Im hellen, begrünten Hinterhof an der Luisenstraße 7 scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Buchbinderei Mergemeier geht einem selten gewordenen sehr alten Handwerk nach. Alles dreht sich seit 1946 um das Jahrtausende alte Kulturgut Buch. Hier verbinden sich Handwerk und Kunst, Kunst und Handwerk.
Heinz Mergemeier gründete die Buchbinderei 1946 an der Lorettostraße und zog 1950 in den Hinterhof an der Luisenstraße. Das Vorderhaus war im Krieg zerstört worden und damals noch eine Ruine. Die beiden kleinen Häuser im Hinterhof stammen aus dem 19. Jahrhundert und waren unversehrt geblieben. Im Obergeschoss des linken Gebäudes wohnte von nun an das Ehepaar Mergemeier mit der damals noch kleinen Tochter Renate. Im Erdgeschoss waren Werkstätten und Büro untergebracht.
Renate Mergemeier lernte später das Handwerk bei ihrem Vater und übernahm 1987 die Buchbinderei. Anfang 2025 ist sie verstorben. 2009 übernahm Ulrike Meysemeyer die Leitung der Buchbinderei. Sie hat hier ebenfalls eine Lehre absolviert und ihr ist die Begeisterung für Bücher und die Liebe zu ihrer Arbeit anzumerken, während sie durch die Räume führt.
Die Maschinen aus grünem Schlagmetall stammen noch aus den Anfangsjahren. Schon Heinz Mergemeier hat mit ihnen gearbeitet. „Maschinen, die ständig gebraucht werden, gehören zum Team und tragen daher Namen“, erklärt Ulrike Meysemeyer. Sie lächelt, meint es aber völlig ernst. Dann stellt sie Albert vor: „Albert kann Leder spalten, damit wir es einfacher weiterverarbeiten können.“ Liebevoll zeigt sie dann auf Peter – die Rillmaschine. Er macht die Rille ins Papier, zum Knicken der Falz.
„Edith ist keine Maschine, nur ein Gerät“, unterscheidet Ulrike Meysemeyer die schlanke grüne Erscheinung von den anderen. Edith ist eine Presse, in der fertig gebundene Bücher über Nacht trocknen. Alle Maschinen werden per Hand betätigt. Eine Arbeit, die entschleunigt. Die meisten Reparaturen können die derzeit acht Mitarbeiter selbst erledigen, da die Maschinen ohne komplizierte Mechanik auskommen.
Mittlerweile ist auch Heinz Mergemeiers Enkelin Freia Teltz mit an Bord und betreibt gemeinsam mit Ulrike Meysemeyer und Nicole Morello die Buchbinderei. Freia weist auf eine Linie am Boden in der Werkstatt: „Hier war damals das Büro.“ Das zog später ins Gebäude gegenüber. Dort sind nun Künstlerateliers untergebracht. Kundinnen und Kunden werden nun wieder in den Haupträumen empfangen. Ganz nah am Wirken der Buchbinderei.
Freia Teltz erinnert sich noch daran, wie sie als Kind in der Buchbinderei und im Hinterhof gespielt hat. „Mein Opa hat mir Häuser aufgemalt und ich habe die Linien mit Nägeln nachgezeichnet, die ich mit einem kleinen Hammer hineingeschlagen habe.“ Sie und ihre Schwester Vera durften mit einem Möbelhund wie auf einem Skateboard durch die Räume und über den Hof rollen.
Heute spielen hier keine Kinder. Alle sind konzentriert bei der Arbeit. Hin und wieder rattert eine Maschine. Ein Auszubildender heftet mit Nadel und Faden im Kettstich ein Buch zusammen. Auf dem Papierstapel, der einmal das Buch sein wird, steht ein Zwei-Kilo-Gewicht, damit nichts verrutscht. „Es gibt keine Maschinen für die Heftung, das geht nur per Hand“, erklärt Ulrike Meysemeyer. Wer Buchbinder werden will, muss sehr genau sein. „Aufs Detail kommt’s an. Man muss auch einen halben Millimeter wahrnehmen können“, so Meysemeyer.
Seit mehr als 2000 Jahren gibt es Bücher. „Sobald etwas Bestand haben soll, greift der Mensch nach etwas Haptischem“, bringt sie es auf den Punkt. „Das Buch reiht sich als etwas Wertvolles in die Kulturgeschichte ein und ist daraus nicht mehr wegzudenken. Wir alle identifizieren uns damit. Wir hüten es als etwas Besonderes mit emotionalem Wert. Ein schönes Buch macht glücklich“, davon ist Ulrike Meysemeyer überzeugt und diese Erfahrung machen alle Mitarbeitenden. Auch die Geschichten, die zu ihnen in die Buchbinderei kommen, sind bewegend.
