Spätestens seit Steven Spielbergs Meisterwerk „Der weiße Hai“ könnte man meinen, dass die blutrünstigen Meeresjäger die angsteinflößendsten Kreaturen im Tierhorror-Genre wären. Aber gerade gewalttätige Affen bereiten dem Publikum oft noch mal eine ganz besondere Art von Unbehagen: Zu nahe scheinen die Tiere dem Menschen evolutionär zu stehen, als dass man sich nicht unwillkürlich in ihnen wiederzuerkennen meint. „Der Affe im Menschen“ hieß nicht von ungefähr der deutsche Verleihtitel von George A. Romeros „Monkey Shines“, dem bis heute besten und hintergründigsten Affenhorrorfilm überhaupt.

Mit „Primate“ zollt der britische Regisseur Johannes Roberts („The Strangers: Opfernacht“) dieser direkten Verwandtschaft nun auf besondere – und dabei besonders effektive – Weise Tribut: Der tollwütige Schimpanse Ben, der 90 Minuten lang wirklich jeden menschlichen Knochen zum Zerbrechen bringt, wird nicht mittels CGI auf seine Opfer losgelassen, sondern stattdessen von dem Darsteller Miguel Torres Umba im Affenkostüm verkörpert. So gelingt ein kompromissloser Tierhorror, der sich ganz physischer Wucht, klaustrophobischer Spannung und handfestem, praktisch gemachtem Gore verschreibt – und dabei erstaunlich kurzweilig bleibt!

Zum Glück ist Affe Ben wasserscheu: Lucy (Johnny Sequoyah) und ihre Gäste sind außerhalb des Pools nirgendwo mehr sicher!

Sony Pictures

Zum Glück ist Affe Ben wasserscheu: Lucy (Johnny Sequoyah) und ihre Gäste sind außerhalb des Pools nirgendwo mehr sicher!

Dabei ist Ben anfangs noch eher sanft und verspielt, als Lucy (Johnny Sequoyah) in den Sommerferien zu ihrem Vater Adam („CODA“-Star Troy Kotsur) und der kleinen Schwester Erin (Gia Hunter) nach Hawaii zurückkehrt. Ihre an Krebs verstorbene Mutter, eine Sprachwissenschaftlerin, brachte den Affen einst mit nach Hause, weil sie erforschen wollte, ob Tiere in der Lage sind, auf Begriffe zu reagieren. Seitdem ist Ben längst ein vollwertiges Familienmitglied geworden, das per Tastendruck auf einem Tablet Empfindungen in Wörter übersetzen kann: etwa, dass er Lucy vermisst habe, als sie die letzten Monate fern vom Heim studierte.

Doch die Natur spielt der allzu schnell voranschreitenden Vermenschlichung des Affen einen Streich. In seinem Käfig wird Ben von einem infizierten Mungo in den Arm gebissen und bekommt Tollwut. Und diese äußert sich schon bald in exzessiver, völlig enthemmter Gewalt: Einem Tierarzt, der ihn untersuchen möchte, reißt und beißt er genüsslich in groben Fetzen die Haut vom Gesicht, bevor er ihn schließlich tötet…

Kein Gramm Fett zu viel

Selbst wenn die FILMSTARTS-Kritiken für den mit minimalem Budget gedrehten Unterwasser-Schocker „47 Meters Downsowie dessen Fortsetzung damals nicht so positiv ausgefallen sind, gilt Johannes Roberts bei seinen Fans als Gewährsmann für betont drastischen Tierhorror, der sich wirkungsvoll und ohne jegliches erzählerisches Fett auf eine Grundtugend des Genres zurückbesinnt: handwerklich effektiv Angst zu erzeugen. Auch „Primate“ hält sich nicht lange mit der Konstruktion eines Erzählrahmens auf. Vielmehr etabliert er zu Beginn in wenigen Minuten ein minimalistisches Setting und eine variantenreiche Bedrohungssituation.

Von Ben verfolgt und attackiert werden Lucy, ihre Freundinnen Kate (Victoria Wyant) und Hannah (Jessica Alexander) sowie ihre übrigen Partygäste schnell zu Gefangenen: Das elterliche Haus befindet sich direkt an einer ins Meer hinabstürzenden Klippe und den einzigen möglichen Fluchtpunkt bildet ein Swimmingpool, den der wasserscheue Schimpanse nicht betreten kann. Gerade in dieser Beschränkung aufs Wesentliche liegt der große, enorm kurzweilige und gekonnt ausgespielte Reiz des Films. Jeder Versuch, den sicheren Pool zu verlassen und zu entkommen, mündet in einem exzessiven, blutig ausbuchstabierten Set-Piece.

Ben wird ganz klassisch von einem Darsteller im Affenkostüm gespielt – und das erweist sich als viel wirkungsvoller als jede CGI-Kreatur!

Sony Pictures

Ben wird ganz klassisch von einem Darsteller im Affenkostüm gespielt – und das erweist sich als viel wirkungsvoller als jede CGI-Kreatur!

Dabei avanciert „Primate“ zu einem lustvollen Fest an rein handgemachten, praktischen Effekten, wie man es zuletzt nur noch selten in großen Hollywoodproduktionen zu sehen bekommen hat. Man muss es sich wohl mit dem riesigen Erfolg der Splatter-Orgien „Terrifier 2“ und „Terrifier 3“ erklären, dass sich eine Hollywoodproduktion wieder dermaßen explizite und harte Gore-Effekte erlauben kann. Besonders eine Szene, in der ein menschlicher Unterkiefer krachend herausgerissen wird, um später sogar noch einmal handlungstragend aufzutauchen, dürfte an Drastik im Mainstreamkino schnell nicht mehr überboten werden!

Zugleich ist Johannes Roberts aber auch ein versierter Kenner und Liebhaber von Horrorgeschichten: Fans von Stephen King werden beim Sehen sicherlich immer wieder an den Roman „Cujo“ sowie dessen Verfilmung erinnert werden („Primate“ drehte sich in einer früheren Drehbuchfassung tatsächlich noch um einen tollwütig gewordenen Hund). Mit süffisanter Freude kann es sich der Film auch nicht nehmen, die ikonischste Szene aus Stanley Kubricks King-Adaption „The Shining“ zu zitieren und weiterzudenken: Schaut ein wahnsinnig gewordener Affe durch eine zersplitterte Tür hindurch, wirkt auch dort die mörderische Absicht allzu erschreckend menschlich.

Fazit: So reduziert die Prämisse, so gnadenlos effektiv die Umsetzung! Regisseur Johannes Roberts beweist erneut sein Gespür für minimalistisches Erzählen und maximalen Effekt.