
AUDIO: Klaus Modick über Worpswede: Wie eine Künstlerkolonie zur Legende wurde (8 Min)
Stand: 08.01.2026 16:29 Uhr
Die Malerin Paula Modersohn-Becker war Teil der Worpsweder Künstlerkolonie. Der Autor Klaus Modick, der ein Buch über Worpswede geschrieben hat, erzählt im Gespräch, warum das Dorf noch immer Kunstfans magisch anzieht.
Herr Modick, das Worpswede, das Paula Modersohn-Becker um die Jahrhundertwende kennengelernt hat, was war das für ein Ort?
Klaus Modick: Das war ein Dorf 25 Kilometer nördlich von Bremen, was in rein ländlicher Bedeutungslosigkeit vor sich hin lebte – bis um 1890 der Maler Mackensen das als Motivlieferanten entdeckte. Mackensens Anwesenheit in Worpswede zog dann Kollegen von ihm nach, und es entwickelte sich dann dort in sehr kurzer Zeit eine ganze Künstlerkolonie, im Wesentlichen bildende Künstler: Mackensen, Otto Modersohn, der dann der Ehemann von Paula Modersohn-Becker wurde, Fritz Overbeck, Hans am Ende. Zum eigentlichen Star dieser Gruppe stieg dann – obwohl er der Jüngste war – Heinrich Vogeler auf. Er war Maler, aber auch ein künstlerisches Universalgenie; heute würde man ihn wohl eher als Designer bezeichnen. Um Vogler und dessen Haus dort – das war eigentlich ein Bauernhaus, was er nach seinen eigenen Vorstellungen umgebaut hatte – das war gewissermaßen das „Camelot“ von Worpswede um 1900. Die ganze Sache hing zusammen mit der Lebensreformbewegung, die damals im Schwange war, wo mit völlig anderen Lebensmodellen wie Nacktkultur und Vegetarismus experimentiert wurde. Da passte so eine Gruppe, die nicht mehr akademisch im Atelier malte, sondern die sich ins Worpsweder Moor stellte, wunderbar rein, Sie stießen zuerst auf große Skepsis, aber dann gab es Ausstellungen in Bremen und in München, und damit wurde das zu so einem mythischen Kunstort.

Die Malerin hat einen entscheidenden Teil ihres Lebens in Worpswede verbracht. Dort erinnern nun viele Ausstellungen an ihr Leben.
Inwiefern war dieses besondere Lebensmodell außergewöhnlich oder vielleicht dann doch auch Ausdruck der Zeit?
Modick: Die hatten alle ihre eigenen Häuser, aber es war eine eng untereinander vernetzte Gruppe von Künstlern. Das schloss natürlich auch Eifersüchteleien und Konkurrenzdenken nicht aus – daran ist das nach 1900 immer mehr gescheitert. Aber das war Ausdruck der gesamtgesellschaftlichen Atmosphäre. Zugleich gab es die ständig zunehmende Industrialisierung in Deutschland mit großer Armut unter der Arbeiterschaft: Berlin zu der Zeit mit den Hinterhöfen, wo die Leute vegetierten – das war die Hölle, und Worpswede war der Himmel.
In Ihrem Buch „Konzert ohne Dichter“ kann man eintauchen in das Leben dort. Schriftsteller und Dichter seien damals so ein bisschen wie Popstars gewesen. Was hat das für die Frauen in Worpswede bedeutet?
Modick: Es war so, dass im ausgehenden 19. Jahrhundert Frauen noch nicht an öffentlichen Kunstakademien studieren durften. Deswegen nahmen viele Frauen, die sich da berufen fühlten oder Talent hatten, Privatunterricht bei bildenden Künstlern. Paula Modersohn-Becker zum Beispiel hat bei Fritz Mackensen Kunstunterricht in Worpswede bekommen.
Von heute aus gesehen, ist Paula Modersohn-Becker mit Sicherheit die kunsthistorisch bedeutendste Figur dieser ganzen Malergruppe gewesen. Das besondere Talent, was sich völlig unterschied von dem, was in Worpswede sonst gemalt wurde, dieses Frühexpressionistische, das hatte da sonst niemand.
Wenn man über Paula Modersohn spricht, darf man von ihrem Mann nicht schweigen, weil der ihr vieles ermöglicht hat. Paula ist mehrfach nach Paris gegangen und hat da Kunst gesehen, die es zu der Zeit in Deutschland noch gar nicht gab und in Worpswede schon mal gar nicht. Paula hat am Ende mit Otto Modersohn ein Kind bekommen, und ist leider an den Folgen dieser Geburt sehr früh gestorben.

Museen, Ateliers und Galerien prägen den Ort bei Bremen. Namhafte Künstler haben dort ihre Spuren hinterlassen.
Warum ist Worpswede heute immer noch so ein Ort, der uns so verzaubert? Es kommen immer noch Menschen in Scharen, um sich Worpswede anzugucken.
Modick: Inzwischen ist Worpswede das Museum seines eigenen Ruhms. Denn der Kunsttourismus, der in Warpswede herrscht, wird nicht mehr angezogen durch die dort jetzt arbeitenden Künstler – da sind ja immer noch Künstler unterschiedlicher Couleur und unterschiedlicher Sparten tätig. Aber wenn man diese Namen nennt, die ich auch nicht nennen kann, dann zuckt jeder mit den Schultern und sagt: Kenne ich nicht. Was kein Qualitätsurteil sein soll. Kennen tun aber alle Modersohn, Vogler, Rilke, also die Besetzung des 19. Jahrhunderts. Das strahlt immer noch nach als so ein Mythos deutscher Geistes- und Kunstgeschichte. Das suchen die Leute und das kriegen sie auch, aber eben nur noch museal.
Das Gespräch führte Anna Novák.
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