Vor einiger Zeit hat ein Mann nach Ladenschluss an Kevin Feldes Schaufenster geklopft. Der 23-Jährige war gerade dabei, sein Geschäft in der Hirschstraße in der Stuttgarter City abzuschließen. Der mysteriöse Fremde erschien dem jungen Ladenbesitzer suspekt. Er habe durch die Scheibe mit dem Finger auf ein Paar Sneaker gezeigt, das in einer Vitrine ausgestellt war.
„Ja, was ist damit?“, habe Felde geantwortet. Die Schuhe, auf die er gezeigt habe, waren ein Paar der legendären Nike Air Yeezy Red Octobre in Größe 40. Nike hatte die Schuhe damals mit dem inzwischen in Ungnade gefallenen Rapper Kanye West entworfen. Die Schuhe haben ein reptilienhaftes Design und sind einfarbig in rot gehalten. Für einen Laien mögen sie trotzdem nichts Besonderes an sich haben.
Kevin Felde überwand an diesem Tag sein Misstrauen und schloss den Laden noch mal auf. Nachdem er sich, wie er erzählt, über eine Stunde mit dem Mann über Sneaker unterhalten hatte, habe das Paar Schuhe am Ende des Gesprächs den Besitzer gewechselt. Kevin Felde verkaufte die Sneaker an ihn – für 20 000 Euro, bezahlt in bar.
Sneaker-Handel: Vom Online-Börsen-Geheimtipp zum Millionenmarkt
Die Welt der limitierten hochpreisigen Sneaker ist eine Welt, die sich nicht immer an einem Verkaufstresen in Schuhgeschäften abspielt. Meistens findet sie auf Online-Börsen und speziellen Nachrichten-Apps wie Discord statt, auf der sich Experten austauschen. Die Händler fachsimpeln über einzelne Modelle – und was noch wichtiger ist: Sie teilen einander mit, wenn die großen Hersteller wieder eine limitierte Auflage eines Sportschuhs verkaufen.
Diese besonderen Exemplare werden gehandelt wie seltene Rohstoffe. Kevin Felde ist mit 14 Jahren in diese Welt eingetaucht, als er sich das erste Paar Schuhe für 200 Euro gekauft hat. Seitdem ist er in jungen Jahren bereits außergewöhnlich erfolgreich.
Bei einer persönlichen Führung in seinem Geschäft mit dem Namen „Concrete“ gibt Kevin Felde Einblicke darin, wie er mit dem Verkauf von limitierten Designerklamotten ein kleines Vermögen verdient hat. „Ich habe als Kind zunächst verschiedene Jobs gemacht, beispielsweise als Hausmeister. Damit habe ich meine ersten Sneaker finanziert“, erzählt er.
Sein erstes Paar Schuhe steht noch immer in einer Vitrine in seinem Geschäft. Nach diesem Kauf kamen weitere dazu. Es sei die Regel, dass man die Schuhe auch mal für ein Zehnfaches des Einkaufswertes verkaufen könne, sagt er. Im Laufe der Jahre habe er immer mehr Kapital gehabt, um noch größer einzusteigen. Heute zeigt er auf seinem Shopify-Konto, welchen Umsatz er mit Sneakern schon gemacht hat: fast 1,4 Millionen Euro seit 2022 mit dem Verkauf von fast 12 000 Produkten.
Luxus trifft auf Bodenständigkeit: Sneaker-Store überrascht
Feldes Verkaufsfläche erscheint zunächst nicht wie der High-End Fashion Store, der er eigentlich ist. Alles ist in grauem Beton gehalten, an der Wand hängen Haken, auf denen Sneaker aufgereiht sind. Von der Decke hängt eine Designerjacke an einer Kette. Es handelt sich um das Louis Vuitton Varsity Blouson. Der Designer Virgil Abloh ist jung gestorben, und seine Klamotten sind seit dem noch einmal an Wert gestiegen. Die Jacke kostet daher bis zu 12 000 Euro.
Das Image des bodenständigen Interieurs entspricht dennoch ein wenig der Mentalität der umtriebigen Sneaker-Händler. Einige von ihnen haben sich von einfachen Verhältnissen kommend nur durch Fachwissen in einen sehr volatilen Markt eingearbeitet.
Manche Schuhe umgibt ein regelrechtes Mysterium. Beispielsweise die Nike Air Mag. Felde ist im Besitz eines Paares, doch würde er sie nicht ohne Weiteres aus dem Versteck hervorholen. Das ursprüngliche Paar wurde in den 80er-Jahren als Requisite für den Film „Zurück in die Zukunft“ angefertigt. Hauptdarsteller Michael J. Fox reist in die Zukunft und zieht die Schuhe an, die sich selbst schnüren und trocknen können.
