Ein Baby gibt man nicht so leicht an einen Fremden. Das war auch Moritz Braun bewusst, als er vor kurzem den Stuttgarter Bioladen „Grünschnabel“ übernommen hat. Der „Grünschnabel“ ist unter den Stuttgarter Bioläden eine Institution. Und für die Gründerin Inge Wick ist der Laden auch im Alter von 43 Jahren ihr Baby geblieben.

In der kommenden Woche wird der Laden in der Nähe des Vaihinger Schillerplatzes mit neuem Konzept neu eröffnet – ohne Namensänderung, ohne vorherige Schließung. Letzteres ist ungewöhnlich. Überraschender noch ist der harmonische Wechsel von der Gründerin zu ihrem Nachfolger, der mit 25 Jahren ihr Enkel sein könnte.

„Für uns ist das wie ein Sechser im Lotto“, sagt Wick. „Sie ist eine große Unterstützung in allen Belangen“, entgegnet Braun. Man glaubt es ihnen, so wie sie an diesem Nachmittag im kleinen Büro hinter der Ladentheke sitzen und auch über ihre gemeinsamen Werte sprechen: der absolute Glaube an Bio etwa oder der faire Umgang mit den Beschäftigten und Menschen. „Einen kleinen Bioladen betreibt keiner, um viel Geld zu verdienen“, betont Wick. „Das ist nach wie vor mit viel Idealismus verbunden.“

„Bio bedeutet für mich auch den wertschätzenden Umgang mit den Beschäftigten.“

Moritz Braun, neuer „Grünschnabel“-Chef

Vor eineinhalb Jahren bahnte sich die Übergabe an. Da studierte Braun Medienwissenschaften und BWL, als ihm ein Bekannter von Wicks Sohn erzählte, dass der „Grünschnabel“ eine Nachfolge suche. Wicks Sohn wiederum wusste, dass Braun in der Biobranche kein Greenhorn war und mit der Selbstständigkeit liebäugelte.

Künftig mit Imbiss: Moritz Braun öffnet die Tür zum neu gestalteten „Grünschnabel“. Foto: Daniel Gräfe

Schon zur Schulzeit jobbte Braun in der Stuttgarter Bio-Supermarktkette Naturgut, die später großteils an Dennree mit der Bio-Kette Denns Biomarkt verkauft wurde. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung zum Manager im Einzelhandel. Noch in der Lehre übernahm er die stellvertretende Marktleitung in den Naturgut-Geschäften in Sillenbuch und am Marienplatz. „Als Naturgut dann verkauft wurde, habe ich aufgehört“, sagt Braun und deutet den Grund dafür an: „Bio bedeutet für mich auch den wertschätzenden Umgang mit den Beschäftigten.“

Das vergangene Jahr hatten er und Wick Zeit, sich auf die Neuausrichtung des „Grünschnabels“ zu verständigen. Wick war sich bewusst, dass das Ladenkonzept modernisiert werden musste, ihre und Brauns Ideen ähnelten sich. Wick selbst fehlte nach 43 Jahren Arbeit für den Neuanfang die Kraft.

Der „Grünschnabel“ bietet nun mittags Imbiss an

So hat Braun die Gemüse- und Obstregale erweitert, weitere Frischwaren in den Einkaufsbereich genommen und das Sortiment klarer gruppiert. Die kleine Sitzecke hat sich zur Kaffee- und Imbissecke ausgewachsen, denn der Grünschnabel bietet künftig mittags Suppe, Eintopf, Salat und belegte Brötchen an – „alles ist auch im Laden zu kaufen“, wie Braun betont. Mit dem primär regionalen Angebot grenzt sich der Grünschnabel weiterhin von den Bio-Supermarktketten ab. Fünf lokale Bäcker liefern das Brot. Drei Dutzend weitere Partner aus der Region und Baden-Württemberg sorgen für frisches Obst, Gemüse und Fleisch oder Wein.

Die Erfahrungen aus seinen „Naturgut-Jahren“ wiederum nutzte Braun, um das Warenwirtschaftssystem und die Einsatzpläne zu modernisieren, und den „Grünschnabel“ ins Digitalzeitalter zu überführen. So lässt sich an den Kassen künftig alles mit Karte bezahlen, der Social-Media-Auftritt wird überarbeitet. „Wir wollen auch ein jüngeres Publikum ansprechen“, betont Braun.

Dafür läuft er seit vergangenem September auf Höchsttemperatur. Von 4.30 bis 19.30 Uhr ist er täglich im Büro, um sich um die Unterlagen und den Aufbau zu kümmern, um die Warenlieferungen und den Ladenbetrieb. Sonntags baute er den Laden mit Hilfe von Freunden um. Es ist höchst ungewöhnlich, dass die Neuausrichtung ohne Schließung über die Bühne ging. „Die Hoffnung ist, dass sich meine Arbeitszeiten ab März normalisieren“, sagt er. Normal heißt eine 60-Stunden-Woche statt der 90- bis 100-Stunden-Woche derzeit, wo er auch noch Arbeit nach Hause mitnehme.

Dass Braun derzeit Single ist, liegt bei dem Arbeitspensum nahe. Privat sieht er derzeit nicht viel mehr als Bett und Küchentisch. Beides befindet sich in der Möhringer Wohnung seiner Eltern, wo Braun vorübergehend sein kostengünstiges Basislager aufgeschlagen hat. Der Geschäftsführer aus dem Kinderzimmer zahlt sich derzeit selbst nur 20 Stunden auf Mindestlohn-Basis als Gehalt aus. Im Grünschnabel-Gehaltsranking rangiert er momentan ganz unten.

Moritz Braun hat alle 17 Beschäftigten übernommen

Alle 17 Beschäftigten, fast alle Teilzeitkräfte und Minijobber, hat Braun übernommen. Das hört sich viel an für einen 150 Quadratmeter großen Laden. Doch mit einer offenen Käse- und Brottheke und dem Imbiss sei das auch nötig. Der Laden habe ihn einen niedrigen fünfstelligen Betrag gekostet, dafür hat er auch Schulden mit übernommen. Zum Glück ist die Miete weiterhin günstig.