Das Leipziger Literaturhaus ist das einzige im deutschsprachigen Raum ohne dauerhafte kommunale Förderung. Für den Erhalt der Kultureinrichtung müsste sich das nun ändern – und zwar schnell: Das Vereinsvermögen wird voraussichtlich 2027 ausgeschöpft sein, sagt Geschäftsführer Thorsten Ahrend im Gespräch mit dem kreuzer. Bereits Anfang 2026 müsse das Literaturhaus nun den Mietvertrag für die Räume im Haus des Buches am Gerichtsweg 28 kündigen. Andernfalls drohe Insolvenzverschleppung, so Ahrend. Neu in die städtische Kulturförderung aufgenommen zu werden schien bis vor Kurzem unwahrscheinlich, zu angespannt ist die Haushaltslage. Doch am 12. Dezember – also am Ende des städtischen Themenjahres zur Buchstadt Leipzig – gab es im Stadtrat doch noch einen Antrag zur Förderung des Literaturhauses ab dem Jahr 2027. Finanziert werden soll diese über Kreditmittel, so die Kulturausschussvorsitzende Gesine Märtens (Grüne).
Finanziert aus DDR-Rücklagen
Gegründet wurde der Verein 1990 als Kuratorium Haus des Buches, 1996 eröffnete der Veranstaltungsort am Gerichtsweg. Finanziert wurde der Verein bislang aus Rücklagen des DDR-Kulturministeriums: 30 Millionen Mark. Bei diesen Mitteln handele es sich nicht um »SED-Gelder«, sagt Ahrend. »Natürlich sah das damals komisch aus«, er selbst habe zu der Zeit beim Reclam-Verlag in Leipzig gearbeitet, man habe sich gefragt, wo dieses Geld hergekommen ist. Mit Blick in die Bücher des Hauses wisse er heute: Es ging nicht um dubiose Finanzierungen, sondern darum, das Geld der DDR auf den letzten Metern in die Infrastruktur der Buchstadt Leipzig zu investieren.
Das Haus war das erste Literaturhaus in den damals neuen Bundesländern und ist bis heute das einzige in Sachsen. Daraus leitet die Vereinsvorsitzende Stephanie Jacobs auch einen politischen Bildungsauftrag ab: »Literatur ist genau richtig, um sich in demokratischer Streitkultur zu üben. Ein Literaturhaus ist deshalb insbesondere in einem Sachsen, in dem undemokratische Strömungen immer breiter werden, wichtig.« Allein 2025 habe das Haus diesen Auftrag mit rund 150 Veranstaltungen und sieben Ausstellungen mit Autorinnen und Autoren aus 21 Ländern und mit Kooperationspartnern umgesetzt. Zudem werde Literaturvermittlung für Kinder und Jugendliche angeboten.
Durch Anlagen am freien Aktienmarkt habe das Literaturhaus das DDR-Erbe, das den Verein neben Einnahmen und Projektfördermitteln maßgeblich finanziert, ausreizen können, so Ahrend. Doch auch bei Sparsamkeit und intensiver Drittmittelakquise sei die Endlichkeit der Mittel stets absehbar gewesen: »Schon seit Gründung des Hauses war klar, dass dieser Zeitpunkt kommen würde.« Seit Ahrend 2019 Leiter des Literaturhauses wurde, habe er darauf aufmerksam gemacht, dass das Haus irgendwann kommunale Unterstützung brauchen werde, vor dreieinhalb Jahren auch persönlich vor dem Kulturausschuss der Stadt. Zwar sei er dort auf Wohlwollen gestoßen, ein anhaltendes Bewusstsein ob der Problemlage sei jedoch ausgeblieben. Stets wurde argumentiert, dass eine institutionelle Förderung ausgeschlossen sei, solange der Verein über eigenes Vermögen verfügt. Rechtzeitige Bemühungen des Hauses in der Finanzierungsfrage liefen folglich ins Nichts: Nach 35 Jahren Bestehen, 5.000 Literaturveranstaltungen und 300.000 Besuchenden droht damit die Schließung.
Kulturdezernentin Skadi Jennicke (Linke) schreibt dem kreuzer, eine Neuaufnahme des Literaturhauses in die Kulturförderung der Stadt sei angesichts der Haushaltslage nur schwer umsetzbar. Die Stadt sei um den Fortbestand des Hauses bemüht und wünsche dabei Unterstützung des Landes. Das sächsische Kulturministerium lehnt eine institutionelle Förderung jedoch ab. Begründet wird dies neben der angespannten Haushaltslage mit dem Wirkungsschwerpunkt des Hauses, der vor allem in Leipzig liege. Ahrend berichtet, seine Anfrage an das Ministerium sei bislang unbeantwortet geblieben.
Reiten auf der Welle der Solidarität
Anfang Dezember 2025 hatte der Verein seine prekäre Finanzierungslage publik gemacht – und Empörung im Feuilleton und der Literaturbranche entfacht. Videobotschaften von Schreibenden wie Buchpreisträgerin Martina Hefter, eine Petition des Netzwerks der Literaturhäuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie ein Appell von PEN Deutschland machten die heikle Lage auch in den sozialen Medien sichtbar. Stephanie Jacobs berichtet gerührt von einer »Solidaritätswelle«, auf der das Literaturhaus seitdem reite. Eine Welle, die Wucht zu haben scheint: Am 12. Dezember, zehn Tage nach dem ersten öffentlichen Aufschrei über das mögliche Aus des Literaturhauses, wurde im Stadtrat ein Antrag zur Sicherung des Literaturhauses mit jährlich 205.000 Euro eingereicht. Federführend waren dabei die kulturpolitischen Sprecherinnen und Sprecher Gesine Märtens (Grüne), Mandy Gehrt (Linke), Pia Heine (SPD) und Ralf Pannowitsch (BSW). Der Antrag wurde im Dezember in die Ausschüsse verwiesen, eine Entscheidung wird für Januar oder Februar erwartet, so Märtens gegenüber dem kreuzer. Stimmt der Stadtrat entsprechend ab, wäre die Finanzierung und damit der Fortbestand des Literaturhauses gesichert – anders als der Standort: Ein Antrag sei noch kein Beschluss; die Kündigung der Räume werde zwingend ausgesprochen, so Ahrend. Ob die Kündigung später gegebenenfalls zurückgenommen werden kann, sei noch ungewiss.