Niemand wird bestreiten, dass die Nahrungsaufnahme für den Menschen ein elementarer, im buchstäblichen Sinne lebensnotwendiger Vorgang ist und sie daher unsere Aufmerksamkeit verdient. Allerdings hat die kulinarische Kontemplation im öffentlichen Diskurs, die Inszenierung von Essen in sozialen (und anderen) Medien, inzwischen nachgerade pathologische Ausmaße erreicht.
Alina Bronsky: „Essen“AlinaHanser Berlin
Für andere wiederum ist das Nachdenken und Schreiben über Speise und Trank ein Mittel zur moralischen Selbstoptimierung. Fleischkonsum gilt nicht wenigen als die Inkarnation des Bösen, als ein Attentat auf Tierwohl und Weltklima. Konsumverzicht und Lichterketten sollen die Mächte der Finsternis in die Knie zwingen. Die veganen Heerscharen wähnten sich schon auf der Zielgeraden, als ihnen die Bratwurst-Kreuzzügler in die Quere kamen. Essensvorlieben sind heute politischer denn je.
Das Buch von Alina Bronsky lässt sich so recht keiner der beiden Kategorien zurechnen, in jedem Fall nicht der letzteren, denn moralisch-politische Belehrungen sind der Autorin völlig fremd. „Essen“ ist eine Art kulinarische Kurzautobiographie, die anhand diverser, meist sehr einfacher Gerichte (ein Rezept findet sich im Anhang jedes Kapitels) Einblicke in den deutschen Alltag und dessen Zumutungen gewährt. Wie in ihren Romanen spielt auch in diesen zwölf Kalendergeschichten in Ephraim-Kishon-Manier Alina Bronskys Herkunft eine wichtige Rolle. Geboren in Jekaterinburg, kam sie Anfang der Neunziger als Kind nach Deutschland und erkundete sofort mit Interesse die Absurditäten ihrer neuen Heimat, ohne den Absurditäten ihrer alten Heimat – der siechen Sowjetunion – nachzutrauern.
Eingedenk russischer Großmütter
Bronskys Anekdoten sind Lehrstücke über den Erwerb und Verlust von Identitäten, die sich in kulinarischen Erlebnissen manifestieren. Der Biss in ein weißes Frühstücksbrötchen, das sogleich „in einer Krümelwolke explodierte“, führte auf der ersten Klassenfahrt unter Deutschen dem an sich integrationsbegierigen, aber von klein auf morgens mit warmem Getreidebrei verköstigten Mädchen vor Augen, dass die Distanz zu ihrer neuen Heimat größer war als gedacht und ersehnt. Mit einigen Essgewohnheiten und Nahrungsmitteln kann sich die Autorin bis heute nicht anfreunden, andere – wie die Liebe der Deutschen zum Brot als Hauptgericht, in Russland als „Trockenfutter“ verschmäht – sind Bestandteil ihrer neuen Identität geworden.
Gewiss, Alina Bronskys „Essen“ ist leichte Kost, aber gut gewürzt und nicht versalzen. Vor allem kann das schmale Buch mit einer Zutat aufwarten, die – zumal in den literarischen Speisekammern deutscher Schriftsteller – seit jeher Mangelware ist: Humor ohne falsche Rücksichtnahmen auf gesellschaftliche Erwartungen. Einige hübsche Vignetten gelingen der Autorin, etwa wenn sie sich zu ihrer irrationalen Panik vor Mikroben bekennt – ebenfalls eine Erblast sowjetischer Kindheit – und jene (russischen) Großmütter würdigt, die Mandarinen vor dem Schälen gründlich mit Seife reinigen und anschließend – sicher ist sicher – noch mit kochend heißem Wasser überbrühen.
Der (deutsche) Mann in der Küche
Auch das Porträt der Cousine Mira, wie Bronsky in der Sowjetunion sozialisiert und dann nach Deutschland ausgewandert, ist eine heitere Hommage an die kulturell entwurzelte Verwandtschaft. Sie gehört einer im Westen beinahe versunkenen Welt an, in der „es absolute Frauensache“ war, Menschen satt zu bekommen. In diesem Kosmos „betraten Männer die Küche ausschließlich zum Essen. Danach zogen sie sich zurück, um die Frauen beim Abwaschen nicht zu stören.“ Besagte Cousine hatte dieses Prinzip so sehr verinnerlicht, dass ihr Ehemann Alex es nicht gewagt hätte, „sich ohne ihre Erlaubnis ein Butterbrot zu schmieren“. Doch irgendwann war Mira der Plackerei in der Küche überdrüssig und trennte sich von Alex.
Ihr neuer Partner entsprach ganz und gar dem Ideal des modernen deutschen Mannes. Er kochte besser als Cousine Mira oder jedenfalls gesünder. „Er lobte höflich ihre Eintöpfe und Aufläufe und machte sich anschließend ein Vollkornbrot mit Ziegenkäse, Cranberry-Chutney und Rucola-Blättern.“ Überdies musste sie sich den einen oder anderen liebevollen Tadel gefallen lassen, wenn sie mal wieder Kartoffeln aus nichtbiologischem Anbau gekauft hatte. In einem Wort: unerträglich. Das erkannte irgendwann auch Mira und kehrte reumütig zu ihrem Ehemann zurück.
Politisch korrekt ist die Pointe nicht, aber Alina Bronsky pfeift darauf. Wem also der Sinn weder nach Foodporn noch nach moralischer Bevormundung steht, wird mit diesem Buch seinen Spaß haben.
Alina Bronsky: „Essen“. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2025. 112 S., geb., 20,– €.