Hermetisch geschlossen ist die weiße Box. Die vierte Wand ist dicht. Einzelbeats setzen rhythmisch ein, zu denen ein Kammerjäger erscheint und die Wand umstürzt. Das absurde Kammerspiel um den »Girschkarten«, um Wahrheit und Wirrwarr beginnt. Frei nach Anton Tschechow hat Lukas Rietzschel eine Auftragskomödie fürs Schauspiel Leipzig geschrieben (s. kreuzer 11/2025), dessen Intendant Enrico Lübbe sie mit Gefühl für den Rhythmus auf die Bühne bringt.

Rietzschel setzt voll auf Eskalation, wenn es ums Gesellschaftliche geht, ums Werden und Vergehen, um Fortschritt und Vergangenheit. Der Autor verfrachtet seine Familienaufstellung ins Irgendwo, in ein wackliges Haus mit Garten, umzingelt von zwei neuen Einfamilienhaussiedlungen mit Carports, Mährobotern und Bewegungsmelder-LEDs.

Das sieht man aber nicht. Alle Handlung findet in der fast leeren weißen Box statt. Stühle stehen herum, von der hinteren Ecke rechts aus zieht sich ein Fadenknäuel die Wand entlang. Kokon oder Eindringling? Innen kommen die Oma, ihre Söhne Alexander und Peter mit dessen Freundin sowie die Enkelin Anja samt Freund Anton zusammen. Sie wollen das Grundstück verkaufen. Wie in der antiken Theatertechnik der Mauerschau berichten sie von ihrer Sicht nach draußen, beschreiben eingehegte Natur und spießige Bürgerhöhlen, die sie einkreisen. Mehrmals ist von Nebelwänden die Rede, von die Sicht nehmenden Dunstschleiern, die auf diese indirekte Weise fassbar werden. Dabei prangt auf dem Pullover von Alexander (angenehm ruhig neben sich: Thomas Braungardt) als unheimlicher Spiegel ein Haus mit Obstbaum.

Gut sind Text und seine Dramaturgie. Rietzschel ist sichtlich gereift. Dass sein gefeierter Roman »Mit der Faust in die Welt schlagen« am Staatsschauspiel Dresden 2019 nicht zündete, lag an der Romanform. Aber auch das für Leipzig geschriebene »Widerstand« (2021) war zu sehr Leseliteratur. Im »Girschkarten« gräbt Rietzschel mit lockeren Dialogen, Witz und Mut zu grotesken Zügen allmählich immer mehr nach Grundsätzlichem.

Die Anwesenden streiten um Erinnerungen, aber auch die Größe des Anwesens ist nicht mehr sicher. Von einer Zollstockverschwörung kommt man aufs Hölzchen, Allianzen bilden sich, Bullshit ersetzt Gewissheiten. Halluzination und Disruption sind Thema, Fake-News und libertärer Autoritarismus ebenso. Es geht um Retrotopien, die Flucht in eine vermeintlich bessere Vergangenheit, Zukunfts- und Veränderungsängste und den Aufschub von Entscheidungen.

All das wird dem Publikum nicht aufs Auge gedrückt, sondern gestreift innerhalb der Verhandlungen dieses Familienkonflikts. Rietzschel will kein Erklärstück zeigen, hat sich von der Feuilleton-Zuschreibung emanzipiert, erst Erklärbär für Ostdeutschland sein zu sollen, dann Stimme einer Generation. Er gibt Anstöße, ohne Antworten, intellektuell anregend, hermeneutisch kitzelnd.

Das Ensemble führt gut durch den rhythmisierten Abend. Zwischen kindlichem Trotzkopf, Grande Dame und seniler Bettflucht agiert Katja Gaudard. Zu ihrem großen Gegenspieler, zur Stimme der Vernunft, wird Dirk Lange als Sohn Peter. Ist der Schauspieler sonst gern etwas drüber, so spielt er hier zurückhaltender. Manchmal reichen seine ruhig-sonore Stimme und ein ernster Blick, um zu glänzen. Lisa-Katrina Mayer ist ihm als seine Freundin ein prima Sidekick. Sie kann zum Eighties-Vamp werden oder die Zuschauenden mit kaltem Blick fixieren, als wären sie die unterm Carport lauernden Nachbarn. Dazwischen schieben sich die Figuren einfach mal robbend durchs Bild, starren die Wand an, sitzen verrenkt herum. Das mengt gespenstische Züge bei, zumal ständig das Licht wechselt, Glühlampen schwanken.

Wenn die Verwandten gemeinsam das Grundstück vermessen, ist das ein hervorragendes Bild: Ihre Grenzen gingen Dorfgemeinschaften früher zusammen ab, um sich auf deren Verlauf zu verständigen. Hier versichert man sich gleichsam gegenseitig der Grenzen der Gemeinschaft, des Zustands der Kultur im verwilderten Garten voller Pflanzenknäuel.

In Sebastian-Hartmann-Manier folgt auf den gefühlten Schluss noch ein Monolog. Verhandelte die Komödie zuvor die Frage nach dem Fortschritt, wendet sich das nun zum Zyklus. Die hermetisch-hermeneutisch geschlossene Whitebox öffnet sich wieder für eine ewige Wiederkehr des Gleichen, zum ausufernden Kopfwirrwarr widerstreitender Stimmen. 

> »Der Girschkarten«: 11., 30.1., 20 Uhr, weitere Termine in Planung, Diskothek/Schauspielhaus