Als sehender Mensch durchs zugeschneite und glatte Braunschweig zu laufen, ist eine Sache. Das als sehbehinderter oder blinder Mensch zu meistern, ist eine ganz andere Hausnummer.
Aytekin Demirbas aus Braunschweig ist blind – und zeigt News38, wie er seinen Winter-Alltag so meistert. Er nimmt uns mit zur Post. Was banal klingt, ist alles andere als das. Das zeigt sich schnell.
Braunschweig: Stock statt Strick
Seit vielen Jahren kann der Braunschweiger nichts mehr sehen. Eine Augen-Erkrankung machte bei ihm Stück für Stück das Licht aus. Wie der 50-Jährige damit umgeht, ist beeindruckend. Er hätte sich damals auch „einen Strick nehmen“ können, sagt er sarkastisch. Aber dazu sei das Leben doch viel zu lebenswert – auch mit Stock. Den führt er gekonnt und tippend mit sich, als wir uns im Östlichen Ringgebiet treffen. Von der Hartgerstraße geht es bis zur Post in der Nußbergstraße, wo Aytekin ein Paket abholen möchte. Der Gehweg ist am Donnerstag (8. Januar) einigermaßen gut geräumt. Auch Splitt liegt fast immer.
+++ Mit dem Rollstuhl über den Weihnachtsmarkt Braunschweig: „Hier bin ich aufgeschmissen“ +++
Dennoch gibt es auch glatte Stellen, die matschig oder rutschig sind. Es gebe da ein super Mischverhältnis, sagt Aytekin: „Einer räumt super gut – und der andere gibt sich gar keine Mühe.“ Tatsächlich wurde nach einer Schnee-Nacht auch um 13 Uhr nicht überall geräumt. Das sieht man. Beziehungsweise spürt Aytekin das. „Da werfe ich den Leuten dann doch mal etwas Nachlässigkeit vor“, sagt er. Generell will er nicht draufhauen oder pauschalisieren. Aytekin ist kein Ankläger. Er möchte nur auf ein Problem aufmerksam machen. Wachrütteln.
Vor allem an den kleinen Kreuzungen ist es tückisch: „Wenn so viel Schnee liegt, weiß ich teilweise nicht, ob ich schon beziehungsweise noch auf der Straße bin – oder auf dem Bürgersteig.“ Und das sagt der 50-Jährige an dem Tag vor der angekündigten Schneewalze, welche die Straßen und Wege wieder vollschneien dürfte… (Mehr dazu liest du hier!)
„Das ist nicht schön“
Richtig „eingesperrt“ fühle er sich bei Schnee und Glätte übrigens nicht, sagt der Braunschweiger. Aber: „Wenn es nicht unbedingt nötig ist, bleibe ich zu Hause. Aber natürlich muss man alltägliche Besorgungen machen. Dann wage ich mich sehr langsam und vorsichtig raus. Im schlimmsten Fall bitte ich aber auch mal andere um Besorgungen.“ Im Gegensatz zu anderen Menschen, habe er halt leider nicht die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. „Das ist nicht schön“, sagt Sparkassen-Mitarbeiter Aytekin.
Aytekin aus Braunschweig hat dieser Tage nicht nur mit Schnee, sondern auch mit E-Scootern (der stand übrigens vor dem Foto deutlich mehr im Weg), Warnschildern und Weihnachtsbäumen zu kämpfen. Foto: News38
„Ein Traum wäre es, wenn immer überall sofort geräumt wäre, aber das ist ja logistisch gar nicht machbar. Das Wetter ist halt, wie es ist. Natürlich sollte geräumt werden. Aber wenn es immer wieder schneit, hast du einfach keine Chance, alles sauber zu halten.“ Dennoch richtet er einen Wunsch an die Braunschweiger Haus-Eigentümer, Genossenschaften und an die Stadt: „Räumt bitte gern möglichst früh. Habt ein Auge darauf, ob es geschneit hat. Auch wenn ich keinem einen Vorwurf machen möchte.“
„Kein wildes Hin- und Hertasten“
Aber kann er sich nicht „einfach“ mit seinem Stock auch im Schnee orientieren? Nein! „Das ist ja kein wildes Hin- und Hertasten. Da steckt ein System hinter, was wir Blinde lernen. Durch das Tippen entsteht unter anderem ein Schall. Der wiederum ermöglicht es uns zum Beispiel, Haus-Eingänge und Hof-Einfahrten zu erhören. Wenn aber Schnee liegt, der nicht geräumt ist, dann hast du dieses Geräusch nicht. Dann höre ich keinen Schall“, sagt der Vorstand für Mobilität und Tiefbau im Behindertenbeirat Braunschweig.
Unfälle habe er auch schon gehabt. Sich unter anderem im Hauptbahnhof Braunschweig die Nase gebrochen. Aber schneebedingt habe er da noch nichts dergleichen erlebt: „Ich bin halt aber auch super vorsichtig und gehe schnell wieder nach Hause, wenn ich merke, dass es zu glatt ist.“
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Dann wollten wir noch wissen: Unabhängig vom Wetter, wie gehen die Braunschweiger so mit dir um? „Es gibt schon sehr nette und aufmerksame Menschen. Aber leider eher selten. Die meisten Leute sind mit sich selbst oder ihren Telefonen beschäftigt.“ Das ist doch auch mal ein guter Schluss-Satz. Wobei Aytekins „Wir sehen uns“ noch viel besser ist.