08. Januar 2026

Luca Schäfer

Ein Mann an einem Mikrophon

Hodges auf einer Konferenz in Riga, Oktober 2024

(Bild: Gints Ivuskans/Shutterstock.com)

Ben Hodges gilt als einer der kritischsten Deuter des Ukraine-Krieges. Warum der US-General a.D. vor falschem Frieden warnt. Eine Analyse.

Ben Hodges ist ein Mann der Armee. Der heute 67-Jährige diente zuletzt als Oberkommandierender der US-Streitkräfte in Europa. Doch von militärisch-gewohnter, öffentlicher Zurückhaltung keine Spur: Er bezeichnete die Wahlversprechen Trumps, innerhalb von 24 Stunden einen Ukraine-Friedensschluss zu erreichen, als heiße Luft und warf der amerikanischen Führung zudem Strategielosigkeit vor.

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Zuletzt trat Hodges – vor dem Hintergrund der Novellierung der US-Sicherheitsstrategie (NSS) – erneut mit Markigem an die Öffentlichkeit: Europa sei für Washington „unbedeutend“. Menschen jenes Ranges, die derart offen und kritisch ihre Meinung äußern, sind äußerst rar. Doch vertritt er Kluges?

Schengen-Rüstungsraum

Frederick Benjamin „Ben“ Hodges ist ein aus Florida stammender Generalleutnant a. D. In seiner letzten Verwendung hatte er bis Dezember 2017 das Oberkommando über die US-Landstreitkräfte in Europa inne. Hodges absolvierte die Militärakademie West Point. Nach Stationierungen in Deutschland sowie im Irakkrieg wurde Hodges Oberkommandeur der Nato-Landstreitkräfte mit Sitz in Izmir (Türkei).

Bereits in der Frühphase des Ukraine-Konfliktes – die de facto Abspaltung der Donbass-Republiken waren gerade erfolgt –, erregte Hodges mit pointierten Analyseaussagen die Aufmerksamkeit der Medien. So vertrat er die These, dass Russland innerhalb eines halben Jahrzehnts einen großen Krieg vorbereiten würde.

Seine damals als verfrühte Panik verfemte Polemik sollte sich sieben Jahre später zur bitteren Realität mausern. Insbesondere lag Hodges‘ Fokus auf dem Baltikum: Nach der Großübung Anakonda 2016 war sich der Militär sicher, dass das Baltikum nicht zu verteidigen sei – Russland sei schlicht „schneller“ vor Ort.

Um diesen auch in breiten Kreisen der Nato-Ostflanke anerkannten Problem Abhilfe zu schaffen, forderte Hodges eine Art Schengen-Raum für militärisches Gerät, um die schnelle Bewegungsfreiheit von US-Truppen zu ermöglichen. So sollten auch US-Panzer ohne Zollformalitäten durch alle Nato-Staaten Europas rotieren können.

Von West Point ins Westend

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Nach Ende seiner aktiven Dienstzeit wurde sein geordneter Rückzug nach Florida verkündet, lange hielt es den Privatier jedoch nicht: Verheiratet mit einer Deutsch-Amerikanerin lebt Hodges inzwischen in Frankfurt.

Von der Main-Metropole aus agiert Hodges als spitzzüngiger Interviewpartner, Analyst und Berater in Sicherheitsfragen. Allein seinem mit Osteuropa-Analysen gefüllten X-Account folgen mehr als 200.000 Menschen.

Kriegsverzögerungstaktik

In die aktuelle Debatte um eine insbesondere von den USA intendierte Verhandlungslösung brachte sich Hodges wortgewaltig ein. Dabei stand er im großen Kontrast zu den Mainstream-Meinungen seines ehemaligen Dienstlandes. Während in den Vereinigten Staaten alle verfügbaren Kapazitäten dem weitaus wichtigeren Machtkampf gegen Peking untergeordnet werden sollen, trat Hodges als Meinungsverstärker deutsch-europäischer Befürchtungen auf.

Er sekundierte, dass Europa sich als „unbedeutend“ allein gelassen fühle, was er als „Schlag in die Magengrube“ sowie als „Betrug unter Freunden“ deutlich skandalisierte. Jener Verrat an der transatlantisch-tradierten Bindung verschaffe Moskau strategische Vorteile.

Insbesondere bezeichnete er das Bestreben Trumps, Russland wieder in die internationale Ordnung einzubinden und den Konflikt mit der Ukraine mindestens temporär zu befrieden, als schwer verständlich und falsch. Da die aktuellen Verhandlungen Vorschläge enthielten, die de facto Druck auf Kiew zu einer faktischen Kapitulation bedeuten würden, würde ein vorschneller Frieden brüchig, schwach und nur einen temporären Aufschub eines noch gewaltigeren Krieges bedeuten.

