Halle/MZ – Draußen ist es schon dunkel, als Leni Köhler gemeinsam mit dem Bestatter im Pflegeheim eintrifft. Sie sind gekommen, um einen Verstorbenen abzuholen. Zusammen mit dem Bestatter hebt die zierliche Blondine den Senior aus dem Bett. Es ist das erste Mal, dass Köhler einen toten Menschen sieht. Sie ist damals 15 Jahre alt.
Insgesamt zwölf Sterbefälle erlebt die Schülerin damals innerhalb einer Woche während ihres Praktikums bei einem Bestattungsunternehmen. „Ich wurde nicht in Watte gepackt“, sagt sie heute. So krass die Erfahrung für sie ist, der Umgang mit den Verstorbenen, die vielen verschiedenen Aufgaben und die Beschäftigung mit dem Thema Tod faszinieren die inzwischen 19-Jährige. Und sie festigen ihren Berufswunsch – den teilen immer mehr junge Menschen.
Bestatter in Sachsen-Anhalt: Viele Bewerber, wenig Stellen
Seit diesem Sommer absolviert Leni Köhler eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft beim Beerdigungsinstitut Ludwig in Halle. Nach Angaben der Handwerkskammer ist sie eine von fünf Auszubildenden im Bestattungswesen in der Saalestadt. Die Zahl der Azubi-Stellen ist knapp, weil vielen Betrieben das Fachpersonal fehlt, um selbst auszubilden.
Bewerber auf die raren Posten gibt es indes reichlich: Bundes- und landesweit erleben Bestatter derzeit einen wachsenden Zulauf an jungen Menschen. Eine Ausnahme im vom Nachwuchsmangel geprägten Handwerk. Köhler führte die Neugier in die Branche – aber auch ein Berufsbild, das bei genauem Hinsehen facettenreicher ist, als es für Außenstehende mitunter scheinen mag.
Ein Vormittag in Halle. Im edel eingerichteten Gesprächsraum des Beerdigungsinstituts erscheint die 19-Jährige in schwarzem Blazer und schwarzer Hose. Das sei ein Symbol dafür, dass es in ihrem Job vor allem um die Angehörigen und nicht um sie gehe, sagt Köhler. Das heißt aber nicht, dass ihr Alltag von Schwermut geprägt ist. „Wir sind hier ja nicht traurig.“ Im Gegenteil: Ihr mache die Ausbildung Spaß, sagt sie. „Es ist nicht schlimm, das zu sagen.“
Wir sind hier ja nicht traurig.
Leni Köhler / Auszubildende
Wird Leni Köhler heute nach ihrem Beruf gefragt, erntet sie jedoch meist ungläubige Blicke. „Dann ist die Stimmung sofort eine andere.“ Denn ihr Alltag dreht sich um ein Thema, über das viele Menschen selten und ungern sprechen. Sie selbst nicht. „Ich habe mich schon immer für den Tod interessiert.“ Mit dem hat sie nun beinahe täglich zu tun. „Das ist nicht für jeden etwas.“ Für die junge Frau schon – sie hat die Branche schon früh für sich entdeckt.
Köhler wächst in einem Ort mit wenigen hundert Einwohnern nahe Jena auf. Schon als Kind guckt sie heimlich Horrorfilme. Das habe ihr Interesse am Tod geschürt, erzählt sie. Was passiert eigentlich, nachdem ein Mensch gestorben ist? „Das Thema hat mich fasziniert.“ Noch in der Schule absolviert sie das Praktikum beim Bestatter. „Ich habe da gemerkt, dass mir das Spaß macht.“
Ausbildung in Halle: Per Podcast ins Bestattungshaus
In Thüringen macht sie anschließend Abitur, überlegt, Gerichtsmedizin zu studieren. Doch das trockene Pauken schreckt sie ab, sie will etwas Handfestes machen. Über den MDR-Podcast „Radieschen von unten“, in dem ihr heutiger Ausbilder Jan Edler über den Bestatterjob aufklärt, wird sie auf den Betrieb in Halle aufmerksam. „Ich habe ihn dann einfach über Instagram angeschrieben.“ Nach einem weiteren Praktikum in Halle erhält sie schließlich einen Ausbildungsvertrag. Dass ihr der Beruf gefalle, liege vor allem an der Vielseitigkeit, betont Köhler.
Die 19-Jährige führt in Halle nun in den Vorführraum. In einem mannshohen Regal reihen sich dutzende Urnen aneinander. Sie sind mit verschiedenen Motiven verziert. Blumenmuster, verschnörkelte Schriftzüge, auf einer prangt die Zeichnung eines Lkw. Die Urnen seien aus einem speziellen Naturmaterial, das sich mit der Zeit in der Erde auflöse, sagt die Auszubildende.
Zur Bestatter-Ausbildung gehört auch eine Warenkunde – dabei lernen Azubis auch Merkmale verschiedener Sargtypen.
