Ob viele Meidericher zurückblicken und ungläubig den Kopf schütteln? Plötzlich war ihre Heimat deutschlandweit als Problemviertel bekannt, als Stadtteil in der Abwärtsspirale. Aus Furcht vor Überfällen haben Geschäftsleute im Herbst 2024 teilweise ihre Läden auf der Einkaufsstraße mit dem Einbruch der Dunkelheit geschlossen. Andere wollten für die Abende eine städtische Sicherheitseskorte zu ihren Autos und zur Sparkasse. Es gab Berichte über Gewalt, Überfälle, Diebstähle, Drogenhandel und illegale Prostitution. Dafür sollten meist Jugendbanden verantwortlich gewesen sein. Die örtliche Bezirksvertretung wollte auf Initiative der SPD sogar eine Messerverbotszone. Vergebens.

Die Von der Mark Straße in Duisburg Meiderich  am Abend des Montag, 9. Dezember 2024. In der Einkaufsstraße / Fußgängerzone gibt es eine Zunahme der Kriminalität, viele Geschäftsleute schließen ihre Geschäfte daher früher. Insgesamt gibt es ein Gefühl der Unsicherheit. Jugendliche hängen an der Bushaltestelle ab. Sie stellen einen Teil des Problems dar. *** Bitte pixeln*** Foto: Stefan Arend / FUNKE Foto Services

Die Polizei führte den Bereich um den Bahnhof Meiderich samt Von-der-Mark-Straße und Nebenstraßen als einen Kriminalitätsschwerpunkt, stellte im Frühjahr als eine Gegenmaßnahme für anderthalb Monate eine mobile Kamera-Anlage auf – die aber nur zwei Straftaten aufdeckte. Zuvor hatte die Kripo bereits eine berüchtigte Jugendbande von Einbrechern geschnappt.

Die Duisburger Polizei sieht den Bereich rund um die Von-der-Mark-Straße und den Bahnhof Meiderich als Kriminalitätsschwerpunkt. Im Februar 2025 hat sie für anderthalb Monate eine Polizeikamera aufgestellt, wie nach der Schießerei auf dem Hamborner Altmarkt oder den Halloween-Randalen in Hochfeld. (Archivbild)

Die Duisburger Polizei sieht den Bereich rund um die Von-der-Mark-Straße und den Bahnhof Meiderich als Kriminalitätsschwerpunkt. Im Februar 2025 hat sie für anderthalb Monate eine Polizeikamera aufgestellt, wie nach der Schießerei auf dem Hamborner Altmarkt oder den Halloween-Randalen in Hochfeld. (Archivbild)
© Funke Foto Services | Lars Fröhlich

Gewalt, Überfälle, Drogendeals und Diebstähle: Lage in Duisburg-Meiderich hat sich merklich gebessert

Doch wie ruhig ist es jetzt tatsächlich? „Die gesamte Situation hat sich deutlich entspannt, es ist definitiv ruhiger geworden“, sagt Heike Wiehe, die Vorsitzende des örtlichen Werberings. Zwar werde ab und zu immer noch in und vor den Läden geklaut, und auch ein Schaufenster gehe mal kaputt, „wie überall in einer Einkaufsstraße“. Doch die Lage habe sich „sehr verbessert“. So stark sogar, dass die zuletzt große Polizeipräsenz merklich weniger geworden sei. Bald solle zusätzlich der städtische Bezirksdienst seinen Dienst im Viertel aufnehmen.

Schlägersänger Eren Yantaki feiert mit Fans und Nachbarn in Duisburg-Meiderich den Sommer auf dem vollen Bahnhofsvorplatz.

Derzeit sind laut dem Werbering die „massivsten Probleme“ rund um die Von-der-Mark-Straße nicht länger Jugendbanden oder Rauschgifthändler, sondern undisziplinierte Elektrorollerfahrer und Fahrradfahrer in der Fußgängerzone. Außerdem „Autofahrer, die sich nicht an Regeln halten“.

