Irgendwas konnte da doch nicht stimmen! Eli Miller stand im Sommer 2024 mit drei Freunden im Stau, das Autoradio lief, ein Popsender dudelte die größten aktuellen Hits. Erst sang Hozier in seinem Megahit „Too Sweet“ darüber, dass er seinen Whiskey gern „neat“ trinkt – pur, ohne Eis. Danach lief „Texas Hold’em“ von Beyoncé, und auch da wird der Whiskey besungen. Genauso wie in „I Remember Everything“ von Zach Bryan und Kacey Musgraves. Und als wäre das nicht genug, spielte der Sender danach noch einen der größten Hits des Jahres: „A Bar Song (Tipsy)“ von Shaboozey mit den Zeilen „Someone pour me up a double shot of Whiskey / They know me and Jack Daniel’s got a history“.
Vier Songs, viermal wurde über Whiskey gesungen. Fand Eli Miller zuerst ganz lustig. Ein kurioser Zufall. Oder war’s doch mehr? Schließlich waren das nicht irgendwelche Songs – alle vier Lieder waren 2024 in den Top 10 der US-Charts, omnipräsent im Popradio, auf Social Media, im Supermarkt. Es waren DIE Songs des Jahres, keine Chart-Hinterbänkler und Zufallshits von Countrynewcomern, die sich irgendwie auf Platz 90 der Top 100 geschlichen hatten.
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Für einen Datenjournalisten wie Miller jedenfalls genau die Art von kuriosem Zufall, dem man mal auf den Grund gehen könnte. Er wertete also alle Texte der erfolgreichsten 100 Songs der US-Charts aus – aus jedem einzelnen der vergangenen 24 Jahre. Mit dem Ergebnis: „Es wurde noch nie so viel über Whiskey gesungen wie im Jahr 2024!“, sagt Miller im Gespräch – so, als ob er es immer noch nicht glauben könne und erst mal ein Glas Scotch brauche.
Es wurde öfter über Whiskey gesungen als über Bier und Wein zusammengerechnet
Die Whiskeywelle im Radio, sie war alles andere als ein Zufall. Und besonders beeindruckend wird der Aufstieg des Whiskeys im Pop, wenn man die Zahlen ins Verhältnis setzt: Whiskey wurde 2024 doppelt so oft thematisiert wie noch 2021, viermal so oft wie im Durchschnitt in den Nullerjahren. Und hat 2023 Bier und Wein als meistbesungene Alkoholsorten abgelöst. Aber nicht nur das: Es wurde sogar öfter über Whiskey gesungen als über Wein und Bier zusammengerechnet. Dabei hatte sich Taylor Swift mit noch mit aller Kraft gegen den Abstieg des Weins gestemmt und ihn in ganzen sechs Songs ihres Albums „The Tortured Poets Department“ erwähnt (und Whiskey kein einziges Mal, nachdem er zumindest auf dem Album „Folklore“ im Song „This Is Me Trying“ noch eine Rolle spielte). Aber es half alles nichts. Whiskey ist der neue Lieblingsalkohol der Popmusik.
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Was im Pop ein neues Phänomen ist, ist im Country ein ganz alter (Cowboy-)Hut. Der Musiker Hank Williams hat den Musikstil in den 1940er-Jahren geprägt, mit authentischen Songs über den Alltag der Arbeiterklasse im Süden der USA. Er hat außerdem gern über Alkohol gesungen – und noch lieber selbst zur Flasche gegriffen. 1953 starb Williams an den Folgen seiner Alkoholsucht. Wer seitdem ein „echter“ Countrymusiker sein und Bezug nehmen wolle auf die Ursprünge des Genres, der referenziere bis heute gern Williams, sagt Phoebe Hughes, Musikwissenschaftlerin und Countryexpertin von der Universität Binghamton. Und eine spezielle Sorte Alkohol spiele dabei eine extrem wichtige Rolle.
Whiskey trinken, wenn man allein und deprimiert ist
„In den USA werden Whiskey und Bourbon in Staaten wie Kentucky, Tennessee, Louisiana oder Alabama hergestellt und viel getrunken – dort, wo der Country seine Wurzeln hat. Deshalb gibt es in diesem Genre auch so viele Songs übers Trinken oder Alkoholexzesse“, sagt Hughes, und kommt direkt auf einen aktuellen Musiker zu sprechen, der gefühlt in jedem Song mindestens ein Mal das Wort „Whiskey“ trällert: Morgan Wallen. Er benutze Alkohol besonders gern in seinen Texten, um sich als authentisch und nahbar zu präsentieren – ein ganz gewöhnlicher Countrytyp, der gern mal einen über den Durst trinkt. Auf seinem Album „One Thing At A Time“ hat er die Wörter „Whiskey“ und „Bourbon“ gleich 46-mal benutzt. Und während bei Shaboozey oder Beyoncé das Whiskeytrinken für etwas steht, das Spaß oder zumindest Zusammenhalt und Gemeinschaft bringt, ist der Fall bei Wallen anders gelagert. Wenn er übers Whiskeytrinken singt, dann ist das meistens etwas, das er allein tut, deprimiert, mit gebrochenem Herzen oder Wut im Bauch. Und das singt einer, der nicht nur der aktuell größte Countrystar Nordamerikas ist, sondern in den vergangenen drei Jahren auch der erfolgreichste männliche Musiker in den US-Popcharts war – 2023 und 2025 rangierte er dort sogar vor Taylor Swift.
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Seit Wallen und die Countrymusik langsam aber sicher den Mainstreampop in den USA übernommen haben und sich auch Popstars wie Beyoncé, Ed Sheeran, Sabrina Carpenter, Chapell Roan oder Post Malone an Countrysongs versuchen, sind auch die Themen und Klischees des Genres im Pop angekommen. Mehr Countryeinflüsse bedeuten also, dass auch im Pop mehr harter Alkohol konsumiert wird – ob nun zum Feiern oder zum Vergessen. Aber dass die Charts momentan voll sind mit Texten über Whiskey, hat laut Phoebe Hughes noch einen anderen Grund.
„Viele Stars besitzen mittlerweile eigene Bars oder Spirituosenmarken. Morgan Wallen hat zum Beispiel eine Kneipe in Nashville, genau wie die Countrystars Blake Shelton oder Jason Aldean.“ Sie nennt noch einige weitere Beispiele, so habe das erfolgreiche Countryduo Florida Georgia Line oft über die eigene Whiskeymarke gesungen, Kenny Chesney über seinen eigenen Rum. „Und dieser kommerzielle Aspekt spielt eine große Rolle – Countrymusik ist das kommerziellste aller kommerziellen Genres.“
Neben der Steel Guitar scheinen sich die Popstars also auch das von den Countrystars abgeguckt zu haben. Beyoncé hat auf ihrem Album „Cowboy Carter“ in mehreren Songs über Whiskey gesungen – und anschließend ihren eigenen Fusel namens SirDavis auf den Markt gebracht. Auch ASAP Rocky hat angefangen, über Whiskey zu singen und zugleich seinen eigenen zu vertreiben. Und von Sabrina Carpenter, dem brandneuen Werbegesicht der Whiskeymarke Johnnie Walker, wissen wir dank ihres Songs „Skinny Dipping“, wie sie ihren Drink am liebsten zu sich nimmt. Nämlich genau wie Hozier: neat. Pur. Ohne Eis.