benitez-Llamba.

Bestätigung für das kosmologische Modell

Damit könnten die Astronomen endlich einen der lange gesuchten Dunkle-Materie-Halos entdeckt haben. „Unser Fund stützt eine entscheidende Vorhersage des kosmologischen ꓥCDM-Modells: Die Existenz von gasgefüllten, sternlosen Halos aus Dunkler Materie, deren Massen unter der einer Galaxie liegen“, erklären die Forschenden. Gleichzeitig könnte „Cloud 9“ auch dabei helfen, die nötige Massenschwelle für die Galaxienbildung weiter einzugrenzen.

„Diese Wolke ist ein Fenster ins dunkle Universum“, sagt Fox. Der Fund deutet darauf hin, dass es im Kosmos noch viele solcher Relikte gescheiterter Galaxien geben könnte. Sie könnten wertvolle Informationen über das frühe Universum und die Physik der Dunklen Materie liefern. (The Astrophysical Journal Letters, 2025; doi: 10.3847/2041-8213/ae1584)

Quelle: NASA, Space Telescope Science Institute







8. Januar 2026

– Nadja Podbregar