Inzwischen wissen wir detailliert, wie es dem US-Militär gelungen ist, Präsident Maduro in Venezuela festzunehmen. Aber der Grund der Militärintervention ist weiterhin rätselhaft. Was hat Trump motiviert?
Zunächst fällt auf, dass die alten Begründungen weggefallen sind, mit denen noch G. W. Bush Amerikas Militäreinsätze legitimierte: Trump geht es weder um Demokratie noch um Freiheit. Das zeigt sich daran, dass das alte Regime in Venezuela weiterhin an der Macht ist. Auch die Aussage, der Drogenschmuggel solle mit der Mission unterbunden werden, wirkt vorgeschoben. Sicher geht es irgendwie um Öl, wovon die USA jedoch selbst genug fördern, anders als noch zu Bushs Zeiten. Ein greifbares Nationalinteresse ist also nicht leicht zu erkennen; Trump scheint vielmehr Gefallen daran zu haben, der Welt die – in der Tat beachtlichen – militärischen Fähigkeiten der USA vorzuführen und zu verdeutlichen, dass er auf Südamerika einen exklusiven Machtanspruch erhebt.
Aber wollte Trump die Amerikaner nicht aus den „ewigen Kriegen“ seiner Vorgänger heraushalten?
In Venezuela haben die USA eine beeindruckend präzise Spezialoperation durchgeführt, bei der kein amerikanischer Bürger sterben musste. Nur auf diese Weise kann Trump sein Wahlkampfversprechen einlösen, Amerika nicht wieder in Kriege auf der ganzen Welt zu verwickeln. In Iran ging er ähnlich vor: Eine einzige Attacke mit B-2-Bombern, die dem iranischen Atomprogramm den entscheidenden Schlag versetzen sollten. Auch hier stellte Trump die Kampfhandlungen schnell wieder ein. Andernfalls hätte er sofort mit Kritik aus seiner Wählerschaft rechnen müssen. Das gilt auch für Venezuela. Deswegen ist es unwahrscheinlich, dass US-Truppen das Land besetzen werden.
Daniel Marwecki lehrt an der Universität HongkongNassim Rad
Handelt es sich bei den Militärschlägen überhaupt um etwas Neues, oder setzt Trump lediglich die bisherige amerikanische Außenpolitik fort – jetzt nur ohne dauerhafte Bodentruppen?
Wenn man den Blickwinkel des sogenannten Globalen Südens einnimmt, scheint tatsächlich Kontinuität zu herrschen. Amerika hat nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Südamerika immer wieder geheimdienstlich und militärisch eingegriffen. Unzählige Staatsstreiche, Wahlbeeinflussungen und Militärinterventionen gehen auf das Konto der US-Politik. Ende 1989 griffen die USA etwa Panama an, um den dortigen Machthaber Manuel Noriega festzunehmen – insgesamt ein ähnlicher Fall. Neu ist aber, dass Trump sich in das Gewand eines rohen Imperialismus hüllt, wie man ihn aus dem neunzehnten Jahrhundert kennt. Es geht ihm um nationale Macht ohne höheres Gut, und das sagt er auch in aller Deutlichkeit. In seinen Stellungnahmen verzichtet er sogar auf den Anschein der Rechtmäßigkeit. Noch wichtiger aber ist ein anderer Unterschied: Trump führt kein aufstrebendes Imperium an, sondern eines, dessen Dominanz schwindet.
Die Trump-Regierung behauptet das Gegenteil.
Aber auch sie kann sich der objektiven Logik nicht entziehen, dass sich das ökonomische Zentrum der Welt verlagert hat und weiter verlagern wird. Die Länder Asiens sind in einigen Bereichen längst technologisch führend; allen voran China beherrscht inzwischen einen Großteil der weltweiten Industrieproduktion. Womöglich werden viele Deutsche bald Elektroautos von BYD statt von Volkswagen fahren. Militärisch kann China mit den USA noch lange nicht mithalten; aber die Größe des Landes, sein Bevölkerungsreichtum, vor allem aber seine Wirtschaftskraft haben die Vorstellung eines westlich dominierten Planeten anachronistisch gemacht. Und es ist längst nicht nur China, das sich westlicher Vorherrschaft verweigert.
In der europäischen Öffentlichkeit gibt es viele, die für die Zeit nach Trump mit der Rückkehr zur transatlantischen Normalität rechnen. Ist das keine berechtigte Hoffnung?
Auch wenn sich die Beziehungen zwischen den USA und der EU eines Tages wieder bessern: Wir gehen schnellen Schrittes auf eine multipolare Weltordnung zu. Die unipolare Ordnung nach dem Kalten Krieg war eigentlich eine Anomalie. Der amerikanische Außenminister Marco Rubio hat nach seinem Amtsantritt in aller Klarheit gesagt, wie historisch einmalig die Tatsache ist, dass nach dem Kalten Krieg eine einzige Nation die Weltkugel dominieren konnte. Jetzt kehren wir zur geschichtlichen Normalität zurück und fangen wieder an, in einer Welt mit vielen verschiedenen Zentren und Allianzen zu leben. Die eigentliche Tragik ist, dass die MAGA-Bewegung diese Tatsache auf ihre Weise besser verinnerlicht hat als etwa die deutsche Außenpolitik.
