Deutschland hat 2025 deutlich weniger Strom aus dem Ausland bezogen als im Vorjahr. Die Bundesnetzagentur weist für das vergangene Jahr Nettoimporte von 21,9 Terawattstunden (TWh) aus – ein Rückgang um rund 22,6 Prozent gegenüber 2024. Gleichzeitig stiegen die Exporte. Was zunächst nach wachsender Unabhängigkeit klingt, ist jedoch vor allem eine Momentaufnahme im europäischen Strommarkt. Für den Strommix und für Haushalte ergeben sich daraus eher indirekte Folgen.
Strommix mit geringeren Importen
Insgesamt importierte Deutschland 2025 rund 76,2 TWh Strom und exportierte 54,3 TWh. Die gesamte Stromerzeugung blieb mit 437,6 TWh nahezu konstant.
Nach Auswertungen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) lag der Rückgang der Nettoimporte vor allem an veränderten Marktbedingungen. Vergleichsweise niedrige Erdgas- und gleichzeitig höhere Strompreise in Deutschland und den Nachbarländern machten die heimische Stromerzeugung aus Gaskraftwerken wirtschaftlicher. Dadurch wurde mehr Strom im Inland produziert und weniger importiert.
Wichtig ist dabei: Deutschland agiert nicht isoliert. Der Stromhandel ist Teil eines vollständig gekoppelten europäischen Marktes. Strom wird dort erzeugt, wo er im jeweiligen Moment am günstigsten ist. Die Bundesnetzagentur betont, dass alle Länder von diesem gemeinsamen Markt profitieren.
Kein Schritt zur Autarkie
Weniger Importe bedeuten daher nicht automatisch mehr Unabhängigkeit im Strommix. Eine jüngst in den Renewable and Sustainable Energy Reviews veröffentlichte Übersichtsarbeit zeigt, dass sich die Strompreise in Zentraleuropa zunehmend gegenseitig beeinflussen. Erzeugungsspitzen oder Engpässe in Nachbarländern wirken direkt auf die Preisbildung in Deutschland.
Hinzu kommen regulatorische Grenzen: Die Europäische Union schreibt vor, dass mindestens 70 Prozent der verfügbaren grenzüberschreitenden Übertragungskapazität für den Stromhandel bereitgestellt werden müssen. Der verbleibende Anteil dient entsprechend Verordnung (EU) 2019/943 der Netzstabilität und Systemsicherheit. Auch das begrenzt, wie stark Importe kurzfristig schwanken können.
Großhandelspreise steigen trotzdem
Für Privathaushalte ist weniger entscheidend, wie viel Strom die Bundesrepublik importiert, sondern zu welchem Preis der Strom gehandelt wird. Der durchschnittliche Day-Ahead-Großhandelspreis lag 2025 bei 89,32 Euro pro Megawattstunde. Das entspricht laut Bundesnetzagentur einem Anstieg um 13,8 Prozent gegenüber 2024.
Umgerechnet entspricht das rund 8,9 Cent pro Kilowattstunde auf Großhandelsebene. Selbst wenn steigende Großhandelspreise vollständig an Verbraucher*innen weitergegeben würden, läge der rechnerische Effekt für einen Haushalt mit 3.500 kWh Jahresverbrauch bei rund 38 Euro pro Jahr. In der Praxis fallen die Effekte meist geringer aus und zeigen sich zeitverzögert.
Dynamische Tarife: Chancen und Risiken
Direkt spüren Verbraucher*innen diese Marktbewegungen bei dynamischen Stromtarifen. Diese koppeln den Arbeitspreis unmittelbar an den Börsenstrompreis und müssen seit 2025 von allen Stromanbietern angeboten werden, sofern ein intelligentes Messsystem installiert ist.
Relevanz gewinnt hier eine weitere Zahl aus dem Bericht der Bundesnetzagentur: 2025 gab es 573 Stunden mit negativen Strompreisen – deutlich mehr als 2024. Haushalte mit flexiblen Verbrauchern wie Elektroautos, Wärmepumpen oder Batteriespeichern können solche Phasen gezielt nutzen. Gleichzeitig tragen sie jedoch auch das Risiko hoher Preise in Knappheitssituationen.
Topaktuell
Netze und Klimabilanz
Mehr inländische Stromerzeugung kann zudem Auswirkungen auf die Stromnetze haben. Die Bundesnetzagentur hat die Transparenz zu Redispatch- und Netzstabilisierungsmaßnahmen ausgeweitet, da diese Kosten langfristig über die Netzentgelte in die Stromrechnung der Haushalte einfließen können.
Klimapolitisch ist Vorsicht geboten: Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Import- und Exportbewegungen die rechnerische CO2-Intensität des Strommix beeinflussen. Sinkende Importe bedeuten nicht automatisch geringere Emissionen im europäischen Gesamtsystem.
Der Rückgang der Stromimporte 2025 ist kein grundlegender Richtungswechsel, sondern eine Folge veränderter Marktbedingungen im europäischen Stromsystem. Für Haushalte bleiben die Auswirkungen begrenzt und meist indirekt. Entscheidend für die Stromrechnung sind weiterhin die Struktur des Strommix, die Preisbildung an der Börse sowie die Entwicklung von Netzentgelten und Abgaben – nicht allein die Frage, wie viel Strom Deutschland importiert.
Quellen: Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme; Bundesnetzagentur; „Cross-border effects on electricity spot prices – a meta-study“ (Renew. Sustain. Energy Rev., 2025); Amtsblatt der Europäischen Union; Umweltbundesamt
Hinweis: Ukraine-Hilfe
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