(Foto: Bundesverband Deutscher Bestatter)
Sie macht einen Schritt zur Seite und lässt ihre Hand nun über den verzierten Deckel eines hölzernen Sarges gleiten. „Das ist ein Kuppelsarg.“ Das erkenne man an der geschnitzten Form. Diese Art der Warenkunde ist einer von vielen Teilen ihrer Ausbildung. „Wir müssen die Menschen ja beraten können.“
In der dreijährigen Ausbildung lernen angehende Bestattungsfachkräfte eine ganze Palette unterschiedlicher Fähigkeiten. Dazu zählen eher trockene Aufgaben wie die Bearbeitung von Auftragsdokumenten, Rechnungswesen und Buchhaltung. „Da ist die Begeisterung nicht so groß.“ Aber die angehenden Bestatter müssen auch anpacken: Das Auskleiden eines Sarges mit Stoff, Tacker und Nägeln zählt ebenso zum Lehrstoff wie das Ausheben eines metertiefen Grabes. Auch mit schwerem Gerät. „Ich muss einen Baggerführerschein machen.“
Auszubildende aus Halle scheut keine Trauergespräche
Hinzu kommt der Umgang mit den Verstorbenen – von der Abholung über die hygienische Vorbereitung bis zum würdevollen Betten in den Sarg. Das sei der Bereich, der ihr am meisten Spaß mache, beteuert Köhler. Ekel? Berührungsängste mit Leichen? „Ich habe das gar nicht.“ Die Azubis üben zudem, Räume für Trauerfeiern zu dekorieren. Und: das Trauergespräch mit den Angehörigen. Dabei helfe es oft schon, die Betroffenen erzählen zu lassen, sagt die Auszubildende. Der Beruf habe aber auch Grenzen. „Wir sind kein Therapiezentrum.“ Die Gespräche mit den Angehörigen scheut Köhler aber nicht. „Man merkt, wie es ihnen guttut.“
Aber der tägliche Umgang mit Toten und Trauernden, belastet der nicht? Sie empfinde das nicht so, sagt die 19-Jährige. Sie pflegt einen Ausgleich zu ihrem von Pietät geprägten Alltag. In ihrem Heimatort tanzt sie im Karnevalsverein. „Da feiert man das Leben.“ Dass der Tod für viele Menschen ein so belastendes Thema ist, liegt aus ihrer Sicht auch am gesellschaftlichen Umgang.
„Dadurch, dass viele das Thema verdrängen, wissen sie als Angehörige bei einem Todesfall nicht, was sie in dieser Situation machen sollen.“ Dabei könne es helfen, sich vorher damit zu beschäftigen. Vor allem junge Menschen tun das offenbar zunehmend über das Internet.
Podcasts, Videos, Facebookposts: Bestattungsfirmen nutzen das Internet
Bestatter nutzen inzwischen Podcasts und soziale Medien wie Facebook, Instagram und Tiktok, um ein junges Publikum anzusprechen. „Es soll Communityarbeit sein, wir wollen Fragen beantworten“, sagt Jan Edler. Der ausgebildete Bestatter produzierte gemeinsam mit dem MDR einen Podcast, der auch Leni Köhler nach Halle führte. Er meint, dass die Branche seit anderthalb Jahren zunehmend im Netz präsent ist. „Ich finde das klasse. Ich freue mich, wenn man das aus der staubigen Ecke holt.“
Edler vermutet, dass die Ansprache über Videos und Podcasts ein Grund für das wachsende Interesse am Beruf ist. Den spürt auch er. Auf den Ausbildungsplatz im Beerdigungsinstitut in Halle habe es viele Bewerber gegeben. „Viele wollen. Aber wenn sie dann die Arbeit erleben, ändert sich das oft.“
Ausbildung als Bestatter: Unter 700 Euro Gehalt im ersten Lehrjahr
Bei Leni Köhler ist das nicht der Fall. „Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen.“ Sie plant, bis zur Rente als Bestatterin zu arbeiten. „Der Beruf gibt das her.“ Auch eine Meisterprüfung will sie später ablegen. Ihr Azubi-Lohn sei mit unter 700 Euro im ersten Lehrjahr zwar knapp, langfristig biete der Beruf aber gute Chancen auf „ein gutes Gehalt“. Denn das Bestattergewerbe kann wohl als krisensicher gelten. In Sachsen-Anhalt steigt die Zahl der Sterbefälle seit gut 20 Jahren wieder stetig an. Für die Bestatter gibt es daher viel zu tun.
Das alles sei für sie allerdings nicht wichtig, sagt Leni Köhler. Ihr gehe es um die Vielseitigkeit, den Kontakt zu Menschen im Beruf. Und darum, so klingt es zwischen ihren Worten heraus, etwas von Bedeutung zu machen. Der würdige Umgang mit dem Ende eines Lebens jedenfalls verlangt wohl ebenso nach einem Gespür für Pietät wie für das Wichtige im Leben.