Bild des Tatverdächtigen, der vor einem Bildschirm sitzt.

AUDIO: „White Tiger“-Prozess startet: Chronologie des Falles (2 Min)

Stand: 09.01.2026 15:24 Uhr

In Hamburg hat der Prozess gegen einen 21-jährigen mutmaßlichen Pädokriminellen begonnen. Er soll unter dem Pseudonym „White Tiger“ Kinder und Jugendliche via Internet zu schweren Selbstverletzungen, Suizidversuchen und in einem Fall auch zum Suizid überredet haben. Die Chronologie des schockierenden Falls.

von Kathrin Erdmann, Elke Spanner und Ole-Jonathan Gömmel

Insgesamt werden „White Tiger“ mehr als 200 Straftaten zur Last gelegt. Was den Fall abgesehen von der Grausamkeit besonders macht: Zwischen den ersten Meldungen und der Festnahme vergingen Jahre.

Inhaltswarnung

Der folgende Artikel enthält detaillierte Schilderungen von sexualisierter Gewalt, Suizid und einem Tötungsdelikt. Die Inhalte können besonders für empfindsame oder traumatisierte Personen belastend sein. Vom Weiterlesen raten wir in diesem Fall ab.

Erste Hinweise

Am 7. Juli 2021 informiert das US-amerikanische „National Center for Missing and Exploited Children“ (NCMEC) das Bundeskriminalamt über Hinweise zu jugendpornografischen Aufnahmen auf diversen Internetplattformen. In Deutschland gehen nach Expertenschätzungen 80 Prozent der Verfahren bezüglich Kinderpornografie auf das NCMEC zurück, das sich mit dem Schutz von vermissten und ausgebeuteten Kindern befasst.

Ulrike Minar vom Kinderschutzbund Hamburg e.V.

Sie sagte auf NDR Info, starke Verhaltensänderungen von Kinder seien mögliche Warnsignale. In Hamburg beginnt der Prozess gegen einen mutmaßlichen Pädokriminellen.

Ein Hamburger Teenager im Fokus

Die Spur führt nach Hamburg – zum damals 16-jährigen Shahriar J., der sich im Internet „White Tiger“ nennt. Vier Monate nach dem Hinweis der US-Organisation erscheint der Teenager mit seiner Mutter bei der Polizei in Hamburg. Er wird vernommen, sein Handy gecheckt. Weil es sich jedoch nur um wenig Material gehandelt habe, der heutige Angeklagte geständig war und aus intakten Familienverhältnissen kam, kommt er auf freien Fuß. So heißt es später in der Antwort auf eine kleine Bürgerschaftsanfrage im Hamburger Senat.

Gruppe „764“: Horror mit System

Was ebenso nicht größere Beachtung findet: Der Hinweis der Amerikaner, dass der junge Deutsch-Iraner unter anderem zur Gruppe „764“ gehört. Laut LKA handelt es sich bei der Gruppe um ein extrem abgeschottetes Online-Netzwerk mit sadistischen, satanistischen, menschenverachtenden und pädosexuellen Inhalten. Je mehr körperliches Leid sich die meist psychisch labilen jungen Opfer zufügen, umso höher das Ansehen eines Mitglieds. „White Tiger“ soll weit oben gestanden haben.

Die Gruppe sei international aktiv gewesen und nutzte Messengerdienste wie Discord, Telegram, Instagram und Facebook. Hier tauschten sich die Täter über Strategien, Drohkulissen und technische Tools aus. In den USA ist die Gruppierung bereits als terroristische Vereinigung eingestuft. Der 15 Jahre alte Gründer wurde laut Staatsanwaltschaft in seinem Heimatland zu einer Freiheitsstrafe von 80 Jahren verurteilt.

Svea Eckert steht vor einem Schreibtisch auf dem ein Monitor steht.

TikTokerin Verena und ein hinterbliebener Vater warnen vor dem Netzwerk. Informationen zu den Ermittlungen von Svea Eckert.

Suizid vor laufender Kamera

Zum wohl schockierenden Höhepunkt von „White Tigers“ Taten kommt es am 17. Januar 2022: An diesem Tag erhängt sich in einer US-amerikanischen Kleinstadt der 13-jährige Jay T. vor laufender Kamera. „White Tiger“ soll ihn gezielt manipuliert, angestiftet – und den Todeskampf des Teenagers live auf seinem Smartphone mitverfolgt haben – all das, während er shoppen war.

Zugriff nach FBI-Druck

Im Februar 2023 taucht das FBI schließlich in Hamburg auf und macht die Behörden auf die Dringlichkeit des Falls aufmerksam. Die Polizei überwacht daraufhin „White Tigers“ Telefon- und Internetanschluss. Sieben Monate später, im September desselben Jahres, durchsuchen die Beamten dann eine Penthousewohnung eines Mehrfamilienhauses im Stadtteil Hamburg-Marienthal. Der Vater des mutmaßlichen Täters soll es gebaut haben.

