Dass die Actionszenen in Historienfilmen nicht immer der geschichtlichen Realität entsprechen, stört das Publikum nicht unbedingt – aber auf dieses von vielen Historikern monierte Detail werdet ihr künftig wohl achten…
Kostüme, Ausstattung, Sprache: Ausladende Historien- und Fantasy-Produktionen haben vieles für sich, was die Verantwortlichen beachten müssen und die Fans sehr schätzen, aber ein ganz besonderes Herzstück machen die Schlachtszenen aus. Dass diese actionreichen Szenen voller brutaler Schwertkämpfe, Pfeilangriffe und Feuereinsatz nicht immer ganz der historischen Realität entsprechen, kann sich selbst das geschichtlich nicht so bewanderte Publikum meist denken und erfolgreich verdrängen.
Aber einer kann und will das nicht: der niederländische Historiker Roel Konijnendijk, der in Oxford lehrt und auf antike griechische Kriegsführung und Militärkonzepte spezialisiert ist. Für eine Videoreihe des Business Insider hat sich der Experte Schlachtszenen aus diversen Historiendramen und an reale Kämpfe angelehnte Fantasy-Produktionen angeschaut und vieles auszusetzen gehabt. Doch eine Sache ist Konijnendijk ganz besonders aufgestoßen, die ihr hier im Video anschauen und im Folgenden nachlesen könnt:
„Wo sind eure Burggräben?!“
Viele der Schlachtszenen, die sich Konijendijk angeschaut hat, spielten sich vor Burgen ab, die vom Feind erobert werden wollten. Dass diese Burgen in Filmen und Serien meist auf ebenem Boden platziert und daher unnötig leicht zugänglich sind, fiel dem Historiker gleich ins Auge.
Das widerspreche der historisch „ gängigsten Formen der Befestigung: einen Graben ausheben und dahinter Sand aufschütten.“ Solche zur Abwehr gedachten Burggräben vermisst Konijendijk schmerzlich in den ihm gezeigten Film- und Serienausschnitten. Belustigt schaut er zu, wie in „Der Herr der Ringe: Die zwei Türme“ die Festung Helms Klamm einfach von den Orks mit Leitern erklommen werden kann.

HBO
So macht man es der Armee der Untoten leicht: Winterfell in „Game Of Thrones“
Ebenso fassungslos ist er über die „Game Of Thrones“-Folge „Die lange Nacht“ (Staffel 8, Episode 3): Die Bewohner Winterfells rüsten sich gegen die Armee der Untoten und tun alles, nur eben nicht das naheliegendste – „nochmal: Sie hätten einfach nur Gräben ausheben sollen.“ Am Flipchart-Board skizziert Konijendijk noch, wie man die Dothraki vor der Festung und den auszuhebenden Gräben strategisch klug positionieren hätte können. Hätte, hätte… wie wir heute wissen, war das bei weitem nicht der einzige Kritikpunkt an der finalen Staffel von „Game Of Thrones“.
Historischer Fakt vs. erzählerische Notwendigkeit
Noch ärgerlicher wird es für Konijendijk bei der Sichtung von Ridley Scotts „Königreich der Himmel“, als die Belagerung von Jerusalem im Jahr 1187 gezeigt wird – und die Mauern wieder mal direkt zu erreichen sind: „Dabei hatte Jerusalem zu dieser Zeit einen Graben und eine Vorburg sowie einen weiteren Graben!“

20th Century Fox
Vor den Mauern Jerusalems in „Königreich der Himmel“: Weit und breit kein Graben
Weshalb in Filmen und Serien auf die historisch korrekte Darstellung von Burggräben meist verzichtet wird, ist Konijendijk klar: Wenn kein Graben da ist, kann der Feind sogleich mit dem Angriff beginnen, sein schweres Belagerungsgerät, Rammböcke und Katapulte hindernislos bis vor die Mauer bringen und loslegen – ein Graben würde die sich entfaltende Action nur stören: „Es würde die Dinge verlangsamen, die Filmemacher wollen den Angriff spannend halten.“
Nicht nur Kritik, sondern auch Lob
Doch immerhin kann der Historiker ein paar Produktionen in den über 20 ihm gezeigten ausmachen, die zumindest die Sache mit den Gräben hinkriegen: In Luc Bessons „Johanna von Orléans“ von 1999 wird der Burggraben als Hindernis korrekt dargestellt als „Teil eines integrierten Verteidigungssystems.“
Und verhältnismäßig viel Lob hat der kritische Konijendijk für den britischen Historienfilm „Outlaw King“ mit Chris Pine in der Hauptrolle übrig. Dieser beinhalte eine generell akkurate Darstellung der verheerenden Schlacht am Loudoun Hill von 1307 und zudem eine „eine sehr gelungene Demonstration, wie Gräben funktionieren sollen und wie eine so einfache Sache wie das Ausheben einer Grube tatsächlich enorm hilfreich sein kann.“ Hier ein Blick in den Netflix-Trailer zu „Outlaw King“, falls ihr ihn noch nachholen wollt:
Auch wenn ihr wohl in Zukunft bei Belagerungsszenen immer wieder vergeblich Ausschau nach Burggräben halten werdet, wollen wir euch die Lust am Genre des Historienfilms keinesfalls nehmen – es gibt so viele empfehlenswerte, etwa dieses hier: