Aus russischer Sicht ist das US-Vorgehen im Atlantik demütigend, weil es Moskau schwach aussehen lässt. Obendrein erhöht das Vorgehen gegen Putins Schattenflotte den finanziellen Druck auf den Kreml, der den Krieg gegen die Ukraine größtenteils durch den Schmuggel von Öl vorbei an westlichen Sanktionen finanziert. Der Angriff mit einer potenziellen Nuklearwaffe in der Nähe eines Nato-Landes dürfte aus russischer Sicht eine Warnung und ein Signal der Stärke an den Westen schicken, sich nicht weiter in den Ukraine-Krieg einzumischen.

Ob der Kreml sein Ziel mit dem Oreschnik-Einsatz erreicht, erscheint allerdings zweifelhaft. Die Staats- und Regierungschefs von Großbritannien, Frankreich und Deutschland verurteilten den Angriff als „eskalierend und inakzeptabel“. Die Bundesregierung hatte den Angriff zuvor bereits „aufs Schärfste“ verurteilt. Kanzler Friedrich Merz (CDU) will den finanziellen Druck auf Russland nun noch einmal erhöhen.

Kurz vor seiner Indien-Reise forderte Merz das südasiatische Land am Freitag auf, die Käufe von Gas und Öl aus Russland zu reduzieren. „Die Bundesregierung wirkt ebenso wie die EU darauf hin, dass die indische Regierung die Umgehung von gegen Russland gerichteten Sanktionen durch indische Unternehmen unterbindet sowie die Energieimporte aus Russland nach Indien auch reduziert werden“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer. Auch die USA fordern von Indien, den Kauf russischen Öls zu beschränken. Der Oreschnik-Einsatz könnte für Putin also zum Boomerang werden.

Die konkreten Schäden waren nach dem nächtlichen Großangriff auf Kiew deutlich verheerender als der Oreschnik-Einschlag in Lwiw. Nach Angaben von Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko fielen in etwa der Hälfte aller Wohnblöcke in der Hauptstadt die Heizungen aus – bei Temperaturen bis minus 17 Grad. Betroffen seien rund 6.000 Gebäude, teilte Klitschko mit. Auch bei der Wasserversorgung gibt es demnach Probleme.

Klitschko rief die Bewohner dazu auf, die ukrainische Hauptstadt vorläufig zu verlassen, wenn sie außerhalb von Kiew über andere Möglichkeiten zum Bezug von Strom und eine warme Unterbringung verfügen. Wegen der anhaltenden Winterwitterung stufte der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU die Angriffe auf die kritische Infrastruktur der Ukraine als Kriegsverbrechen ein.