Dass Berlins Regierender Bürgermeister zurücktritt, der lieber Tennis spielt, als nachzusehen, wie es Zehntausenden in eisiger Kälte ohne Strom geht, ist unwahrscheinlich. Weil Kai Wegner über seine Freizeitepisode zudem die Unwahrheit gesagt hat, empört er viele Berliner und alle Berliner Parteien, außer der Hauptstadt-CDU.

Schon kurz nach dem politisch motivierten Anschlag auf das Stromnetz war der Eindruck entstanden, Wegner sei nicht präsent – weder am Tatort noch in den abgedunkelten Wohnvierteln in Wannsee oder Lichterfelde.

Giffey zeigte, dass es anders geht

Auf Nachfragen zu seinem Tagesablauf am ersten Krisentag antwortete Wegner genervt: „Ich war zu Hause, habe mich in meinem Büro zu Hause eingeschlossen im wahrsten Sinne und habe dann koordiniert.“ Er sei „den ganzen Tag am Telefon“ gewesen. Wegner hatte immerhin seit acht Uhr gearbeitet. Und in manchen Gegenden Berlins scheinen bereits vier Stunden Arbeit so fordernd zu sein, dass man danach für ein, zwei Stunden „den Kopf frei bekommen“ muss und zum Tennis fährt.

Wegner war also auf dem Platz, aber nicht da, wo es den Leuten schummrig wurde. Dass es anders ging, bewies seine Vorgängerin Franziska Giffey, politisch aufgewachsen und gestählt in Neukölln. Dort gelte, so die Sozialdemokratin: „Die Mutter der Kommunalpolitik ist die Anschauung vor Ort.“

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Dort, also am Schlachtensee oder in der Plattenbauten der Thermometersiedlung, konnte man viel lernen – über Berlin und darüber, wie viel Arbeit noch nötig ist, um Deutschland besser gegen Angriffe auf seine Bürger und deren zivile Infrastruktur zu schützen. In manchen Altersheimen passierte nach dem Stromanschlag wenig, weil ein gut gewarteter Dieselgenerator sofort den fehlenden Strom ersetzte.

Die Angebote für beheizte Schlafplätze waren größer als der Bedarf

Anderswo gingen alle Lichter aus, obgleich auf den Dächern alles voller Solarpaneele war. Am hellsten waren die Straßen dort, wo noch ein paar alte Berliner Gaslaternen stehen. Und warm, auch im Zwischenmenschlichen, war es überall dort, wo Nachbarn, Gemeinden, Vereine einander geholfen haben. Am Ende waren die Listen für beheizte Schlafplätze viel länger als der Bedarf. Und als am dritten Tag die Bundeswehr mit einer Suppenküche anrückte, waren die meisten längst versorgt, nicht zuletzt in der evangelischen Emmaus-Kirche mit deren freiwilligen Helfern.

Auch anderswo müssen Länder und Kommunen lernen, bei mittleren Kata­strophen wieder ohne die Bundeswehr auszukommen. Vor allem wenn es um ein paar Tausend Liter Diesel für Generatoren geht, die nicht vom Logistikbataillon aus Beelitz angekarrt werden müssen. Das war eher eine Showfahrt für den Regierenden Tennisspieler. Abseits davon zeigte sich: Berlin hält zusammen, wenn’s brenzlig wird. Ganz entgegen dem Klischee, die Stadt sei Metropole der Eigensucht und Selbstwirksamkeit.

Natürlich waren nicht alle zufrieden. Doch insgesamt ist vieles gut gelaufen. Das Technische Hilfswerk rackert dort ebenso sachkundig und engagiert wie in Bayern oder Sachsen, und die Berliner Feuerwehr sorgte mit großem Überblick und Durchhaltevermögen etwa dafür, dass Pflegepatienten rasch verlegt wurden.

Und die Polizei trat überzeugend den wenigen Versuchen entgegen, das Dunkel für Straftaten zu nutzen. Der Satz „Berlin kann Krise“ gilt jedenfalls in vielerlei Hinsicht und vor allem, wenn es um die Berliner geht. Ihren Regierenden Bürgermeister vielleicht ausgenommen.