Angst im Stadtteil übertrieben dargestellt? Schlechtes Image hat Unternehmer abgeschreckt

Ein anderes Problem sind die Leerstände. „Es ist schwierig, hier Unternehmen anzusiedeln“, hatte noch im Frühjahr die zuständige Citymanagerin Gianna Reich von der städtischen Wirtschaftsförderung DBI eingeräumt, als sie in einer Sitzung der Bezirksvertretung zu Gast war.

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Ein Faktor, weshalb Interessenten absprangen, sei das „schlechte Image“, das durch Fernsehberichte und Zeitungsartikel befeuert wurde. Zudem hatten längst nicht alle Gewerbetreibende Angst vor Überfällen; daher hatten sie sich bei der Citymanagerin beschwert, dass sie als Ladeninhaber und ihre Einkaufsstraße in den Medien „falsch dargestellt“ würden.

Doch die Trendwende in Meiderich ist jetzt zu spüren, wie Duisburgs Wirtschaftsförderer auf Anfrage unserer Redaktion bestätigen. Damit schätzen sie die Entwicklung ebenso positiv ein wie der Meidericher Bürgerverein und der Arbeitskreis Schule und Stadtteil (Aksus e.V.). Jedoch waren die beiden Vereine ohnehin weniger drastisch in ihrer Bewertung der Situation als seinerzeit SPD, CDU und das migrantische Wählerbündnis „Solidarität für Duisburg“, die sich gemeinsam für Polizeikameras und eine „messerfreie Zone“ eingesetzt hatten.

Wir haben den öffentlichen Raum für die Meidericher zurückerobert.

Udo Winkler, Vorsitzender der SPD Meiderich
Udo Winkler, Vorsitzender der SPD Meiderich und der SPD-Fraktion in der Bezirksvertretung

Aus Sicht von Meiderichs SPD-Vorsitzendem Udo Winkler waren die Forderungen nach drastischen Maßnahmen notwendig – und auch erfolgreich. „Die Polizei ist wirklich aktiv“, findet der Sozialdemokrat, und Jugendbanden, Überfälle oder illegale Prostitution seien kein Problem mehr. Mehr noch: Auf der Einkaufsstraße sei in Sicherheitsfragen „überhaupt kein gravierendes Thema mehr sichtbar“.

Daher zieht Winkler, der auch SPD-Fraktionschef in der Bezirksvertretung ist, eine durchweg positive Bilanz: „Wir haben den öffentlichen Raum für die Meidericher zurückerobert.“ Dabei blickt er nicht nur auf die Polizeistatistik, sondern bezieht auch das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen ein – darunter auch sein eigenes. „Ich fühle mich jetzt wohl und sicher“, betont er, und auch mit seinem Enkelkind bummelt er gerne in der Fußgängerzone. Für Jung, Alt und für Familien sei das Viertel wieder „sehr angenehm“.

„Wir haben keine einzige Lösung erreicht“ – Grüne wollen bessere Jugendhilfe

Anders bewerten die örtlichen Grünen die Aufregung um die Von-der-Mark-Straße. Die Situation sei längst nicht so dramatisch gewesen wie andere Parteien sie haben erscheinen lassen. Mit dieser Meinung stehen die Grünen nicht alleine; so hatte bereits im Januar 2025 der Bezirkspolizist Julian Korf geäußert, dass die Lage in den Diskussionen und Medienberichten „deutlich schlimmer“ dargestellt werde, als sie wirklich sei.

Wir haben keine einzige Lösung erreicht.

Ratsfrau Pelin Osman (Grüne)
Pelin Osman, Ratsfrau von Bündnis 90/Die Grünen

„Ich habe mich hier immer sicher gefühlt“, betont jetzt die Ratsfrau Pelin Osman (Grüne), die im Viertel lebt. Forderungen nach einer Messerverbotszone oder dass das strafmündige Alter auf zwölf Jahre herabgesetzt werden müsse, hat sie stets als überzogen kritisiert.

