
Immer Ärger um den VAR, ein „Haar im Abseits“ und folgenschwere Papierschnipsel – die Bundesligaschiedsrichter erleben eine turbulente Saison.
Wer sich gerne aufregt, für den ist das Thema Fußballschiedsrichter ein Paradies. Auch die laufende Bundesliga-Saison hat bereits reichlich Anreize geboten, den Puls so richtig hochzufahren. „Völliger Quatsch“, schimpfte zum Beispiel Gladbach-Trainer Eugen Polanski über den VAR (Video Assistant Referee). Sein Kölner Kollege Lukas Kwasniok „hasst den VAR“ nach eigener Aussage. Gleichzeitig war aber das Gejammer in der Szene groß, als die VAR-Technik in der zweiten Runde des DFB-Pokals aus Kostengründen fehlte und sich die Fehlentscheidungen türmten.
Es gab also reichlich Themen für die DFB-Topschiedsrichter während ihres Wintertrainingslagers im spanischen La Manga Anfang Januar. Mit dabei war auch Alex Feuerherdt, Sprecher der DFB Schiri GmbH. Im Sportschau-Interview zog er eine Bilanz: „Wir sind insgesamt recht zufrieden damit, wie die Hinrunde gelaufen ist. Bei den Feldentscheidungen der Schiedsrichter, insbesondere im Bereich Strafstöße, gab es Verbesserungen gegenüber der Vorsaison.“ Klar sei aber auch, dass es Fehler gebe, wo Menschen am Werk seien, sagte Feuerherdt. „Wir sind wirklich bemüht, das so gering wie möglich zu halten.“
Alex Feuerherdt, Leiter Kommunikation und Medienarbeit der DFB Schiri GmbH
Papierschnipsel stören Abseits-Technik
Probleme gab es auch mit der Technik. Feuerherdt räumte ein, dass die neu eingeführte halbautomatische Abseitserkennung „in einigen Situationen“ nicht ganz zuverlässig funktioniert habe. Beispielsweise hätten in St. Pauli Papierschnipsel auf dem Rasen „die Linien beeinträchtigt – und damit auch die halbautomatische Abseitstechnologie. In einem anderen Spiel sind Drähte vor Ort falsch zusammengesteckt worden.“
Wie oft die kamerabasierte Technik versagt hat und warum, werte man derzeit noch aus, sagte Feuerherdt. „In den weitaus meisten Fällen hat das System einwandfrei funktioniert.“ Und es habe dafür gesorgt, dass sich der Prüfprozess beim Abseits von 45 auf 23 Sekunden verringert habe. Zudem betonte der Schiedsrichter-Sprecher: Wenn die neue Technik ausfällt, können die Video-Assistenten immer noch auf herkömmliche Art eine Abseitslinie ziehen und eine Entscheidung fällen.
Konfetti gehört bei Heimspielen am Millertor dazu – auch wenn es die halb-automatische Abseitserkennung stört.
Große Aufregung um Wirtz-Treffer
Oft geht es dabei um Zentimeter – noch so ein Reizthema. Oder um „ein Haar, das im Abseits ist“, wie es Wolfsburgs Maximilian Arnold frustriert ausdrückte. Die Premier League in England geht einen anderen Weg und lässt einen Fünf-Zentimeter-Toleranzbereich zu. Doch auch das sorgt für Irritationen.
Am Dienstag beschwerte sich der FC Fulham bei der britischen Schiedsrichter-Organisation wegen des Treffers von Liverpools Florian Wirtz beim 2:2-Unentschieden am Sonntag. Der Schiedsrichter hatte zunächst auf Abseits entschieden, die TV-Bilder schienen ihm Recht zu geben. Dennoch griff der VAR ein und gab das Tor – eben wegen der Toleranzregel, die im Zweifel für den Angreifer ausgelegt wird.
Für Fulhams Teammanager Marco Silva eine Nervenprobe, jeder im Stadion habe das Abseits klar erkannt, schimpfte er. „Egal, wen Sie fragen würden: Alle, die den Fußball lieben, hätten dieselbe Meinung wie ich.“
Kircher gegen Toleranzregel
Knut Kircher, Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH, hält nichts von der Toleranzregel. „Ein Benachteiligter könnte sagen: Auch vier Zentimeter sind Abseits – das geht so nicht. Und damit hätte er recht“, sagte er dem Kicker. „Wir dürften das von uns aus also niemals einführen, sondern müssen die Technik so genau wie möglich nutzen.“
Deniz Undav stand am 14. Spieltag in Bremen nur hauchzart im Abseits – aber eben messbar. Das System erkannte die Abseits-Stellung korrekt.
Diesen Weg geht auch die FIFA bei der anstehenden WM 2026. Der Weltverband hat am Mittwoch bekanntgegeben, dass er alle Spieler der 48 Teilnehmerteams digital scannen will, um KI-gestützte 3D-Avatare zu erstellen. Dadurch soll die halbautomatische Abseitstechnik die Spieler auch bei schnellen und verdeckten Bewegungen verfolgen können. Gianni Infantino nennt das einen großen Fortschritt. Die Avatare „liefern tolle Bilder, schnellere Entscheidungen sowie ein besseres Verständnis“, wird der FIFA-Präsident zitiert.
IFAB diskutiert Abseitsregel
Infantino flirtet auch mit Arsene Wengers Idee, die Abseitsregel neu zu denken. Demnach würde ein Stürmer nur noch dann als abseits gelten, wenn er vollständig vor dem Verteidiger steht. Mit diesem Thema beschäftigen sich auch die Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) bei ihrer nächsten Versammlung am 20. Januar in London.
Stadiondurchsagen werden fortgeführt
In Deutschland sind die Schiedsrichter schon am Wochenende wieder gefordert, wenn die Bundesliga nach der Winterpause ihren 16. Spieltag austrägt – und zwar weiterhin nicht nur als Spielleiter, sondern auch als Präsentatoren. Seit Saisonbeginn verkünden sie in allen Stadien per Durchsage ihre Review-Entscheidungen.
Schiedsrichter Harm Osmers verkündet eine VAR-Entscheidung
Laut Feuerherdt habe es viele positive Rückmeldungen gegeben – von Schiedsrichtern und Fans. „Gerade bei etwas komplizierteren Entscheidungen und Eingriffen sind viele froh, wenn es im Stadion durchgesagt wird. Da sind wir natürlich gerne bereit, das entsprechend durchzuführen, auch wenn es damit einhergeht, dass das Jobprofil der Schiedsrichter noch anspruchsvoller geworden ist.“
Durchsagen auch im Trainingslager
Sicher ist sicher: Im Trainingslager in La Manga haben die Schiedsrichter auch die Durchsagen eingeübt – auf einem einsamen Trainingsplatz an der spanischen Küste. Die Praxis bietet eine ganz andere Herausforderung: Die Unparteiischen müssen mit Puls 160 zehntausenden Zuschauern erzählen, dass sie kurz zuvor eine Situation offenbar falsch beurteilt haben.
Die DFB-Schiedsrichter beim Trainingslager im spanischen La Manga
