Der Begriff „Kultur“ öffnet das Tor zu einem Reich an Bedeutungen und Definitionen. Jenseits der trendig-inflationären Verwendung des Worts als Form einer gesellschaftlichen Verhaltenstechnik – Kultur der Achtsamkeit, Willkommenskultur, Kultur des Hinschauens oder des Wegschauens – leuchtet die konkrete Bestimmung der Kultur als Pflege des menschlichen Geistes (lateinisch Cultura: Pflege, Bebauung, Urbarmachung) in einem Spannungsverhältnis zur Natur ein. Diese geistige Pflege ist inspiriert durch und eingebettet in den Kontext von Kultur als Synonym für die schönen Künste – Literatur, Musik, Bildende Kunst – sowie als Heimat identitätsstiftender Traditionen.
Der bevölkerungsreichste Landkreis Bayerns ist in dieser Hinsicht gut aufgestellt: Im Landkreis München gibt es etwa 35 Theatervereine und 28 Museen. Hinzu kommen 30 Musikschulen, aber auch 18 Trachtenvereine sowie 27 Blaskapellen und Spielmannszüge, ist in der neuen Statistik-Broschüre des Landratsamtes München zu lesen. Viele der 29 Kommunen haben überdies Bürgerhäuser mit anspruchsvollen, teils üppigen Kulturprogrammen, es gibt 31 öffentliche Bibliotheken und Büchereien.
„Kultur ist Ausdruck von Vielfalt und Zusammenhalt, sie ermöglicht Reflexion und fördert das Verständnis füreinander“, erklärt Landrat Christoph Göbel. „Kultur ist mehr als Unterhaltung: Sie ist ein Fundament für Demokratie und gesellschaftlichen Wandel. Sie trägt entscheidend zur Lebensqualität und Attraktivität unseres Landkreises bei“, fügt der CSU-Politiker im Vorwort zur neuen Ausgabe der Broschürenreihe „Auf einen Blick“ hinzu, die das Landratsamt einmal im Jahr herausgibt. Die Broschüre, die aktuelle Zahlen und Hintergründe, Statistiken und Grafiken zu unterschiedlichen Themenbereichen im Landkreis München – von Bevölkerung und Finanzen bis hin zu Gesundheit, Katastrophenschutz und Umwelt – versammelt, widmet sich diesmal schwerpunktmäßig der Kultur.
Über die oben bereits genannten Zahlen hinaus erfährt der Leser etwa, dass es sage und schreibe 460 Vereine für Kunst, Kultur und Brauchtum gibt. Getoppt wird das im Landkreis München mit seinen rund 1250 Vereinen nur von den 475 Sport- und Freizeitklubs. Zu den besonderen Vereinen gehören solche wie der Schnupfclub Ismaning oder die Literarische Gesellschaft Gräfelfing. Zudem gibt es 619 Baudenkmäler im Landkreis plus acht Denkmal-Ensembles sowie zahlreiche Bodendenkmäler.
Während hier unter anderem die Expertise des ehrenamtlichen Kreisdenkmalpflegers Rolf Katzendobler gefragt ist, hat der Landkreis München als einer der wenigen Kreise in Bayern zudem einen eigenen Kulturreferenten: Rainer Klier, er hat seit 2020 dieses Amt inne. „Kultur lebt von der Interaktion“ ist eine seiner Maximen, er sieht sich als Brückenbauer zwischen Verwaltung und Kulturszene, zwischen Ehrenamtlichen und Profis, zwischen Tradition und Moderne sowie zwischen den Kommunen untereinander. Akzentuiert wird die Arbeit des Kulturreferats durch eigene Veranstaltungsformate wie den Tag der Blasmusik, Volkstanzabende oder das Sommerprojekt „Dahoam im Landkreis“.
