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Einige Angestellte arbeiten in einem Job, der sie auslaugt. Eine Psychologin erklärt, auf welche Warnhinweise Arbeitgeber achten sollten.
Berlin – „Du gehst jeden Tag zur Arbeit, hältst alle Fristen und Termine ein … aber innerlich fällst du auseinander.“ So wird das Phänomen „Quiet Cracking“ auf Social Media beschrieben. Der Begriff bedeutet auf Deutsch „stilles Zerbrechen“ und beschreibt den Zustand, wenn Angestellte weniger Motivation und Kreativität bei ihrer Arbeit empfinden und ihre mentale Gesundheit leidet. Die US-amerikanische Content Creatorin Jess Ramos schildert die Lage vieler Beschäftigter: „Du hast das Gefühl, in deinem Job nicht weiterzukommen und hast Angst, gekündigt zu werden. Gleichzeitig willst du in dieser Wirtschaftslage nicht selbst kündigen – also leidest du im Stillen.“
Viele Angestellte suchen bei Erschöpfung die Ursache bei sich. Oft geht das Problem allerdings tiefer. (Symbolbild) © IMAGO / YAY Images
Viele Menschen bestätigen die Beschreibung. „Oh ja. Viele Kollegen melden sich öfter krank. Ihre Leistung ist oberflächlich okay, aber sie haben es schwer“, kommentiert jemand auf Instagram. Und eine weitere Person schreibt: „Ich bin in meinem letzten Job ‚still zerbrochen‘. Ich habe deswegen unbezahlten Urlaub beantragt und das wurde mir verweigert. Am Ende musste ich also doch kündigen.“ Wo liegen die Unterschiede zwischen „Quiet Cracking“ und einem Burnout? Und sind Arbeitnehmer in Deutschland ebenfalls von diesem Phänomen betroffen?
Arbeitspsychologin: Quiet Cracking hat große Überschneidung mit Burnout
„Quiet Cracking ist auch in Deutschland ein Thema. Wir erleben, dass Personen erschöpft sind und die Motivation sinkt“, sagt Laura Venz, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Quiet Cracking passiere, wenn die Arbeit so stark belaste, dass Folgen wie Erschöpfung, Demotivation und Disengagement entstünden. Für viele klingt das nach typischen Burnout-Symptomen – und das stimmt auch: „Quiet Cracking ist im Grunde Burnout“, sagt Venz.
Die beiden Phänomene unterschieden sich nur darin, dass Burnout als ein Zustand gelte, der erst sichtbar vorhanden sei. Doch „niemand geht abends fit ins Bett und wacht morgen mit Burnout auf“, sagt die Psychologin. Quiet Cracking könne man also als schleichenden Prozess bezeichnen, der zu einem späteren sichtbaren Burnout führe.
Auch, wenn sich das Phänomen Quiet Cracking kaum vom Burnout unterscheide, könnten solche Begriffe Menschen helfen, „mehr auf die Prozesse zu schauen und nicht erst auf den Zusammenbruch“. Gleichzeitig bestehe eine „Gefahr“: Immer neue Begriffe könnten dazu führen, dass sie „keiner mehr auseinanderhalten kann. Das kann die Ernsthaftigkeit des Problems abschwächen.“
Psychologin: Menschen werden für ihre Situation zu stark verantwortlich gemacht
Einige Burnout-Warnsignale seien unter anderem Konzentrationsschwäche, fehlende Kraft für Beziehungen, Zynismus und Rückzug – „Kontakte mit Kolleginnen und Kollegen werden weniger“. Es bedeute allerdings nicht, dass plötzlich die Leistung abfalle. Oft bliebe das Leistungsniveau objektiv erhalten, subjektiv empfinden Betroffene aber, weniger oder keine Leistung mehr zu erbringen. Venz fordert mehr Verantwortung von den Arbeitgebern. „Zu viel Arbeit über längere Zeit, fehlende Wertschätzung und Konflikte im Team“ können schädlich sein.
Ein großes Problem sei laut Venz, dass die Situation am Arbeitsplatz zu wenig beachtet und zu stark individualisiert werde. Angebote vom Arbeitgeber wie Stress- oder Zeitmanagement seien sinnvoll, griffen aber zu kurz, wenn die Arbeitsbedingungen nicht verändert würden. Den Beschäftigten sollten Trainings, Bildungsurlaube und Fortbildungen ermöglicht werden – auch solche, die gesundheitsbezogen sind. „Man kann Menschen nicht endlos optimieren, wenn die Belastung zu hoch ist oder das soziale Gefüge nicht funktioniert. Primär muss die Situation verbessert werden, sekundär kann die Person gestärkt werden.“ (Quellen: Instagram, eigene Recherche)