„Wir haben keine einzige Lösung erreicht“, sagt die Meidericherin, für die die bisherigen Diskussionen mit Fokus auf „Law and Order“ zu eng sind. Bislang sei lediglich an Symptomen herumgedoktert worden, jetzt müsse es um nachhaltige Lösungen gehen und um Prävention. „Es gibt hier zu wenig Angebote für Jugendliche“, so Osman. Dort und bei der Jugendhilfe wollen die Grünen nun ansetzen; außerdem wollen sie, dass bestehende Anlaufstellen wie der Verein Livingroom am Busbahnhof oder das Sterntalerhaus vom Jugendrotkreuz besser finanziell unterstützt werden.

Leerstände bleiben ein Problem – „Wir suchen händeringend nach vernünftigen Geschäftsideen“

Ein Problem abseits von Ordnung und Sicherheit nehmen sich Heike Wiehe und ihr Werbering nun wieder zur Hauptaufgabe: die Leerstände. „Wir suchen händeringend nach vernünftigen Geschäftsideen“, damit Neuansiedlungen „nicht nach einem halben Jahr wieder weg sind“. Zuletzt habe es viel Fluktuation gegeben.

Leerstände wie die aufgegebene Rossmann-Filiale bleiben ein Problem in der Fußgängerzone und laut der Polizei verringern sie das Sicherheitsgefühl. (Archivfoto)

Leerstände wie die aufgegebene Rossmann-Filiale bleiben ein Problem in der Fußgängerzone und laut der Polizei verringern sie das Sicherheitsgefühl. (Archivfoto)
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„Ein paar Krimskramsläden sind schon wieder geschlossen, und selbst die Automatenkioske sind zu“, ordnet die Vorsitzende des Werberings ein. Zusätzlich hat der neue Dönerladen am Busbahnhof, ein Imbiss der Poldolski-Kette „Mangal Döner“, die Meidericher Basarstraße nicht merklich beleben können.

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Nach langfristigen Mietern mit guten Konzepten suchen ebenfalls alteingesessene Immobilieneigentümer wie Werner Dehnen. Für schöne Fachgeschäfte komme er, ebenso wie manch andere Hausbesitzer, den Interessenten durchaus bei der Miete entgegen.

Von der eingekehrten Ruhe auf der Von-der-Mark-Straße erhofft er sich Freiraum für neue Impulse. Und damit ist er natürlich nicht allein.

Weiterhin ein Kriminalitätsschwerpunkt

Den Bereich um die Von-der-Mark-Straße und den Bahnhof Meiderich führt die Polizei weiterhin als Kriminalitätsschwerpunkt. Konkrete Zahlen nennt die Behörde noch nicht, doch die Anzahl der Straftaten aus den Jahren 2024 und 2025 seien „auf einem ähnlichen Niveau“. Wobei in den Sommerferien die Straftaten anzogen; das ist ein Hinweis auf Jugendkriminalität.

Dennoch habe sich die Lage dort „insgesamt stabilisiert“, teilen die Bezirkspolizisten mit und verweisen auf Gespräche mit Kaufleuten, Kunden und Anwohnern. Jedoch seien diese verunsichert durch die dunkle Jahreszeit sowie die leerstehenden und geschlossenen Ladenlokale. Mit der Polizeipräsenz seien die Bürgerinnen und Bürger aber zufrieden.

„Hinweise und Sorgen aus Meiderich nehmen wir sehr ernst“, bekräftigt Polizeisprecherin Julia Tekock. „Wir packen dort an, wo es notwendig ist, und sind aktiv.“ Dazu gehören etwa verstärkte Polizeipräsenz, Schwerpunkteinsätze, mobile Polizeikameras und die Gewaltprävention an Schulen.