Deutschland gleicht seit Tagen einer Gefriertruhe, teils herrschen zweistellige Minusgrade – und vorerst bleibt es in weiten Teilen der Republik wohl kalt. Doch nicht nur das Thermometer sinkt vielerorts rapide, sondern auch die Füllstände der deutschen Gasspeicher.

Bei gerade noch 50,5 Prozent lagen die deutschen Gasreserven am Freitag und damit deutlich unter dem Durchschnitt in der EU (57 Prozent). Von einem „historischen Tiefstand“ zu dieser Jahreszeit ist in der Branche die Rede, Anfang 2025 waren die Speicher noch zu 77 Prozent gefüllt gewesen. Dabei kann der Winter und damit die Zeit der hohen Gasverbräuche noch länger anhalten. Droht Deutschland im dritten Winter ohne russisches Gas nun doch noch eine Mangellage?

Es gibt keinen Grund zur Panik, aber zur Sorge.

Michael Kellner,
energiepolitischer Sprecher der Grünen

Dafür sehen Experten und Politik bislang keine akute Gefahr. „Es gibt keinen Grund zur Panik, aber zur Sorge“, sagt etwa der energiepolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Michael Kellner. Unter Robert Habeck war der Brandenburger parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium gewesen und hat die Gaskrise im Winter 2022/23 hautnah miterlebt.

So verwundbar wie damals, als Deutschland mehr als 55 Prozent seines Erdgases aus Russland bezog, sei das Land nicht mehr. Trotzdem könne sich die Situation zuspitzen, wenn es auch im Februar und März flächendeckend kalt bleibe. „Wir sollten nicht vom Wetter abhängig sein“, sagt Kellner dem Tagesspiegel.

Tatsächlich sind es aber auch Regeln, die unter Habeck eingeführt wurden, die zur aktuellen Situation führen. Denn seit die Speicherbetreiber gesetzlich verpflichtet sind, ihre Anlagen im Sommer zum Großteil zu füllen, sind die Gaspreise in den warmen Monaten nicht mehr so tief gesunken wie in den Vorjahren.

Damit steht das Geschäftsmodell der Gas-Großhändler unter Druck. Die kaufen eigentlich im Sommer billig Gas ein, speichern es, um es dann im Winter gewinnbringend zu verkaufen. Je höher aber der Gaspreis im Sommer, desto weniger lohnt sich das Befüllen der Speicher. 

Das ist auch der Hintergrund für Anträge bei der Bundesnetzagentur auf die Stilllegungen von zwei Speichern in Bayern, darunter einer von Uniper – aber erst zum Frühjahr 2027. Unter den aktuellen Voraussetzungen sei ein wirtschaftlich tragfähiger Speicherbetrieb langfristig nicht darstellbar, so Uniper. Auch um den größten deutschen Gasspeicher in Rehden, der aktuell nur zu 13 Prozent befüllt ist, halten sich Stilllegungs-Gerüchte.

Der Erdgasspeicher in Rehden fühlt sich nur langsam. Er ist der größte in Deutschland. Größter deutscher Gasspeicher. Der Erdgasspeicher in Rehden ist kaum befüllt.

© Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Eine Sprecherin von Uniper will daher auch keine Versorgungsgarantie abgeben. „Die Versorgungssicherheit mit Erdgas ist aktuell gewährleistet, aber nicht garantiert“, sagte sie und machte dafür auch die fehlenden wirtschaftlichen Anreize verantwortlich. „Bei einem langen, kalten Winter oder geopolitischen Störungen könnten bei niedrigen Speicherfüllständen Engpässe entstehen.“ 

„Es braucht mehr Regeln, wie wir mit den Gasspeichern umgehen, auch eine strategische Gasreserve sollte die Bundesregierung prüfen“, sagt daher Grünen-Politiker Kellner.

LNG-Terminals entspannen die Lage

Dass Experten dennoch relativ entspannt auf die Lage blicken, liegt vor allem daran, dass die Speicher für die deutsche Gasversorgung nicht mehr ganz so wichtig sind. „Die inzwischen gut ausgebaute LNG-Infrastruktur in Deutschland und Europa ermöglicht neben der bestehenden und sicheren Hauptversorgung durch norwegisches Pipelinegas die notwendigen Importe nach Deutschland“, teilte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums mit.

16

Prozent des deutschen Gasbedarfs können über die LNG-Terminals gedeckt werden.

Tatsächlich können die vier deutschen Terminals für Flüssigerdgas (LNG) im Winter rund 16 Prozent der Nachfrage in Deutschland decken. Die Terminals gewährleisteten das ganze Jahr über eine sehr flexible Möglichkeit, Gas zu importieren. Michael Kellner verteidigt daher auch die Anlagen, die aus seiner Partei in der Vergangenheit kritisiert worden waren. „In Zeiten, in denen Pipelines und Stromleitungen angegriffen werden, sind gewisse Überkapazitäten für die Gasversorgung notwendig.“

Keinen Grund zur Sorge sieht auch der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Armand Zorn: „Auf dem Gasmarkt sind derzeit keine Knappheiten zu beobachten – der Gaspreis ist zwar leicht steigend, aber aktuell nur etwa halb so hoch wie vor einem Jahr. Die deutschen Importwege über Norwegen, die Niederlande und LNG-Tanker sind robust und stabil“, sagte er dem Tagesspiegel. Die Bürger könnten sich darauf verlassen, dass ihre Wohnung bei jedem Winterwetter warm bleiben.

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Mit etwas mehr Sorge blickt der Vorstandsvorsitzende des Oldenburger Energieversorgers EWE, Stefan Dohler, auf die aktuellen Füllstände. „Ich möchte keinen Alarm schlagen, aber trotzdem darauf hinweisen, dass die Füllstandssituation heute so schlecht ist, wie sie es Anfang 2022 war“, sagte Dohler.

Würden sich die Gasspeicher in den nächsten drei Monaten mit dem gleichen Tempo wie vor einem Jahr leeren, wären die Speicher Ende März noch zu 5 Prozent gefüllt, rechnet Dohler vor. „Das wäre ziemlich wenig.“ (mit dpa)