Russland hat am 24. Februar 2022 die Ukraine angegriffen. Der von Wladimir Putin euphemistisch als „militärische Spezialoperation” bezeichnete Krieg dauert per 10. Jänner 2026 exakt 1.416 Tage – ein Ende ist nicht absehbar.
1.416 Tage dauerte auch ein anderer Krieg: In Russland als „Großer Vaterländischer Krieg” verklärt, hierzulande als Zweiter Weltkrieg bekannt. Für die Sowjetunion begann er am 22. Juni 1941 und endete mit der Kapitulation Hitler-Deutschlands am 8. Mai 1945 – ebenfalls nach 1.416 Tagen.
Der historische Vergleich ist für den Kreml unerquicklich. Während die Sowjetunion nach 1.416 Tagen in den Trümmern Berlins stand, kommt Russlands Armee nach fast vier Jahren Krieg in der Ukraine kaum über begrenzte Geländegewinne hinaus und man braucht nicht allzu viel Fantasie, um zur Einsicht zu kommen, dass sich Wladimir Putin die vergangenen 1.416 Tage im Februar 2022 sehr deutlich anders vorgestellt haben muss.
Putins Drohungen – „Wer auch immer versucht, uns zu behindern muss wissen, dass die Antwort Russlands sofort erfolgen und zu Konsequenzen führen wird, die Sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben” – verpufften wirkungslos. Ebenso der Appell Putins vom 24. Februar 2022, in dem er die „Angehörigen der ukrainischen Streitkräfte aufforderte, unverzüglich die Waffen niederzulegen und nach Hause zu gehen”.
Der Vormarsch der russischen Armee auf Kyjiw scheiterte 2022 – zurück blieb ein Gürtel aus zerstörtem Gerät auf den Straßen rund um die ukrainische Hauptstadt.
1.416 Tage später konnte die russische Armee noch nicht einmal die Oblaste Donezk und Luhansk vollständig einnehmen. Das, obwohl russische Truppen und russisch unterstützte paramilitärische Gruppen dies bereits seit April 2014 versuchen. Auch die ukrainische Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj ist weiterhin im Amt sowie politisch und militärisch voll handlungsfähig.
Weder militärisch-taktisch-operativ noch militärisch-strategisch oder geostrategisch kann Russland trotz fast vier Jahren Krieg irgendeinen Erfolg verbuchen. Im Gegenteil: Russlands Schwarzmeer-Flaggschiff „Moskwa” liegt – wie viele andere Schiffe der Flotte – auf dem Meeresgrund. Und die restlichen Schiffe haben sich im Hafen von Noworossijsk eingeschlossen, wo sie allerdings trotzdem immer wieder attackiert werden – zuletzt etwa das U-Boot „Kolpino”.
Das russische Schwarzmeerflotten-Flaggschiff „Moskwa“ in Flammen. Sein Untergang markierte den Anfang vom Ende der russischen Seeherrschaft im Schwarzen Meer.
Nicht nur sämtliche Gefechtsfahrzeuge der russischen bataillonstaktischen Gruppen, die im Februar 2022 in die Ukraine einfuhren, sind längst Schrott. Zigtausende Fahrzeuge, die auf Halde standen und instand gesetzt wurden, um die Lücken zu füllen, folgten.
Stand heute hat Russland mehr als 11.000 Kampfpanzer, 23.000 Schützenpanzer, 30.000 Artilleriegeschütze, 56.000 Lkw sowie sonstige Fahrzeuge verloren. Die schier endlos wirkenden Lager und Abstellflächen voll mit alten Gefechtsfahrzeugen aus dem Kalten Krieg sind inzwischen leer. Mittlerweile gibt es täglich neue Bilder von Russen, die zu Pferd an der Front unterwegs sind.
Russlands Luftwaffe, ausgestattet mit Kampfhubschraubern, Erdkampfflugzeugen, Jagdbombern, Jägern, Bombern und Spezialflugzeugen zur Kampfunterstützung, war nie – und ist bis heute nicht – in der Lage, den Luftraum über der Ukraine zu beherrschen. Bereits seit März 2022 führt Russland keine nennenswerten Operationen mehr über der Ukraine durch. Hunderte Flugzeuge und Hubschrauber hat Russland im Krieg gegen die Ukraine verloren – viele davon am Boden, auch tief im Hinterland, wie etwa im Rahmen der Operation „Spider Web”.
Im Sommer 2025 gelang es dem ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU, russische strategische Bomber direkt auf ihren Heimatstützpunkten zu zerstören.
Die russische Fliegerabwehr ist zudem mit der Weite des eigenen Raumes überfordert. Die ukrainischen Fernangriffsfähigkeiten überschreiten Stand Ende 2025 regelmäßig Entfernungen von mehr als 1.000 Kilometern. Täglich treffen ukrainische Abstandswaffen kritische Infrastruktur tief im russischen Hinterland. Ziele sind Schlüsselunternehmen der russischen Rüstungsindustrie, der petrochemischen Industrie sowie andere neuralgische Punkte des militärisch-industriellen Komplexes.
