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Russlands Rolle als Ölmacht erodiert. Preisverfall und Sanktionen treffen Putin hart. So kam die Transformation vom Marktgestalter zum Störfaktor.
Moskau – Die Zeiten, in denen Russland die globalen Ölmärkte mitgestaltete, sind vorbei. Was Anfang Januar 2026 nach dem US-Eingriff in Venezuela an den Börsen geschah, offenbarte die neue Realität: Während westliche Ölkonzerne profitierten, gaben russische Aktien nach. Laut Sofja Donez, Chefökonomin der russischen Investitionsbank T-Investicij, gegenüber dem russischen Wirtschaftsradio RBK, seien die Ölpreise „das wichtigste Verbindungsglied des russischen Marktes mit der Außenwelt“, nachdem die Finanzströme durch Sanktionen gekappt wurden.
Russland verfügt laut Daten von 2024/2025 über geschätzte 80 Milliarden Barrel an bestätigten Ölreserven und rangiert damit nur auf Platz acht weltweit. Venezuela führt mit astronomischen 303 Milliarden Barrel, gefolgt von Saudi-Arabien mit 267 Milliarden und Iran mit 208 Milliarden Barrel. Selbst Kanada, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait liegen vor Russland. Die Zahlen basieren auf Angaben von Energieagenturen wie OPEC, EIA und BP Statistical Review.
Vom Marktmacher zum Störfaktor: Russlands Niedergang als globale Energiemacht
Die russische Wirtschaft kämpft mit massiven Problemen. Laut dem OSW Centre for Eastern Studies sank der durchschnittliche Exportpreis für russisches Öl im September 2025 auf 57,6 US-Dollar pro Barrel. Der Uralspreis fiel im Oktober auf 53,7 US-Dollar je Barrel. Zum Vergleich: Im Vorjahr lag er noch bei 64,7 US-Dollar. Im November wurden Urals zeitweise unter 40 US-Dollar pro Barrel gehandelt, in der letzten Dezemberwoche sogar unter 35 Dollar. Die Einnahmen aus Öl- und Gasexporten brachen in den ersten elf Monaten 2025 um 23 Prozent auf acht Billionen Rubel ein. Der Anteil dieser Einnahmen am Gesamtbudget ist von früher 40 Prozent auf unter 25 Prozent gesunken. Laut einer Studie von PeaceRep „Against the Clock: Why Russia‘s War Economy is Running Out of Time“ sanken die Exporte zwischen 2021 und 2024 um 13,5 Prozent von 549,7 Milliarden auf 475,3 Milliarden US-Dollar jährlich.
Ein Faktor stellen die im November 2025 verhängten Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil, Russlands zwei größte Ölkonzerne, dar. Diese vergrößerten den Preisabschlag gegenüber der Referenzsorte Brent nochmals erheblich. Tatiana Mitrova, Energieexpertin am New Yorker Center on Global Energy Policy, erklärt: „Jahrelang war Russland ein systemgestaltender Akteur: eingebettet in Benchmarks, koordiniert durch die Opec+ und weitgehend auf Saudi-Arabien abgestimmt, um das Marktgleichgewicht zu gestalten. Diese Rolle ist erodiert.“
Mitrova führt weiter aus: „Heute hat Russland weitaus weniger Handlungsspielraum. Angesichts des eingeschränkten Marktzugangs, begrenzter Reservekapazitäten und sanktionsbelasteter Logistik sind seine Produktionsentscheidungen zunehmend reaktiv statt strategisch.“ Der Preisnachlass sei „nicht mehr zyklisch, sondern strukturell bedingt“. Russisches Öl werde „zunehmend in ein paralleles, von Sanktionen isoliertes Ökosystem aufgenommen“.
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Russlands Ölproduktion stagniert. Zwischen Januar und August 2025 blieb die Förderung praktisch unverändert. Laut Schätzungen wird die jährliche Produktion 510 Millionen Tonnen erreichen. Obwohl Russland seit Juli die Förderung im Rahmen der OPEC+-Vereinbarungen erhöhte, stieg die Produktion im dritten Quartal nur um etwa 200.000 Barrel pro Tag. Die größten russischen Ölkonzerne verzeichneten im ersten Halbjahr Gewinnrückgänge um das Zwei- bis Dreifache, die Gesamteinnahmen des Sektors lagen 50,4 Prozent unter dem Vorjahresniveau, wie das OSW Centre for Eastern Studies berichtet.
Die Militärausgaben Russlands verdreifachten sich laut PeaceRep von 2021 bis 2024 von 5,9 Billionen auf 16,2 Billionen Rubel (etwa 200,9 Milliarden US-Dollar) jährlich. Ihr Anteil am Bundeshaushalt stieg von 24 auf 40 Prozent. Das Haushaltsdefizit erreichte 2024 3,5 Billionen Rubel und wird 2025 voraussichtlich auf sieben bis acht Billionen Rubel steigen. Die liquiden Reserven des Nationalen Wohlfahrtsfonds schrumpften von 148 Milliarden US-Dollar im Mai 2022 auf etwa 51 Milliarden Dollar. Laut PeaceRep wurden 113 Milliarden US-Dollar oder 76 Prozent der akkumulierten Mittel ausgegeben.
Russlands Position auf dem Weltölmarkt hat sich fundamental verändert. Von einem der mächtigsten Akteure ist das Land zu einem marginalisierten Lieferanten geworden, dessen Öl außerhalb der etablierten Benchmarks bewertet wird. © LNJSWirtschaftswachstum oder Rezession: Russlands Weg vom Marktgestalter zum unberechenbaren Akteur
Während offizielle Statistiken ein BIP-Wachstum von 7,1 Prozent zwischen 2021 und 2024 ausweisen, zweifeln Experten an diesen Zahlen. Die PeaceRep-Studie entwickelte alternative Inflationsschätzungen, die für 2022 bis 2024 bei 25, 15 und 20,7 Prozent liegen – etwa doppelt so hoch wie die offiziellen Raten. Mit diesen korrigierten Werten fiel das BIP um 1,5 Prozent, die realen Haushaltseinkommen sanken um 5,3 Prozent. Im ersten Halbjahr 2025 wuchs das BIP laut Rosstat nur um 1,2 Prozent. Die Regierung revidierte ihre Wachstumsprognose Mitte Oktober für 2025 von 2,5 auf ein Prozent.
Mitrova fasst die Transformation zusammen: Russland sei „nicht mehr Mitgestalter des Gleichgewichts innerhalb der OPEC+, sondern ein großer Lieferant, dessen Lieferströme eher Unsicherheit als Ausgewogenheit schaffen und dessen Einfluss sich in Volatilität und nicht in Führungsstärke äußert“. Es handele sich um eine Wandlung „vom Marktmacher zum unberechenbaren Störfaktor“. (ls)