Szene aus dem Film "Ein einfacher Unfall": Ein Brautpaar sitzt am offenen Heck eines weißen Vans in einer Wüstenlandschaft, während ein weiterer Mann davor steht.

AUDIO: Filmtipp: „Ein einfacher Unfall“ (4 Min)

Stand: 08.01.2026 08:55 Uhr

Der iranische Filmregisseur Jafar Panahi wurde durch „Der weiße Ballon“ international bekannt. Seine Parabel „Ein einfacher Unfall“ hat die Goldene Palme in Cannes gewonnen – ein Film, der nach dem Willen des Regimes nicht hätte entstehen dürfen.

von Anna Wollner, Lars Meyer, MDR

Mitten in der Nacht fährt ein Familienvater außerhalb der Stadt einen Hund an. Ein einfacher Unfall – so scheint es. Die Ereigniskette, die er auslöst, kann man sich noch gar nicht ausmalen. Das Auto fährt nicht mehr weiter, der Mann schafft es aber noch zur nächsten Werkstatt. Und dort hört ihn Vahid, der Mechaniker. Er erkennt seine quietschenden Schritte. Das Entsetzen steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Video:
Trailer zum Film: „Ein einfacher Unfall“ (2 Min)

Zwei Wendungen später hat Vahid den zufälligen Kunden in seinem Van entführt und gräbt ihm ein Grab – mitten in der Wüste.

„Glaubst du, ich erkenne dich nicht wieder? Unsere Augen waren verbunden, aber unsere Ohren haben alles gehört. Das Geräusch deiner Schritte. Das Quitschen deiner Beinprothese würde ich überall heraushören, dieses grauenvolle Geräusch hallt noch immer in meinen Ohren nach, jeden Tag.“

Filmszene

Wütend schaufelt er den Sand auf den gefesselten Mann, den er „Eghbal“, „Holzbein“, nennt. Er ist sich sicher, von ihm im Gefängnis gepeinigt worden zu sein. Der kämpft um sein Leben, behauptet, er habe sein Bein vor kurzem erst in einem Unfall verloren.

„Sieh dir meine Narben an! Dann wirst du sehen, dass sie noch ganz frisch sind, ich habe heute einen Arzttermin. Sieh doch selbst nach, dann wirst du mir glauben.“

Filmszene

Raffinierte Parabel über Menschlichkeit

Bisher geschah alles im Affekt. Doch dann beginnt Vahid zu denken. Ein kurzer Moment des Zweifels – und er kann seine Rache nicht vollziehen. Was als konzentrierter, schnörkellos inszenierter Thriller begann, weitet sich bald zu einer raffinierten Parabel über Menschlichkeit aus. Denn es ist seine Menschlichkeit, seine Fähigkeit zu zweifeln und sich einzufühlen, die Vahid erst so richtig reinreißt – und mit ihm weitere Personen.

Auf der Suche nach Gewissheit fährt Vahid kreuz und quer durch Teheran und findet ehemalige, traumatisierte Häftlinge, die ansonsten nicht viel gemeinsam haben: die Fotografin Shiva, die dachte, ihren Frieden gemacht zu haben; ein Brautpaar, das sie gerade fotografiert; und ihren unbeherrschten Ex-Mann Hamid. Sie alle steigen nach und nach in den Van, in dem der vermeintliche Folterer liegt, der Vertreter eines unmenschlichen Regimes. Das Chaos ist vorprogrammiert.

Ein Van als rollendes Tribunal

Mit einer so schlichten wie zwingenden Geschichte voller abstruser Verwicklungen entfaltet Jafar Panahi ein gesellschaftliches Panorama im Kleinen, nämlich im Van. Es ist ein Kammerspiel auf Rädern. Das rollende Setting passt zum mobilen, heimlichen Filmemachen, wie wir es bereits aus „Taxi Teheran“ kennen. Damals hatte Panahi Berufsverbot. Das wurde zwar aufgehoben, dennoch entstand „Ein einfacher Unfall“ ebenfalls als „Underground“-Projekt – eine Genehmigung hätte es dafür nie gegeben.

Panahi zeigt eine Gesellschaft, die gelähmt ist durch gegenseitiges Misstrauen. Vergeblich wird darum gerungen, was mit dem inzwischen betäubten Eghbal zu tun sei. Dabei rückt die Frage ins Zentrum, wie Gerechtigkeit und Heilung möglich sind. Jafar Panahi stellt diese Frage in einem Moment, in dem das Regime noch immer fest im Sattel sitzt. Und er geht dafür ein hohes persönliches Risiko ein. Denn „Ein einfacher Unfall“, der, wie er selbst sagte, durch seinen eigenen Aufenthalt im Gefängnis inspiriert war, könnte ihn genau dorthin zurückbringen.

Szene aus dem Film "Ein einfacher Unfall": Ein Brautpaar sitzt am offenen Heck eines weißen Vans in einer Wüstenlandschaft, während ein weiterer Mann davor steht.

Ein einfacher Unfall

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2025
Produktionsland:
Iran, Frankreich, Luxemburg
Zusatzinfo:
mit Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi und anderen
Regie:
Jafar Panahi
Länge:
104 Minuten
Altersempfehlung:
ab 16 Jahren
Kinostart:
8. Januar 2026