Vielleicht ist es ein Spiegel der vergangenen Lebensjahrzehnte des Bildhauers Hubertus von Pilgrim, dass sein zweieinhalb Meter großes Bronzehaupt Konrad Adenauers in Bonn im Kontext des 150. Geburtstags des Kanzlers kaum abgebildet wurde – die Skulptur, die in einem weiteren Guss auch vor der Adenauer-Stiftung in Berlin-Tiergarten steht, scheint zu stark, fordert den harmlos-abstrakte Denkmäler gewohnten Betrachtern viel ab. Schon dem bohrenden Blick en face halten viele nicht stand.

Erst recht aber zwingen ab Ohrenhöhe kleinere Figuren in der Figur wie der Reichsadler und die Jahreszahl 1933 zum Umgehen der Büste, um dann am Hinterkopf Blicken zurück ins bewegte Politikerleben wie der Kathedrale von Reims als Aussöhnungszeichen sowie ein zweites Mal Adenauer mit Rosenstock, nicht weniger erratisch, zu begegnen. Nicht nur erweitert von Pilgrim hier das Genre Porträtbüste zu einer Gedenkbildstele mit Gesicht, er macht auch die Erinnerungen im Kopf anschaulich.

Seine Skulpturen erzählen auf allen Seiten

Strategien der Allansichtigkeit, das Umrunden-Müssen seiner Skulpturen wie auch Differenzerfahrungen von Vorder- und Rückseite sind Charakteristika des Werks des 1931 in Berlin geborenen von Pilgrim und zeichnen auch sein wichtigstes Werk aus: Mit der Figurengruppe des KZ-Häftlingszugs aus Dachau April 1945, von dem 22 Abgüsse in Gemeinden im oberbayerischen Würmtal entlang des Todesmarschs Richtung Alpen stehen, können seit 1989 die Qualen der 25.000 Gefangenen und der Tod von mindestens tausend dieser Gepeinigten wie in einem säkularisierten Kalvarienberg nachvollzogen werden. Auf einer Seite der Figurengruppe, die subtil Elemente von Rodins „Bürger von Calais“ aufgreift, findet sich zusätzlich eine Schrifttafel. Im Jahr 1992 stellte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ein Exemplar dieser Gruppe auf; zu Recht erachtete von Pilgrim daher diese Mahnmale als sein bleibendes Vermächtnis.

Porträtbüste und historische Bildstele in einem: die Adenauer-Kopfplastik von Hubertus von Pilgrim vor der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Berliner TiergartenstraßePorträtbüste und historische Bildstele in einem: die Adenauer-Kopfplastik von Hubertus von Pilgrim vor der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Berliner TiergartenstraßePicture Alliance

Dass Überraschungsmoment von Vorne und Hinten prägt auch seine zahlreichen Gedenkmedaillen mit sehr unterschiedlichen Avers- und Reversseiten, so etwa jene für die Studienstiftung des deutschen Volkes. Daidalos wählte er als Erfinder mit Handlungsverantwortung und das Schöpfen mit denkenden Händen – ambivalent versinnbildlicht als Medusenhaar auf dem Haupt -, während ein spiralförmiger Ammonit als Ohr für ihn das ewige Prinzip von Ovids naturam novare verkörperte.

Die tiefen Kenntnisse der Kunsthistorie stammten aus der Studienzeit, erarbeitete er sich doch zunächst die Geschichte der Kunst und Literatur in Heidelberg mit parallelem künstlerischen Unterricht beim Gründungsmitglied der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“, Erich Heckel, um danach in Berlin bei Bernhard Heiliger Bildhauerei zu erlernen. Von 1963 an war er Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, vierzehn Jahre später wechselte er an die Akademie der Bildenden Künste in München. Im Jahr 1995 wurde er in den Orden Pour le mérite aufgenommen. In der Neujahrsnacht ist Hubertus von Pilgrim nun im Alter von 94 Jahren in Pullach gestorben.