Im Rahmen einer mehrteiligen Reihe widmen wir uns seit 2023 der bewegten Geschichte der Berliner Friedrichstraße. Mit einem neuen Konzept will Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner die Friedrichstraße nun neu positionieren. Doch zwischen Ankündigung, Machbarkeitsstudie und politischem Zeitdruck bleiben zentrale Fragen zur künftigen Rolle der Straße offen.

Die Friedrichstraße soll grüner, breiter und urbaner werden – zumindest auf einem Teilabschnitt. Ob daraus tatsächlich ein zukunftsfähiger Boulevard entsteht oder nur ein weiteres städtebauliches Provisorium, ist bislang unklar. / © Visualisierung: Nöfer Architekten, Astigmatic

© Visualisierung Titelbild: Nöfer Architekten, Astigmatic

 

DIE GESCHICHTE DER FRIEDRICHSTRASSETeil 14 – Zwischen Symbolpolitik und echter Transformation

 

Ein neues Konzept für die Friedrichstraße kündigte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner am 17. November 2025 den Berliner Pressevertreterinnen an und hatte damit natürlich großes Interesse geweckt. Dass die Friedrichstraße nicht einmal gerade so als normale Berliner Straße daherkommt, ist den aufmerksamen Beobachtern bewusst, denn diese Straße ist schlichtweg ein Symbol, aber wofür?

Bis zum Ende der Weimarer Zeit war sie der Inbegriff einer Flaniermeile, der Mittelpunkt eines Kultur- und Vergnügungszentrums sowie eine lebendige und sprudelnde Verkehrsader in der Nord-Süd-Achse der Stadt.

Friedrichstraße in Berlin-Mitte: Konzept der Neugestaltung

Kann dieser ehemalige Mythos etwa das Ziel der Neu- bzw. Umgestaltung sein? Wohl kaum, denn dafür ist nach den Zerstörungen des letzten Krieges sowie der anschließenden Teilung zu viel verloren gegangen – sowohl architektonisch, künstlerisch als auch gesellschaftlich. Die Realität zeigt, dass diese „goldenen Zeiten“ lange vorbei sind und in dieser Form nicht mehr zurückkommen werden.

Nun kündigt Kai Wegner an, die Friedrichstraße zu einem „urbanen Boulevard“ entwickeln zu wollen, hin zu einer Transformation und einer Überblendung der Straße. Dafür sollen die Pkw-Parkplätze weichen und stattdessen Bäume mit einer hohen Grünqualität sowie breitere Trottoirs die Aufenthaltsqualität verbessern. Den Konzeptvorschlag dazu lieferte Tobias Nöfer, selbst Architekt und Vorstandsmitglied des Architekten- und Ingenieurvereins e. V. zu Berlin-Brandenburg.

Architekt Tobias Nöfer stellte im November 2025 sein Konzept für die „neue“ Friedrichstraße vor

Das Konzept ist vielversprechend, aber nicht neu, und viele Architekten und Stadtplaner fordern seit Jahren, den Menschen viel stärken in den Mittelpunkt städtebaulicher Planungen zu stellen. Nur wenn die Straße neben dem motorisierten Verkehr auch den Fußgänger, Radfahrer und den Verweilenden genügend Platz einräumt, entstehen attraktive Orte, an denen man flanieren, verweilen und sich begegnen kann.

Übrigens steht das auch in einer Broschüre des Umweltbundesamtes, in der darauf hingewiesen wird, wie Sitzbänke, Bäume, Pflanzungen und Stadtmobiliar eine entsprechende Aufenthaltsqualität schaffen können.

Umbau der Friedrichstraße? Erstmal folgt eine Machbarkeitsstudie zur Umsetzung

Das von Kai Wegner vorgestellte Konzept bezieht sich allerdings nicht auf die gesamte 3,3 Kilometer lange Friedrichstraße, sondern nur auf einen knapp 1,2 Kilometer langen Straßenzug zwischen dem Boulevard Unter den Linden und der Schützenstraße, dort, wo es sich angesichts der bereits vorhandenen Lokale und Geschäfte lohnt.

Auch die seit Jahren diskutierte Umgestaltung des Checkpoint Charlie, knapp 100 Meter südlich der Schützenstraße, spart man bei dieser Neugestaltung aus. Die von Ute Bonde während der Pressekonferenz zum Jahresende 2025 angekündigte Machbarkeitsstudie fehlt nach wie vor; diese erstellt man eigentlich vor der Verkündung eines solchen Projektes, nicht danach.

Einlösung eines Wahlversprechens: Aufhebung der Fußgängerzone in der Friedrichstraße

Mit der Rückverwandlung der Fußgängerzone in eine Autostraße hat Kai Wegner ein Wahlversprechen eingelöst. Die rot-rot-grüne Vorgängerregierung hatte im Jahr 2020 durch die damalige Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Die Grünen) die Friedrichstraße zwischen Französischer Straße und Leipziger Straße zur Fußgängerzone mit einem breiten Radweg gemacht.

Es dauerte nicht lange, dann begannen massive Proteste einiger Einzelhändler, die daraufhin das Aktionsbündnis „Rettet die Friedrichstraße“ gründeten. Die Fußgängerzone war aber nicht der einzige Auslöser des Problems, denn auch die Corona-Pandemie trug wesentlich zur Aufgabe vieler Geschäfte in der Friedrichstraße bei.