In verschiedenen Auflagen wurde dieser Schuh auch in geringer Stückzahl in Serie produziert. „Ich würde mein Paar niemals einfach dem Sonnenlicht aussetzen. Das Leder könnte darunter leiden“, sagt Felde. Er sagt auch nicht, wo er das Paar aufbewahrt. Auf der Plattform Stock X, auf der man die Preise einzelner Sneaker wie auf dem Aktienmarkt verfolgen kann, liegt der Preis der 2011er-Auflage bei fast 26 000 Euro.
„Meine Quellen dürfen nie an die Öffentlichkeit gelangen“
Wie genau Kevin an hochexklusive Schuhe kommt, ist auch dann nicht immer zu verstehen, wenn er es einem erklärt. Viel von dem Verkauf finde über persönliche Verbindungen statt. „Ich kann auch nicht genau sagen, wie ich an diese Verbindungen herankomme, aber es dauert Jahre bis einem das gelingt“, sagt er. Zudem sei es ein wohlbehütetes Geheimnis, das er nicht jedem preisgeben könne. „Es wäre für mich eine Katastrophe, wenn meine Quellen an die Öffentlichkeit gelangen würden“, sagt er.
Ein anderer Weg, an exklusive Sneaker zu gelangen, ist das sogenannte Botten. Das erklärt Felde so: Über eine Computersoftware erteilt er einem automatisiertem Programm den Auftrag, mehrere Kaufversuche auf ein Produkt zu starten. Wenn also die Information verbreitet wird, dass beispielsweise Nike bald zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Schuh zum Verkauf anbietet, haben normale Nutzer oft keine Chance, online an den Schuh zu kommen.
Stattdessen fluten Bots, wie die von Kevin, die Seite mit Anfragen. Auf diese Weise kann er gleich mehrere Paar hochexklusiver Schuhe kaufen, die er dann um ein Vielfaches des ursprünglichen Wertes weiterverkaufen kann. Es sei ein komplizierter Prozess, bei dem die nötige Erfahrung darüber entscheide, ob man die richtigen Voreinstellungen getroffen habe, damit man auch wirklich einen Kauferfolg habe.
Auch VfB-Spieler sollen Kunden sein
Und dann ist da noch Kevin Feldes einziger Mitarbeiter, Gustavo Nasimentos. Der 19-Jährige hat bereits mit 17 Jahren Partys in Stuttgart organisiert. Heute ist er der Geschäftsführer von Concrete und außerdem der Kontakt zur Welt der Promis und Influencer, die einen wichtigen Kundenstamm abbilden. „Über drei Ecken komme ich in Deutschland an jeden Promi heran“, sagt er selbstbewusst.
Manche Aufträge kämen von Fußballspielern des VfB Stuttgart, andere von Influencern. „Meistens suchen sie nach einem bestimmten Paar seltener Schuhe. Wir finden diese Schuhe dann und bringen sie ihnen nach Hause“, sagt Kevin Felde.
Der schnelle Ruhm sei ihm jedoch nie zu Kopf gestiegen. Klar habe er sich mit 18 Jahren einen sportlichen Mercedes gekauft, und dann kamen Hemden von Louis Vuitton und eine Rolex-Uhr hinzu. „Ich lebe dennoch in einer bescheidenen Wohnung und gehe nicht gerne auf Partys“, sagt er. Stattdessen konzentriere er sich darauf, seine Geschäftswelt weiter auszubauen. Bald will er weitere Filialen eröffnen.
„Zuverlässigkeit und Geschichten: Der Schlüssel zum Sneaker-Erfolg“
Das Geheimnis, um Erfolg in der Branche zu haben, meint er ebenfalls verstanden zu haben. „Man muss gar nicht der Schlauste sein. Es reicht, dass man zuverlässig ist und sich dadurch über Jahre die richtigen Kontakte aufbaut“, sagt er.
Was die Kunden an den Schuhen und den seltenen Kleidungsstücken fasziniere, sei auch, dass die Kleidungsstücke alle eine persönliche Geschichte erzählen würden. Beispielsweise die Jacke, die von seiner Decke hängt. Die selbe Jacke habe er vor vielen Jahren selbst für einige Hundert Euro gekauft und dann mit großem Gewinn weiterverkauft. Doch vor einiger Zeit sei jemand in seinen Laden gekommen, weil er die Jacke wieder verkaufen wollte. So sei das eben, wenn man mit Second-Hand-Klamotten handle. Manche Kleider kommen zu einem zurück.