Tag der Blasmusik des Landkreises München: Hier musizieren und und marschieren Mitglieder der Blasmusik Aschheim beim Treffen in Ismaning 2024. (Foto: Florian Peljak)
Wer der Kultur – wie in den Zeiten der Corona-Pandemie – die Systemrelevanz in Abrede stellt oder gar den Spruch „It’s the economy, stupid!“ zitiert, dem könnte man entgegenhalten: Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist im Landkreis München ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und, wie in der Broschüre des Landratsamtes erklärt wird, „gleichzeitig ein Motor für Innovation und gesellschaftlichen Zusammenhalt“. In Bereichen wie Design, Architektur, Musik, Film, Theater, Games, digitale Medienproduktion, Rundfunk, Fernsehen, Presse oder Werbung fänden hier „zahlreiche Menschen Arbeit und Perspektiven“. Insgesamt arbeiten 12,25 Prozent der Menschen im Landkreis München in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Herausragend in diesem Kontext sind der Mediencluster in Unterföhring und Ismaning mit zahlreichen Rundfunk- und Fernsehsendern sowie Produktionsfirmen oder auch die Bavaria-Filmstudios in Grünwald.
Generell dürfte der Kultur gerade in unsicheren Zeiten wie diesen eine „besondere Bedeutung“ zukommen, weil sie, wie Landrat Christoph Göbel betont, „Identität stiftet und Räume der Begegnung schafft“. Die Veranstalter, Kulturmacher, Künstler und Kommunen im heterogenen Landkreis München haben jedenfalls auch für 2026 Angebote und Programme auf die Beine gestellt, die zahlreiche Wünsche befriedigen dürften. Hohe Qualität und Vielfalt sind dabei gleichsam eine Selbstverständlichkeit in einer wohlhabenden Region mit anspruchsvollem Kulturpublikum, wobei die Konkurrenz von ambitionierten Häusern in den Nachbargemeinden oder das reiche Angebot der nahen Großstadt ein Übriges tun.
Zwei Kulturtempel feiern runde Geburtstage
Unter anderem feiern 2026 zwei besondere „Kulturtempel“ des Landkreises runde Geburtstage. Das Pullacher Bürgerhaus wurde 1996 eröffnet, Leiterin Hannah Stegmayer will das Publikum nicht nur erneut mit einem „leidenschaftlichen Programm“ fesseln, sondern präsentiert im April auch eine Jubiläums-Varieté-Show („30 Jahre Bürgerhaus“) mit dem im Isartal lebenden Zauberer und Gedankenleser Thorsten Havener. Das Wolf-Ferrari-Haus in Ottobrunn wird 2026 bereits 40 Jahre alt (und der Namensgeber, der deutsch-italienische Komponist Ermanno Wolf-Ferrari, hätte heuer seinen 150. Geburtstag gefeiert). Neben dem klassischen Programm ist das Haus nicht zuletzt als Schauplatz der „Ottobrunner Konzerte“ bekannt. Kein Bürgerhaus, sondern die ganze Gemeinde feiert in Baierbrunn 2026 Jubiläum. Die 1250-Jahrfeier des Ortes zieht sich über zwölf Monate, die Hochsaison der Festivitäten ist von Mai bis Juli mit Zeltfest, Konzerten, Mittelaltermarkt und Drohnenshow.
Barbara Schulte-Rief hat als Leiterin des Kulturamtes Unterföhring zum Jahreswechsel aufgehört. Ihr Nachfolger ist der bisherige Stellvertreter Florian Nagel (Foto: Robert Haas)
Gar kein Jubiläum wird in Unterföhring begangen – das große, optisch eindrucksvolle Bürgerhaus wurde 2010 eröffnet – aber dafür bringt das neue Jahr einen Wechsel an der Spitze: Die langjährige Kulturamtsleiterin Barbara Schulte-Rief, die das Haus schon als Baustelle begleitete und sukzessive im Kulturleben der Region etablierte und mit dem internationalen Jazz-Weekend auch überregionalen Glanz in die Gemeinde holte, hat zum Jahresende den Stab an ihren bisherigen Stellvertreter Florian Nagel weitergereicht. „Das Bürgerhaus weiß ich in den besten Händen“, erklärt die 48-Jährige, die nach Wangen ins Allgäu umsiedelt und dort ein Konzept für die Nachnutzung von ehemaligen Landesgartenschauflächen erstellen soll. Der Grund für ihren Abschied nach 15 Jahren? Sie wolle noch mal etwas „Neues wagen“. Und: „Es wurde einfach Zeit.“
Etwas Neues wagen – das ist natürlich generell ein gutes Motto fürs neue Jahr. Das fängt schon im Kleinen an: Sei es, mal wieder ins Theater zu gehen. Oder ein Jazz-Konzert zu besuchen. Ein Bild malen. Oder Mitglied im Schnupfclub werden.