Historische Berliner Mitte: Die schwarz-rote Koalition steht unter Handlungsdruck

Die seit April 2023 regierende schwarz-rote Koalition steht unter Handlungsdruck, denn die unter einem CDU-Politiker regierende Koalition – übrigens seit 20 Jahren erstmals wieder ein CDU-Mann – könnte ein kurzes Intermezzo bleiben. Nach der Wahlwiederholung am 12. Februar 2023 hat keine neue Legislaturperiode begonnen, schon im September 2026 werden in Berlin die politischen Karten neu gemischt.

Aus diesem Blickwinkel kann man die Ankündigung des Regierenden Bürgermeisters und seiner Verkehrssenatorin zur Umgestaltung der Friedrichstraße verstehen. Dass die Umgestaltung der ehemaligen Flaniermeile in dieser Toplage dringend notwendig ist, bleibt unbestritten, aber wie die Zukunft tatsächlich aussehen soll, bleibt unklar.

Wegners Ankündigung zur Umgestaltung beinhaltet auch die Beibehaltung des Autoverkehrs. Eingedenk der Tatsache, dass die Friedrichstraße bei der Unfallstatistik 2024 im bundesweiten Ranking hinsichtlich der Straßen mit den meisten Unfällen mit Personenschäden auf Platz acht landete, unterstreicht dies die Notwendigkeit eines schlüssigen Verkehrskonzeptes.

Hohe Unfallzahlen: Die Friedrichstraße braucht dringend ein neues Verkehrskonzept

Ob dann ein Tempolimit von 20 bis 30 Kilometern pro Stunde ausreicht, bleibt abzuwarten. Um die Verbreiterung der Trottoirs zu gewährleisten, ist die Verengung der derzeitigen Fahrbahnbreite von 12,5 auf 7,5 Meter geplant; ob das die Unfallstatistik verbessert, scheint ebenso fraglich.

Um die Ankündigungen des Regierenden Bürgermeisters, die Friedrichstraße zu einem „urbanen Boulevard“ zu entwickeln, Realität werden zu lassen, braucht es weitaus mehr, als den Straßenbelag mit Messingleuchten auszustatten, um dadurch eine gewisse Noblesse und Identität zu erzeugen. Oft verharrt man bei solchen Vorhaben auch im ersten Schritt beim Aufstellen von Pflanzkübeln und der Installation von Stadtmobiliar. Das können die Laden- und Geschäftsbesitzer zum dekorativen Aufhübschen der Außenbereiche auch selbst bewerkstelligen; dazu braucht es keine größeren Investitionen.

Zur Neugestaltung der Friedrichstraße braucht es ein Gesamtkonzept, nicht nur eine neue Verkehrsführung

Zur Neugestaltung der Friedrichstraße bedarf es klarer Entscheidungen, denn die bisher gemachten Ankündigungen zeugen von wenig Mut, geschweige denn von strukturellen Entscheidungen.
Besonders innovativ ist das nicht, und es entsteht der Eindruck, dass der Senat in Ankündigungen symbolischer Maßnahmen verharrt.

Die noch ausstehende Machbarkeitsstudie muss zunächst den technischen Nachweis erbringen, dass das in der Friedrichstraße in sehr geringem Abstand unter der Fahrbahndecke verlaufende riesige Geflecht aus Rohren, Kabeln, Gas-, Wasser- und Stromleitungen, Glasfaserleitungen sowie U- und S-Bahntunnelröhren ausreichend Platz bietet, um zusätzliche technische Installationen für eine „Schwammstadt“ mit grünen Gullys und entsprechender Regenwasserversickerung überhaupt zu ermöglichen.

Erforderliche Expertisen zur Erhöhung der Ausstrahlungskraft der Friedrichstraße

Neben der technischen Machbarkeitsstudie kommt es aber auch darauf an, Expertisen einzuholen, wie die Ausstrahlungskraft der Friedrichstraße verbessert werden kann. Eine Leerstandsquote von 70 Prozent an Gewerbeflächen in der Friedrichstraße bedarf auch einer gründlichen Tatbestandsanalyse über angrenzende Quartiere hinsichtlich des Konsumverhaltens sowie der Klientel, die dort einkauft.

Überlegungen zur Ansiedlung neuer Gewerbetreibender, eventuell auch kleinteiligerer Unternehmen, sollten Anlass zum Nachdenken sein. Großformatige Büroflächen gibt es in der Friedrichstraße zur Genüge, aber was ist mit kulturellen Einrichtungen, Veranstaltungsflächen, hochwertiger Gastronomie?

All das ist neben dem bereits angesprochenen Verkehrskonzept in diesem Kerngebiet Berlins sorgfältig zu analysieren – auch ohne Zeitdruck. Die Öffentlichkeit und die vor Ort tätigen Gewerbetreibenden sollten dabei mit eingebunden sein. Real betrachtet geht es um die Zukunftsplanung der Mitte Berlins. Das bislang vorgelegte Konzept kann nur ein Teil dieser Gesamtplanung sein.

So stellt sich Architekt Tobias Nöfer die umgestaltete Friedrichstraße in Berlin-Mitte vor. / © Visualisierung: Nöfer Architekten, Astigmatic

Visualisierung Friedrichstraße mit Fahrradverkehr und Bäumen

Breitere Gehwege, weniger Platz für Autos: So soll die Friedrichstraße neu belebt werden. / © Visualisierung: Nöfer Architekten, Astigmatic

Quellen: Nöfer Architekten, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Architekten- und Ingenieurvereins e. V. zu Berlin-Brandenburg