Die russische Armee hat laut ukrainischen Angaben bisher über 1,2 Millionen Mann verloren. Westliche Analysten konnten über 160.000 Gefallene namentlich durch Todesanzeigen verifizieren. Analysen von Friedhöfen legen Zahlen von 243.000 bis 352.000 Gefallenen nahe. Da die freiwillige Rekrutierung mittels hoher Zahlungen oder Gefängnisinsassen nicht mehr ausreicht, um die Verluste zu kompensieren, hat Putin für 2026 per Dekret die Einberufung von Reservisten angeordnet.
Die russischen Rohölexporte erreichen aktuell den niedrigsten Stand seit Anfang 2022. Die Einnahmen aus dem Export von Öl, Gas und Kohle sind der wesentlichste Faktor im russischen Budget. Aufgrund der Sanktionen und der Schäden in den wichtigsten Raffinerien sind sie Stand jetzt allerdings gegenüber 2022 um mehr als die Hälfte eingebrochen – von 1 bis 1,5 Milliarden Euro auf rund 500 Millionen Euro pro Tag, weiter sinkend.
Ukrainische Sea Baby-Drohnenboote greifen russische Tanker und militärische Versorgungsziele im Schwarzen Meer an.
Jene NATO, die Putin in die Schranken weisen wollte – „nicht einen Zoll weiter nach Osten” (O-Ton Putin) – ist kräftig gewachsen. Nicht nur ist die russische Landgrenze zur NATO um 1.340 Kilometer länger geworden, auch stellt der Beitritt Finnlands und Schwedens die militärisch deutlichste Stärkung des Nordatlantikpakts seit seiner Gründung dar. Die Ostsee ist vollends zur „NATO-Badewanne” geworden. Am 25. Juni 2025 beschlossen die Mitgliedsländer des Verteidigungsbündnisses, künftig fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung und Sicherheit zu investieren.
Der Sturz des Regimes von Baschar al-Assad in Syrien kostete Russland sein strategisches Standbein im Mittelmeer, die Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA einen auch energiewirtschaftlich bedeutenden Verbündeten in Südamerika. Angesichts der Proteste in der Islamischen Republik Iran ist es nicht ausgeschlossen, dass Moskau bald die nächste geostrategische Niederlage einstecken muss.
Putins Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt. Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat am 17. März 2023 einen Haftbefehl gegen Wladimir Putin erlassen. De facto kann er selbst mit diplomatischer Immunität nur in Länder reisen, die das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs nicht ratifiziert haben. In 125 Staaten gilt ein Haftbefehl wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen – konkret der Deportation ukrainischer Kinder.
Der seit 2022 einzige Wachstumssektor der russischen Wirtschaft, die Rüstungsindustrie, stagniert aktuell. Gleichzeitig ist die Produktion von Zivilgütern rückläufig: Baumaterialien minus 11 Prozent, Fahrzeugproduktion minus 60 Prozent, Eisenbahnwaggonproduktion minus 33 Prozent, Investitionen in den Güterverkehr minus 26 Prozent und Investitionen in den Personenverkehr minus 47 Prozent. Zinszahlungen verschlingen zudem immer größere Anteile der Unternehmensgewinne. Rüstungsbetriebe müssen ihre Produkte unterhalb der Gestehungskosten an den Staat verkaufen.
Russland wirbt aktiv in Afrika und Asien für Arbeitsplätze in der (Rüstungs-)Industrie. Zuletzt wurde der russische Arbeitsmarkt für Inder freigegeben. Immer wieder finden sich Männer, die dem russischen Angebot folgen – allerdings auch an der Front wieder.
Am 30. September 2022 annektierte Russland die ukrainischen Oblaste Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson. Bis heute konnte Russland diese international nicht anerkannte Gebietsaneignung militärisch allerdings nicht vollständig durchsetzen.
Mit völkerrechtswidrigen Scheinreferenden versuchte Russland 2022, die Annexion ukrainischer Gebiete zu legitimieren – militärisch konnte Moskau diese Territorien bis heute nicht vollständig kontrollieren.
Der militärische Erfolg Russlands im Jahr 2025: Die russischen Streitkräfte haben weitere 4.336 Quadratkilometer der Ukraine erobert. Das sind 0,72 Prozent der Gesamtfläche der Ukraine. Dem stehen allein im Jahr 2025 Verluste von umgerechnet 35 Divisionen beziehungsweise 413.000 Mann gegenüber.
Die von Putin verkündete „Sonder-Militäroperation zur Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine” hat sich zu einem militärischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Desaster für Russland entwickelt.
Hier geht es zu weiteren Meldungen rund um die russischen Streitkräfte.