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Im Interview warnt LKA-Präventionsexpertin Xenia Schmidt-Esse eindringlich vor der realen Gefahr für Kinder durch Online-Gewalt und sexuellen Missbrauch – und erklärt, warum Eltern und Schulen dringend handeln müssen.

Laut Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich soll der Beschuldigte hier gelebt haben. Nach dem Abitur an einer Schule in Winterhude habe er ein Medizinstudium an einer Hamburger Privatuni begonnen, kaum Sozialkontakte gehabt – dafür jedoch stundenlang am Rechner gesessen, heißt es. Zum Ende der Durchsuchungen stellt die Polizei neben Tierleichen insgesamt 13 Terabyte Material sicher – rund 80.000 Bilder und mehr als 120 Stunden Videomaterial.

„Ein unvorstellbares Maß an Verrohung und Unmenschlichkeit“

In den Monaten danach bekommen die Hamburger Ermittler langsam einen Eindruck über die Fülle und die Grausamkeit des Materials – es werden Kinder und Haustiere bestialisch gequält und missbraucht. Die Herausforderung besteht darin, zu beweisen, dass der mutmaßliche Täter seine Opfer so manipuliert hat, dass sie nicht mehr klar denken konnten und zu seinem Werkzeug wurden. Insgesamt sind 22 Ermittler und Ermittlerinnen sowie vier Staatsanwälte an der Aufklärung beteiligt.

Bild des Tatverdächtigen, der vor einem Bildschirm sitzt.

Der 21-Jährige aus Hamburg soll Kinder zu Suizid und Selbstverletzungen gebracht haben. Vor dem Prozessbeginn wurde er verprügelt.

Die Zeit vergeht, im Juni 2025 wird „White Tiger“ schließlich festgenommen – fast vier Jahre nach dem ersten Hinweis aus den USA. „Das sind Abgründe, die nur schwer auszuhalten sind“, sagt der Hamburger Polizeipräsident Falk Schnabel damals. Die Taten würden ein unvorstellbares Maß an Verrohung und Unmenschlichkeit zeigen. Einige Ermittelnde mussten psychologisch betreut werden.

Ein Prozess, auf den die Welt blicken wird

Im Herbst 2025 erhebt die Hamburger Staatsanwaltschaft Anklage. Die mutmaßlichen Opfer kommen unter anderem aus England, Kanada, den USA und Deutschland. Über 30 Kinder und Jugendliche soll „White Tiger“ zu sexuellen und selbstverletzenden Handlungen getrieben haben.

Zwei Bilder, auf dem Einritzungen in der Haut zu sehen sind. Schriftzug: "White tiger." Quelle: Polizei Hamburg

Das damals 11-jährige Mädchen aus Finnland soll von ihm im Internet zu schwersten Selbstverletzungen getrieben worden sein.

Laut einer Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft gelte es nun zu beweisen, dass der mutmaßliche Täter über die „Defekte“ seiner Opfer wusste und sie bewusst als Werkzeug einsetzte. „Entweder ist das eine akute psychische Störung oder eine fehlende Einsichts- und Verstandesreife bei eben ganz jungen Kindern. Und so war es eben hier, wo wir es mit psychisch sehr labilen Kindern zu tun hatten.“

Das Gericht hat schon jetzt 82 Verhandlungstage bis Mitte Dezember angesetzt. Sollte der 21-Jährige tatsächlich am Ende wegen Mordes verurteilt werden, droht ihm eine Höchststrafe von zehn Jahren Haft – er war bei den meisten Taten noch minderjährig. Verteidigerin Christiane Yüksel geht allerdings davon aus, dass es nicht zur Höchststrafe kommen wird. Sie kündigte an, dass sich der Angeklagte schweigend verteidigen wird. Das heißt: er wird nichts zu den schweren Vorwürfen sagen.

Hilfe bei Suizid-Gedanken

Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner.

Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de

Telefonberatung für Kinder und Jugendliche: 116 111 – www.nummergegenkummer.de

Die Schülerinnen und Schüler Frederik, Thea, Jil, Lea und Lotta aus Hamburg.

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Laut einer Studie hat jeder Vierte zwischen acht und 17 Jahren schon Cybergrooming erfahren. Was Berater aus SH empfehlen.

Blick auf den Eingang des Hamburger Polizeipräsidiums.

Der 20-Jährige soll Kinder im Internet dazu gebracht haben, sich selbst weh zu tun – bis hin zum Suizid. Jetzt kommt heraus, dass er schon 2021 zur Hamburger Polizei musste.

NDR Autorin Lia Gavi

Was könnt ihr tun, wenn euch Leute in einem Online-Chat belästigen? Reporterin Lia Gavi hat hilfreiche Tipps.