Nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz hätte man einen Moment der Zäsur erwarten können. Einen Augenblick, in dem Verwaltungen innehalten und sich fragen: Was, wenn es nicht bei diesem einen Blackout bleibt? Was, wenn Sabotage, Kälte und Systemversagen wiederholt aufeinanderprallen? Wer die Antworten der Bundesländer liest, erkennt schnell: Der Ernstfall wird weiter als Verwaltungsproblem behandelt und nicht etwa als gesellschaftliche Realität. Die Lektion scheint nicht gelernt.

Berlin war offenbar kein Weckruf, sondern ein Störgeräusch.

Der Mexikoplatz in Zehlendorf fast komplett dunkel während des Stromausfalls, der durch einen Terrorangriff verursacht wurde – kein Alarmzeichen für andere Bundesländer.

Der Mexikoplatz in Zehlendorf fast komplett dunkel während des Stromausfalls, der durch einen Terrorangriff verursacht wurde – kein Alarmzeichen für andere Bundesländer.Emmanuele Contini/imago

Methode: Beruhigung und Beschwichtigung

Beginnen wir mit Bayern. Das Innenministerium teilt mit, es lägen „keine konkreten Gefahrenhinweise“ vor. Eine Formulierung, die Sicherheit anspricht, ohne sie auszusprechen. Denn dass kritische Infrastrukturen „abstrakt gefährdet“ seien, gilt immer – und damit letztlich nie. Die abstrakte Gefährdung ist der rhetorische Zustand maximaler Bequemlichkeit. Sie verpflichtet die Behörden zu so ziemlich gar nichts.

Die Botschaft der Verantwortungsorgane lautet: Alles ist geregelt, seit jeher. Notfallpläne existieren. Zuständigkeiten sind verteilt. Leuchttürme sind vorgesehen – allerdings ausdrücklich nicht als Wärmestuben. Wärme, so lernt man, ist kein öffentliches Gut im Krisenfall. Wer friert, wird im Zweifel evakuiert. Wohin, bleibt offen.

Der bayerische Staat verweist stolz auf das Krisenmanagement beim Heizwerksausfall in Nürnberg 2021. Doch dieser Vergleich ist entlarvend. Ein technischer Defekt ist kein gezielter Angriff. Er ist reparierbar, lokalisierbar und zeitlich begrenzt. Sabotage in einer Dunkelflaute ist etwas anderes. Sie ist systemisch, potenziell flächig, politisch motiviert, und sie trifft auf eine Gesellschaft, die auf Dauerbetrieb optimiert ist.

Verantwortung als Verschiebemasse

Was sich durch alle Antworten zieht, ist die systematische Verschiebung der Verantwortung. Für den physischen Schutz der Netze sind die Betreiber zuständig. Für Pflegeheime die Träger. Für Evakuierungen zunächst die Einrichtungen selbst. Für Wärmeversorgung – niemand so wirklich.

Während in Berlin der Senat für Notunterkünfte sorgte, sind laut bayerischem Innenministerium die Träger der Altenheime für Evakuierungen zuständig.

Während in Berlin der Senat für Notunterkünfte sorgte, sind laut bayerischem Innenministerium die Träger der Altenheime für Evakuierungen zuständig.dpa

Der Staat erscheint weniger als Garant, sondern als Moderator von Zuständigkeiten. Er koordiniert, mahnt, plant, aber er stellt nicht sicher. Dass Bayern explizit darauf verweist, eigene Landesstandards für den physischen Schutz von Stromnetzen vermeiden zu wollen, um keine „abweichenden Vorgaben“ zu schaffen, ist bezeichnend. Einheitlichkeit schlägt Vorsorge.

Das geplante KRITIS-Dachgesetz des Bundes fungiert dabei wie eine politische Fernbedienung. Man verweist auf etwas, das noch nicht gilt, um heute nichts ändern zu müssen.

Analyse statt Umsetzung in Sachsen

Sachsen klingt ehrlicher. Innenminister Armin Schuster räumt ein, dass hochprofessionelle Täter auch dort Erfolg haben könnten. Allein diese Aussage hebt sich wohltuend von der bayerischen Selbstgewissheit ab. Doch auch hier folgt auf das Problembewusstsein vor allem eines: die Rhetorik der Ankündigung.

Eine neue Risikogefahrenanalyse soll erstellt werden. Konzepte existieren. Arbeitsgruppen tagen. Planungsunterlagen wurden fortgeschrieben. Das ist nicht nichts – aber es ist auch kein Schutz.

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die sogenannten Katastrophenschutz-Leuchttürme. In Sachsen gibt es sie noch gar nicht. Ein Konzept soll 2026 veröffentlicht werden. Das ist keine Vorsorge, das ist Verwaltung im Futur II. Wir werden vorbereitet gewesen sein.

Auch hier gilt: Autarke Wärmeversorgung für mehrere Tage? Keine belastbare Aussage. Evakuierung von Pflegeheimen? Aufgabe der Betreiber. Der Staat bleibt im Hintergrund – analytisch wach, operativ vorsichtig.

Brandenburg: Sicherheit durch Schweigen

Am radikalsten ist die Antwort aus Brandenburg. Ja, es gibt eine Risiko- und Gefahrenanalyse. Nein, sie ist nicht öffentlich. Mehr könne man leider nicht sagen.

Das ist die Sprache der Abschottung. In einer Demokratie, die auf Vertrauen angewiesen ist, wirkt sie wie ein Rückzug in den Aktenkeller. Gerade nach einem realen Anschlag entfaltet dieses Schweigen eine eigene Botschaft: Die Bevölkerung soll wissen, dass der Staat etwas weiß – aber nicht was.

Die Illusion der Kontrollierbarkeit

Was all diese Antworten verbindet, ist ein Grundirrtum moderner Krisenpolitik. Es ist die Annahme, dass komplexe Systemkrisen sich wie Verwaltungsakte behandeln lassen. Als genüge es, Zuständigkeiten zu definieren, Pläne zu hinterlegen und auf Professionalität zu verweisen.

Doch Blackouts sind keine Verwaltungsereignisse. Sie sind soziale Ausnahmezustände. Sie betreffen nicht nur Netze, sondern Körper. Nicht nur Infrastrukturen, sondern Vertrauen. Eine frierende Stadt und ihre Bürger sind keine Excel-Tabelle.

Dass Wärmeversorgung für die Bevölkerung kaum eine Rolle spielt, ist kein Zufall. Wärme ist in diesen Konzepten privat. Wer sie verliert, wird verschoben, das heißt evakuiert,  untergebracht, ausgelagert. Der Staat organisiert ruckartige Bewegungen im Notfall statt eine maximal sichere Vorsorge.

Berlin als Vorbote

Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz war kein Betriebsunfall. Er war ein Hinweis darauf, wie verletzlich eine hochvernetzte, verdichtete Gesellschaft ist und wie sehr sie sich darauf verlässt, dass schon nichts passiert.

Die Antworten der Länder zeigen: Die eigentliche Vorsorge findet auf dem Papier statt. Die physische Realität – Kälte, Dunkelheit, Ausfall – bleibt ein theoretisches Szenario.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus Berlin. Nicht, dass wir unvorbereitet sind, sondern dass wir Vorbereitung mit Beruhigung verwechseln. Und Planung mit Schutz.

Der Blackout ist zwar gedacht, aber nicht durchlebt. Jedenfalls nicht dort, wo die Entscheidungen getroffen werden. Dem Bürger bleibt also nur die private Vorsorge.