Gemeinsames Haus Eurasien

Dabei sollte jedoch bedacht werden, dass Russland als zentrale, geopolitische Schachfigur einer bis in den asiatischen Raum reichenden europäischen Sicherheitsarchitektur nicht unberücksichtigt hingehalten werden kann. Zudem setzt die These Hodges voraus, dass die russischen Absichten einen direkten und weitreichenden Angriff auf Kerneuropa beinhalten – hierzu fehlt es bislang, abseitig des Ukraine-Krieg, an Belegen.

Das subjektive EU-Gefühl des „Alleingelassenwerdens“ kann obendrein als überfällige Korrektur eines jahrzehntelangen Ungleichgewichtes oder als realistische Einschätzung der US-Lage im Zustand eines überdehnten Imperiums mit neuer Prioritätensetzung interpretiert werden.

Siegfrieden

Hodges gibt jedoch auch an, wie das ukrainische Schlachtfeld befriedet werden könne: Zunächst mit einer Zunahme der militärischen Intensität. Zur Mobilisierung und Motivierung der ukrainischen Soldaten fordert Hodges sowohl Atamcs-Raketen als auch die Unterstützung durch F-16-Bomber. Damit unterstützt und popularisiert der US-Offizier eine der markantesten und langanhaltendsten Forderungen der Selenskyj-Regierung, die gleichsam eine massive Eskalationstendenz im Krieg um die Ukraine birgt.

Gleichzeitig versteigt sich Hodges in die These, dass die Ukraine auch zum aktuell fortgeschrittenen Zeitpunkt eines vierten Kriegsjahres alle Voraussetzungen erfüllen würde, um den russischen Angriff zurückzuschlagen. So seien nicht nur territoriale Gewinne interessant, sondern die Schwächung Russlands entscheidend.

Doch wer soll diese bringen? Aktuell sind nach dem Veto aus Paris keine europäischen Truppenkontingente zu erwarten. Neben geschätzt 100.000 Deserteuren muss die ukrainische Armee monatliche Verwundeten- und Verlustzahlen in Höhe von 50.000 Personen kompensieren.

So wird berichtet, dass die Ukraine in manchen Frontabschnitten in einer acht zu eins Unterzahl kämpfen muss. Selbstverständlich, wenn auch alle Zahlenangaben mit äußerster Vorsicht zu genießen sind, sind dies Zahlenkategorien, die kaum ausgleichbar erscheinen. Eine Offensive erscheint, im Anbetracht grassierender Korruption, schwindendem Rückhalt und einem erfolgten Massen-Exodus, als Wunschdenken.

Gewinnen statt überleben

Nach Hodges wird der Krieg erst enden können, wenn Moskau erkennt, dass es ihn nicht gewinnen kann. Hier liegt die Hauptdifferenz zur aktuellen Trump-Linie: Hodges ist bewusst, dass eine derartige Lage nur mit US-amerikanischer Rückendeckung und in steter Kooperation mit den Armeen der EU realisierbar ist. Trump hingegen erwägt, die US-Soldatenpräsenz in Europa und Deutschland deutlich zu reduzieren, sein Fokus ist der Indo-Pazifik mit den Nebenschauplätzen Lateinamerika und Naher Osten.

Ohne eine eindeutige militärische Überlegenheit der Ukraine sei ein dauerhafter Frieden unrealistisch. Hodges lehnt daher alle territorialen Zugeständnisse ab.

Er vertritt somit eine offensive, pro-transatlantische Position, die sich im engen Fahrwasser der Mehrheitspositionen der deutschen politischen Klasse bewegt. In deren Lesart gefährden Verhandlungen Sicherheit und Stabilität – Friedensverhandlungen werden brüskiert zurückgewiesen. Der kollektive Westen müsste geeint und entschlossen militärischer handeln. Andernfalls bliebe Moskau eine latente Gefahr. Die Ukraine muss letztlich nicht nur überleben, sondern gewinnen.

Die Schwächung der Nato und die Uneinigkeit im transatlantischen Bündnis böten Moskau und Peking ideale Einflussbedingungen. Als positive Blaupause für die aktuellen Verhandlungen könnte Hodges zu einem entschlossenen westlichen Interventionismus bis zum Sieg der Ukraine raten. Damit steht der ehemalige General im Kontrast zur aktuellen politischen Klasse der USA, was die mediale Aufmerksamkeit erklärt, die seine Thesen in den hiesigen Medien erhalten. Einen Beitrag zur diplomatisch-progressiven Lösung des Blutbades bieten sie hingegen nicht.