Anhänger des kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro nehmen an einer von der Regierung einberufenen Kundgebung zur Verteidigung der nationalen Souveränität teil.

Stand: 08.01.2026 07:55 Uhr

Erst Venezuela, dann Kuba, Mexiko und Kolumbien: Trump hat offen weiteren lateinamerikanischen Staaten gedroht. Kolumbiens Präsident Petro rief zu landesweiten Demos auf. Doch nun scheint sich die Lage etwas zu entspannen.


Jenny Barke

Es ist ein symbolträchtiger Ort, an dem die Demonstranten ihre übermannsgroßen Kolumbienflaggen schwenken: Am Fuße der Símon-Bolívar-Brücke, die Venezuela mit der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta verbindet, demonstrieren sie für die Souveränität ihres Landes. Símon Bolívar, „el Libertador“, ist der Befreier, der Anfang des 19. Jahrhunderts für sechs lateinamerikanische Länder die Unabhängigkeit von der spanischen Kolonialherrschaft erkämpfte.

Yalina, eine der Demonstrantinnen, hält heute die USA für Kolonisten: „Wir waren ein Volk mit kämpferischen und widerständigen Ureinwohnern. Wir werden nicht zu Kolonialismus, Eroberung und Völkermord zurückkehren. Von nun an müssen wir uns verteidigen. Lateinamerika ist frei, souverän, unsere Völker genießen Selbstbestimmung.“

Einmischung in Kolumbiens Wahlkampf

Trump droht offen mit kriegerischen Handlungen in Kolumbien. Maria Alejandra kann deshalb kaum schlafen. Sie sei sehr verunsichert, „aber nicht nur emotional ist das schlimm, sondern auch für unsere nationale Sicherheit ist das sehr beängstigend“.

Trump beschuldigt den linksgerichteten kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro immer wieder, in den Drogenhandel verwickelt zu sein. Im Mai sind Präsidentschaftswahlen in Kolumbien, schon jetzt mische sich Trump massiv in den Wahlkampf ein, sagt der venezolanische Politikwissenschaftler Jesús Renzullo, der am Berliner GIGA-Institut forscht: „Früher oder später wird sich Kolumbien zugunsten der Vereinigten Staaten wenden, und Trump weiß das.“

Tatsächlich seien einige von Trumps Maßnahmen dazu gedacht, die ihm wohlgesonnen rechten Kräfte in Kolumbien zu unterstützen, erläutert Renzullo. Dazu gehörten, „den kolumbianischen Präsidenten als Drogenhändler zu bezeichnen, Boote im Pazifik zu sprengen, oder zu sagen, dass Kolumbien ein Desaster ist“.

Telefonat zwischen Trump und Petro

Präsident Petro hatte zu den landesweiten Demonstrationen für Kolumbiens Souveränität aufgerufen, neben Cúcuta folgten dem gestern Tausende Menschen in Medellín, Cali und Bogota. Dort trat Petro vor den Massen auf – und verriet Details über ein kurz zuvor geführtes Telefonat mit Trump – das erste zwischen den beiden Staatschefs, die öffentlich sonst ihre Antipathie füreinander zeigen.

Petro habe vor allem folgende Bitte geäußert: „Stellen Sie die direkte Kommunikation zwischen den Außenministerien und den Präsidenten wieder her. Ohne Dialog gibt es Krieg.“ Eine Stunde sei es um Venezuela und den Drogenhandel gegangen.

Versöhnliche Worte aus dem Weißen Haus

Dann las Petro den Kolumbianern einen Post von Trump auf dessen Plattform Truth Social vor: „Es war mir eine große Ehre, mit dem kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro zu sprechen. Er hat mir die Drogensituation und andere Meinungsverschiedenheiten zwischen uns erklärt.“ Trump schrieb außerdem versöhnlich, er habe Petro ins Weiße Haus eingeladen.

Die Menschen in Cúcuta dürfte das nicht beruhigen, sie trauen Trump alles zu: „Jetzt wiederholen sich die Attacken, das hatten wir alles schon in der Geschichte Lateinamerikas, wie in Chile und Argentinien zum Beispiel, jetzt in Venezuela. Wir wissen, dass Trump die Kapazität hat, in andere Länder einzumarschieren,“ sagt einer der Demonstrierenden. Mit den etwa 300 Demonstranten erreichte er schließlich den Parque Victoria – den Platz des Sieges – und sang mit ihnen Kolumbiens Nationalhymne.