Ulrike Meysemeyer erzählt von der alten Frau, die vor Jahren mit ihrem Einkaufsroller in die Buchbinderei kam – randvoller Ordner und Briefe und Postkarten aus den vergangenen 60 Jahren. Sie stammten vom verstorbenen Ehemann der Frau, der Jude war. Sie hatte ihm auf dem Totenbett versprochen, sie zu einem schönen Buch binden zu lassen und ans jüdische Museum zu übermitteln, um sie der Nachwelt zugänglich zu machen. Eine andere Frau ließ die Briefe ihres in russischer Gefangenschaft verstorbenen Vaters zu einem Buch zusammenfassen, da sie die einzige Erinnerung an ihn waren.
Beide Begegnungen erinnert Ulrike Meysemeyer als sehr emotionale Aufträge. Ein Ehepaar hatte noch Briefe eines Vorfahren, der als Soldat im deutsch-französischen Krieg (1870/71) gedient hatte. Während der Pandemie übersetzten die beiden die Schriftstücke aus dem Sütterlin und formatierten sie. Die Berichte sollen auf diese Weise in Buchform kommenden Generationen erhalten bleiben. Der Chef einer Werbeagentur gab für seine Frau zum Geburtstag ein Fotoalbum in Auftrag – in DIN-A-3, in roten Samt gebunden und mit Namenprägung. Hinein kam eine Auswahl von Familienfotos aus dem Handy seiner Frau. „Ein Fotoalbum ist einfach lebendiger als die Mediathek im Telefon“, sagt Ulrike Meysemeyer. „Man kann darin blättern.“
Über die Jahre sind in der Buchbinderei noch zwei weitere Räume dazugekommen. Der Vormieter besaß einen Teppich- und Tapetenladen. Zuvor lagerten hier Teppiche. Heute finden sich in den Regalen Rollen aus den verschiedensten Materialien von Leinen bis Leder, in den unterschiedlichsten Farben von Azurblau über Miss-Piggy-Pink bis Sonnengelb. Rund 500 Prägestempel mit Schriftzügen, Wappen und Logos lagern in den Schubladen der Planschränke. Die meisten sind aus Messing und prägen Bücher, Mitteilungen, Speisekarten oder wunderbar in farbiges Leinen gebundene Kästen. Seit den Achtzigern werden hier außerdem Grafiken und Büchern restauriert, für Museen ebenso wie für Privatsammlungen.
1991 eröffnete im hohen lichten Hauptraum eine der ersten Buchgalerien Deutschlands. Renate Mergemeier war es von Anfang wichtig, traditionelles Handwerk mit Kunst zu verquicken und widmete sich dem Kunstbuch. Unterstützt wurde sie lange Jahre von der Wienerin Anna Grassl. Alle paar Monate luden die beiden Frauen zur Kunstbücher-Ausstellung in die Luisenstraße 7. Die Buchgalerie Mergemeier vertrat die ausstellenden Künstlerinnen auch in anderen Ländern bis in die USA.
Seit der Pandemie präsentiert sich die Galerie vor allem digital. Federführend ist mittlerweile die Düsseldorfer Künstlerin Nicole Morello, die hier in den Neunzigern selbst ihre ersten Kunstbücher ausstellte. In der ehemaligen Wohnung der Mergemeiers im Obergeschoss treffen sich einmal in der Woche acht Künstler:innen der „Akademie der Straße“ unter der Regie der Fiftyfifty-Vorstandsvorsitzenden und Künstlerin Katharina Mayer. Ehemals Wohnungslose widmen sich dann ihren kreativen Projekten.
In vielen Räumen der Buchbinderei geben Fenster den Blick in begrünte Innenhöfe frei. „Auch die Atmosphäre ist uns wichtig“, sagt Ulrike Meysemeyer. Die Menschen, die hier arbeiten, sollen sich wohlfühlen und mit einbringen. 73 Frauen und Männer haben über die Jahrzehnte eine Ausbildung bei Mergemeiers durchlaufen. „Wir kommen etwa auf einen Azubi im Jahr“, sagt Ulrike Meysemeyer. Ein Kollege hat hier einst mit 14 Jahren angefangen und ist nach der Rente 74-jährig als Aushilfe zurückgekommen.
Bundesweit gibt es heute nur noch wenige handwerklich arbeitende Buchbindereien mit knapp 30 Auszubildenden pro Lehrjahr. Doch Ulrike Meysemeyer ist sicher, dass es weitergehen wird. Das Handwerk ist zeitlos und von Bestand. Die 53-Jährige brennt nach wie vor dafür.
Bücher machen eben einfach glücklich.
Der Beitrag erschien im neuen THE DORF THE MAG No. 9 – das Magazin könnt Ihr hier auf shop.thedorf.de bestellen.
Buchbinderei Mergemeier
Luisenstraße 7
40215 Düsseldorf
mergemeier.net
Text: Katja Hütte
Fotos: Natasha auf’m Kamp
© THE DORF, 2026