In Ihrem Buch „Die Welt nach dem Westen“ beschreiben Sie diese neue Lage als Ergebnis einer historischen Dialektik: China wurde in der von den USA geschaffenen globalen Ordnung groß.
Wer über Chinas Aufstieg zur Weltmacht spricht, ist von Ängsten umgeben: Viele fürchten sich vor einer chinesischen Despotie, die nun die ehemaligen imperialen Herren, Europa und die USA, ihrem Regiment unterwirft. Bei aller Sorge vor der Macht Chinas: Zunächst ist dessen Aufstieg ein gigantischer Erfolg – für das Land, aber auch für die westliche Ordnung selbst. China ist nicht der erste, aber der größte nichtwestliche Staat, der sich mithilfe der Globalisierung zu einer Industrienation aufgeschwungen hat und dessen Bürger – zumindest in den Städten – mit den Standards westlicher Lebensführung mehr als mithalten können. Die europäische Zivilisation hat sich erfolgreich globalisiert und China ermöglicht, durch seinen geschickten Mix von Markt und Staat Milliarden Menschen aus der Armut zu heben. Was wäre das für eine traurige Welt, wenn keine nichtwestliche Nation es je schaffen würde, zu Europa aufzuschließen? Wir sollten auf mehr solcher Erfolgsgeschichten hoffen. Es gibt viel zu wenige davon.
Haben Sie keine Angst vor einer „Achse der Autokraten“, vor der die Friedenspreisträgerin Anne Applebaum warnt?
Man vergisst dabei, mit wie vielen Autokratien der Westen zusammengearbeitet hat, wenn es zu seinen Interessen passte. Richtig ist, dass China und Russland enger zusammengerückt sind. Doch suggestive Bilder wie das eines neuen Kalten Krieges oder einer neuen „Achse der Autokraten“, die ja sehr an Bushs „Achse des Bösen“ erinnert, führen leicht in die Irre. Das Bündnis zwischen China und Russland ist ein Zweckbündnis. Es beruht auf gemeinsamen Interessen, nicht auf einer gemeinsamen Ideologie, die beide dem Rest der Welt aufzwingen möchten. Seit 1990 leben wir in einer kapitalistisch durchdrungenen Welt, in der es zwar verschiedene Regierungsformen und einander bekämpfende Staaten gibt, aber keine konkurrierenden Großideologien mehr, die Anspruch auf Welteroberung erheben. Wir sollten verteidigungsfähig gegenüber Russland sein und uns gegenüber China weder naiv noch übermäßig furchtsam verhalten; aber China schickt keine Kriegsschiffe nach Caracas, um die dortige Autokratie zu retten, auch Iran ist es nicht zur Seite gesprungen.
Wenn nicht ängstlich, wie sollten die Europäer dann auf die Multipolarisierung der Weltordnung blicken?
Zweckoptimistisch und mit einem eigenen demokratischen Zukunftsangebot. Es hilft nichts, der alten Welt nostalgisch nachzutrauern. Trumps Außenpolitik ist chaotisch, mitunter gefährlich, gerade für die Ukraine. Aber in Trumps Wiederbelebung der Monroe-Doktrin steckt immerhin ein Stück Realismus: Das amerikanische Imperium verkleinert den Raum, in dem es bereit ist, für Ordnung zu sorgen – sei es auch nur die Ordnung amerikanischer Interessen –, und reduziert global gesehen seinen Anspruch auf Vorherrschaft. Die Häufigkeit, mit der in der neuen amerikanischen Sicherheitsstrategie von der „westlichen Hemisphäre“ gesprochen wird, belegt diese Entwicklung, die sich bis zu einem gewissen Punkt von Trump unabhängig vollzieht. Die Europäer dagegen klammern sich viel stärker an ihre alten Illusionen. Geboten wäre aber, sich der neuen Lage anzupassen.
In Ihrem Buch sprechen Sie von „würdevollem Abstiegsmanagement und Einpassung in eine ausgeglichenere Weltordnung“. Was soll das heißen?
Europa könnte seinen relativen Abstieg, der ja nur die Kehrseite des relativen Aufstiegs asiatischer Staaten ist, wahrscheinlich viel vernünftiger und menschenwürdiger bewältigen: Indem es den Traum westlicher Dominanz aufgibt und stattdessen eine regelbasierte Ordnung bis dorthin aufrichtet, wohin seine Kräfte reichen. Gemeinsam wären die Europäer stark genug, Russland abzuschrecken und friedensstiftend in eine Welt hineinzuwirken, die sich dezentriert und neue Bündnisse zulässt. Das wird nicht einfach. Aber die meisten Länder jenseits des Westens haben in dieser neuen Multipolarität längst Vorteile für sich erkannt und sind bemüht, unter den veränderten Bedingungen ihre Aufstiegschance zu ergreifen. Europa sollte sich der neuen Lage stellen; versuchen, technologisch mitzuhalten, und ansonsten mit gutem Beispiel vorangehen. Das bedeutet auch, sich erst mal darauf zu fokussieren, das eigene Angebot zu verbessern. In einer multipolaren Ordnung lässt sich der Lauf der Geschichte nicht mehr einseitig kontrollieren. Wo Zentrum und wo Peripherie ist, ist zu einer offenen Frage geworden.