Im Fotostudio von Lucie Michaelis werden keine Bewerbungsbilder geschossen, keine Porträts, keine Babyfotos oder Verlobungsbilder. Stattdessen steht in der Mitte des Raumes ein Bett. Daneben warten auf einer schwer beladenen Kleiderstange die Outfits, die Lucie Michaelis’ Kundinnen für ihre Fotos tragen können: Feine BHs aus dunkler Spitze, mit samtigen Bändern oder silbrigen Ketten. Knallrote Dessous, Korsetts und Ledergurte, auch durchsichtige Einteiler aus Netzstoff mit Strasssteinchen bestickt, Schleier oder Perlenschmuck.

Wer sich im Fotostudio am Rande des Leonberger Ortsteils Eltingen fotografieren lässt, wird leicht bekleidet sein. Denn Lucie Michaelis hat sich auf sogenannte Boudoir-Fotografie spezialisiert. Boudoir, das ist eigentlich ein französisches Wort. Es beschreibt einen kleinen, eleganten Raum, in den sich einst die Dame des Hauses zurückziehen konnte. Heute versteht man unter dem Begriff vor allem jene Sparte der Fotografie, die einen Blick in dieses sprichwörtliche Ankleidezimmer wirft – mit erotischen Bildern, meist von Frauen in schöner Unterwäsche.

Boudoir-Fotografin: „Sexualität ist das Natürlichste der Welt“

Für Lucie Michaelis ist diese Art der Fotografie „Selbstbewusst, sinnlich, natürlich“. Ihre Kundinnen möchte sie mit einem Fotoshooting nämlich vor allem ermutigen, zu ihrer Sexualität zu stehen. „Sexualität ist das Natürlichste der Welt“, betont sie. Und: Jeder habe sie, und jeder sei dazu fähig. So selbstbewusst und sexy aussehen wie Frauen auf Social Media? Können alle, sagt die 42-Jährige überzeugt. „Ich kriege solche Bilder mit jeder Frau hin“, ist sich Michaelis sicher. Mit der Kleidergröße habe das wenig zu tun. „Es ist egal, ob meine Kundinnen XS oder XL tragen. Das kommt von innen.“

Wer zu ihr ins Leonberger Studio macht, kommt meist für sich selbst. Das ist Lucia Michaelis so wichtig, dass man einen Termin bei ihr nur nach einem Telefonat zum Kennenlernen bekommt. „Ich will wissen: Warum willst du das machen?“, erklärt sie. Dabei geht es auch um die Abgrenzung zur Pornografie. Manche wollten die Bilder zwar auch dem Partner oder der Partnerin schenken. Aber alle kommen eben vor allem, weil sie es selbst wollen. Und: „Um ihr Selbstbewusstsein wieder zu finden“, so Michaelis.

Beim Boudoir-Shooting müssen sich die Frauen fallen lassen

Manch eine Kundin fährt dafür auch mal aus anderen Bundesländern zu ihr nach Leonberg. Einen ganzen Tag Zeit nimmt sich Michaelis dann, es gibt ein professionelles Styling, dann geht es an die Fotos. Keine Massenabfertigung. „Es sind hat keine Bewerbungsbilder“, sagt die 42-Jährige. „Dadurch, dass es ein verletzliches Thema ist, kann man nicht ‚schnell-schnell’ machen.“ Sorgfältig werden die Frauen beim Shooting angeleitet, posieren auf dem Bett, Sofa, Teppich, vor dem Spiegel, am Fenster.

Klar ist: Dabei müssen auch die Hüllen fallen, im buchstäblichen, aber auch im übertragenen Sinne. „Man muss sich darauf einlassen“, sagt die Leonberger Fotografin. Und sich eben auch mal nackter machen, als man es gewohnt ist. „Du brauchst im Hemd keine Boudoir-Bilder machen“, findet Lucie Michaelis. „Ich will keine braven Bilder. Wenn schon, denn schon.“

Lucie Michaelis ist Fotografin – und Freundin für einen Tag

Für ihre Kundinnen ist Lucie Michaelis bei einem Termin nicht nur Fotografin, sondern auch Freundin, vielleicht sogar Kurzzeittherapeutin. Viel geredet wird, vorab, beim Styling, beim Fotos machen. „Ich will die Frauen verstehen“, erklärt Michaelis. „Die Geschichten von manchen sind einfach krass.“

Lucie Michaelis hat eine große Auswahl an sinnlichen Outfits parat. Foto: Simon Granville

Einige würden von toxischen Beziehungen berichten, aus einer zerbrochenen Partnerschaft kommen, sie wollten wieder zu sich finden. „Unsere Gesellschaft redet Frauen viel zu oft ein, sie sind nicht gut genug“, findet die gebürtige Tschechin. „Das ist furchtbar. Wir müssten da viel mehr drüber reden.“

Frauen sind wunderschön – und wissen das oft gar nicht.

Lucie Michaelis, Boudoir-Fotografin aus Leonberg

Ist das Fotoshooting vorbei, setzen sich Kundin und Fotografin zusammen und sichten alle Bilder. „Manche weinen dann“, sagt Michaelis. Vor Glück – weil sie dann sehen, was in ihnen steckt. Auf ihrem Instagram-Profil sammelt die Leonberger Fotografin Testimonials von zufriedenen Frauen. „Das gibt mir Bestätigung“, sagt Michaelis. Für ihre Boudoir-Bilder hat sie jüngst auch einen Preis bekommen, sogar doppelt: Beim „Luminar Award“ hat sie in der Kategorie „Boudoir“ Gold und Bronze geholt.

In ihrem Eltinger Studio ist die gebürtige Tschechin inzwischen seit knapp zwei Jahren zuhause. Bevor sie 2019 mit der Karriere als Fotografin startete, war sie zwölf Jahre lang Tanzlehrerin – ein Job, der auch viel mit Selbstbewusstsein und Körperlichkeit zu tun hat. „Das will ich an die Frauen weitergeben“, sagt sie. „Die sind wunderschön – und wissen das oft gar nicht.“

Preise – von und für Boudoir

Awards
Der „Luminar Award“ wurde im Oktober von der Luminar Akademie im bayrischen Neuburg verliehen. Fünf Fotografen haben zwischen den eingereichten Werken entschieden.

Luxus
Preise für ein Boudoir-Shooting bei Lucie Michaelis nennt die Fotografin nur auf Anfrage, sie liegen aber im vierstelligen Bereich. „Das ist ein Luxusprodukt“, sagt die Fotografin. Sie bietet zusätzlich zu den eintägigen Shootings auch ganze Boudoir-Reisen an, die nächste geht nach Rhodos.